Mit dem Appell, die Katholische Kirche lebendig zu gestalten, endete am 1. Februar 2020 in Frankfurt die Erste Versammlung des Synodalen Wegs in Deutschland. «Herzlichen Glückwunsch: Es wird wieder gestritten in der Katholischen Kirche!», so twitterte jemand kurz darauf zu den Debatten der Synodenversammlung, die auch in der Schweiz auf viel Interesse stiessen. Dieser Twitter-Kommentar trifft einen ebenso erfreulichen wie wunden Punkt in der aktuellen kirchenpolitischen und theologischen Diskussion.

Erfreulich ist zunächst das hohe Medienecho, welches honoriert, dass unter dem Pontifikat von Papst Franziskus wieder offen und in aller Freiheit über Themen wie Macht, Sexualmoral, Frauen in der Kirche, Zölibat und Mitbestimmung geredet wird. Erfreulich ist auch, dass mit klarer Mehrheit entschieden wurde, den Weg der offenen Gesprächskultur fortzusetzen. Weniger erfreulich ist, dass eine kleine Minderheit konservativer Bischöfe und Theologen, als sie in den Versammlungen überstimmt worden war, grundsätzliche Zweifel am Prinzip der Synodalität äusserte. Lautstark und polemisch, aber eben auch ängstlich erklärten sie in den Medien, dass Wahrheiten nicht durch Mehrheiten gewonnen werden könnten. Sie pochten auf das Prinzip der Rechtgläubigkeit, obwohl Papst Franziskus den Bischofskonferenzen auf dem ganzen Globus die Synodalität als Weg der Partizipation und Entscheidungsfindung nahegelegt hatte.

Ein wesentlicher Beitrag zur Glaubwürdigkeit der Ersten Synodenversammlung in Deutschland ist für mich, dass sie nicht einfach ein Debattierclub über die Zukunft der Kirche war, sondern ein geistlicher Prozess auf der Basis ignatianischer Spiritualität. So wurde die Versammlung in Frankfurt nach den Prinzipien der «Achtsamkeit» und der «Wirksamkeit» strukturiert und erfreulicherweise von einer Frau und einem Mann begleitet, nämlich der geistlichen Begleiterin Maria Boxberg und dem Jesuitenpater Bernd Hagenkord, die beide langjährige Exerzitienerfahrung haben. Was in Frankfurt geschah, war also weniger ein politischer als vielmehr ein geistlicher Prozess.

Eine alte Regel des Heiligen Benedikt sagt: «Wenn der Heilige Geist in allen wirken soll, soll man auf alle hören, und alle entscheiden mit.» Da in Frankfurt die sogenannten «Laien» als Volk Gottes genauso ihre Stimme abgeben konnten wie die Bischöfe, wurde das in der Katholischen Kirche nicht von allen geliebte Demokratie-Prinzip zwar auf Kosten des Hierarchie-Prinzips rehabilitiert. In meiner Lesart war es jedoch ein geistgewirkter Vorgang, um eine möglichst breite Abstützung für das Wirken des Heiligen Geistes zu erreichen.

2022 wird die Katholische Kirche Schweiz das Jubiläum «50 Jahre Synode 72» begehen. Für den kürzlich verstorbenen früheren Churer Bischof Amédée Grab war die Synode 72 das markanteste Ereignis in der Schweizer Kirchengeschichte des 20. Jahrhunderts. Möge das Jahr 2022 zur Chance werden, den in Deutschland begonnenen Synodalen Weg auch in der Schweiz auf fruchtbare Weise fortzusetzen: Am besten achtsam und wirksam.