Der professionelle Fischfang ist in Italien zu einer grossen Herausforderung geworden. Die Fischbestände sind massiv zurückgegangen. Das bedeutet für unabhängigen Fischer längere Arbeitszeiten bei weniger Ertrag. Eine Reportage aus Livorno.

von Giacomo Sini

Ein Croissant und ein Kaffee, das schnelle Frühstück in der ersten Bar, die in der Nähe des alten Hafens bereits geöffnet ist. Wenn die Stadt noch schläft, fährt Donato mit seinem bunten Lieferwagen zum Hafen von Livorno, wo sein Fischerboot namens «The Idea Motorboat» vor Anker liegt. Wenn es Montag wäre, würde er zusammen mit seinen beiden Brüdern und einem tunesischen Matrosen hinausfahren, während er in den anderen Nächten beim Entladen der Ware hilft, die mithilfe seiner Frau Anna auf dem Fischmarkt oder auf regionalen Märkten verkauft wird.

Donato ist 60 Jahre alt und Fischer seit seinem 14. Lebensjahr, als er zusammen mit seinen Brüdern und seinem Vater, die inzwischen im Ruhestand sind, die Arbeit begann. Wie alle, die diese Arbeit in Livorno ausüben, stammen sie aus einer süditalienischen Familie, aus Manfredonia im Gargano-Gebiet. In Italien beschäftigt die Fischerei etwa noch 35 000 Menschen mit einer Fischereiflotte von 13 000 Booten, Einheiten, die sich auf Sizilien und Apulien konzentrieren. Ihr Fang lag in den vergangenen Jahren bei       185 300 Tonnen Fisch pro Jahr. Die Fangmengen sind aber in den letzten 30 Jahren ständig gesunken. Dafür gibt es mehrere Gründe: den Anstieg des Dieselpreises, restriktivere Vorschriften, hohe Bussgelder bei Verstössen und weniger Fische im Mittelmeer. «Als ich anfing, auf See zu fahren, gab es in Livorno mindestens 30 Hochseefischereiboote, jetzt sind es weniger als die Hälfte», sagt Donato. «Das liegt nicht im Generationenwechsel begründet. Es gibt viele junge Leute, die die Tätigkeit der Familie fortsetzen, aber es ist heute selten, dass sich jemand aus freiem Willen dafür entscheidet.»

Nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen ist der Fischkonsum in den letzten Jahren in Italien stark angestiegen. «Die Gastronomen und Supermärkte bevorzugen den Kauf von gefrorenem Fisch, der oft von weit her kommt. Importware zu niedrigeren Preisen.» Das erklärt, warum heute 60 Prozent des in Italien verkauften Fisches nicht aus italienischen Gewässern stammen. «Da ich meine Ware auf den Märkten verkaufe, versuche ich, die Leute zu überzeugen, dass frischer Fisch aus dem Mittelmeer etwas ganz anderes ist», erklärt der Fischer. Donato hat das Glück, dass er seine Fische auf verschiedenen Märkten der Toskana anbieten kann, dank seiner Mitgliedschaft bei Coldiretti, ein Verband, der Kleinbauern und Fischer vertritt.

Der Einzelhandel ermöglicht es ihm, sein Geschäft weiterzuführen. Die gewöhnlichen Wartungskosten eines elf Meter langen Motorbootes, wie die Idea eines ist, liegen bei bis 2 000 Euro pro Jahr. Hinzu kommen die obligatorische Weiterbildung, die Bussen, die Fangsperre im Oktober. «Es besteht kein Zweifel, dass die von Jahr zu Jahr erlassenen EU- und nationalen Vorschriften auch für die Umwelt und die Sicherheit von Vorteil sind. Aber ich habe auch den Eindruck, dass dabei die Grossunternehmen, die mit ihrer massenhaften industriellen Fischerei das Meer schwer beeinträchtigen, bevorzugt werden.» Viele Fischer waren gezwungen, vor allem in der nahe gelegenen Stadt Viareggio, in den Dienst von Grossunternehmen zu treten, um ihre Tätigkeit fortsetzen zu können. Sie haben ihre Freiheit verloren, den Preis des Produkts selber bestimmen und die Produkte frei verkaufen zu können.

Die Fangmöglichkeiten werden laut Donato immer weniger. Drei Meilen vor der Küste darf nicht mit Schleppnetz gefischt werden und die Sperrzonen werden auch ausgedehnt. «Es gibt einige Umweltschutz-Zertifizierungen, wie das MSC − Marine Stewardship Council −, das sich aufgrund der hohen Zertifizierungskosten aber nur grosse Unternehmen leisten können.» Auf den Docks gibt es heute Mülltonnen, um das Plastik zu entsorgen, das die Fischer im Meer oder in ihren Netzen finden. «Einmal fand ich einen Behälter, der in der Nähe der Küsten schwamm und aus dem eine giftige Flüssigkeit auslief; als ich nach Livorno zurückkehrte, setzte ich mich mit den Behörden in Verbindung, aber ich stand kurz davor, wegen illegaler Abfalltransporte angezeigt zu werden.»

Auf den Docks des alten Hafens von Livorno kann man zahlreiche maghrebinische Jungen sehen. «Sie kommen hauptsächlich, um auszuhelfen, Netze zu entwirren oder Fisch zu entladen. Es ist nicht ungewöhnlich, dass jemand als Matrose an Bord kommt, aber einen Ausländer an Bord zu nehmen ist kostspieliger, denn im Gegensatz zu einem italienischen Bürger müssen wir für sie eine höhere Quellensteuer bezahlen.» Ein Fischer wie Massimo, der jüngere Bruder von Donato, arbeitet bei gutem Wetter im Durchschnitt 20 Stunden am Tag, Samstage und Sonntage sind Ruhezeiten. «Wenn wir in See stechen, müssen wir unseren Zeitplan dem Büro des Kapitäns mitteilen, ebenso bei der Rückkehr. Dann müssen wir die exakte Menge gefangener Fische mit ihrem exakten Namen in lateinischer Sprache übermitteln», sagt Massimo. Wenn sie auch nur eine Zahl übersehen, kann das Bussgelder verursachen. Das Leben von Massimo ist voller Opfer. Aber er und sein Bruder würden wahrscheinlich immer noch die Berufswahl treffen, wenn sie nochmals vor diesem Entscheid stünden. Das Meer erziehe zu Geduld und zum Schweigen, sagen sie. «Früher haben wir während des Fischfangs oft lange Gespräche zwischen Fischern im Funk mitgehört. Das ist selten geworden, weil es weniger Boote hat. Die Fischer haben auch keine Lust mehr, sich zu exponieren.»