In Kairo, der Hauptstadt Ägyptens, wird der Platz knapp. Die Lösung: eine neue Regierungshauptstadt. 2015 stellte Präsident Abd al-Fattah as-Sisi das Megaprojekt vor. Was damals noch sehr utopisch klang, nimmt jetzt, sechs Jahre nach Baubeginn, klare Konturen als Megacity an.

von Flavia Müller

Bereits die vorhergehende Regierung unter Husni Mubarak erkannte das Problem der Knappheit, weshalb im Jahr 2000 New Cairo City gebaut wurde – eine Planstadt für knapp fünf Millionen Bewohner. 2018 bewohnten aber erst rund 300 000 Menschen die neue Stadt. Dennoch hat die aktuelle Regierung das Megaprojekt für eine neue Hauptstadt gestartet.

Die Bauherren teilen regelmässig Videos über das Bauprojekt auf YouTube. Dabei wird die Grösse erst richtig deutlich. Auf einer Gesamtfläche von rund 725 Quadratkilometern entsteht eine Grossstadt nach amerikanischem Vorbild für rund 8,5 Millionen Bewohner. Mit den bereits fertiggestellten Gebäuden Christi-Geburt-Kathedrale und Al-Fattah-al-Alim-Moschee befindet sich die jeweils grösste Kirche bzw. Moschee des Landes in der Stadt. Ebenfalls bereits fertig ist das Herzstück des neuen Regierungssitzes in der neuen Stadt, der «Iconic Tower», der mit 345 Metern das höchste Haus des Kontinents wurde.

Die Superlative hören aber noch nicht auf. Die erste Monorail Nordafrikas wird in der neuen, noch immer namenlosen Hauptstadt den Strassenverkehr entlasten und gleichzeitig mit knapp 100 Kilometern Streckennetz die weltweit längste Monorail-Bahn sein. Die Stadt wird nach den neuesten Methoden und mit neuesten Technologien gebaut. Es wird eine sogenannte Smart City mit ausgeklügeltem Energie-, Verkehrs- und Infrastruktur-Management. Nachhaltigkeit soll in allen Bereichen Einzug halten und sogar absolut sicher soll die Stadt dank lückenloser Kameraüberwachung werden.

Auch ein neuer Flughafen wird gebaut, der die Stadt bestens mit dem Rest der Welt vernetzt. Das Budget für dieses Mega-Bauprojekt ist gemessen an all den Superlativen erstaunlich klein. Gerade mal 45 Milliarden US-Dollar soll die erste Phase kosten – und nichts davon den ägyptischen Staat dank privater Investoren. So zumindest wird alles auf den offiziellen Webseiten beworben.

Planstadt völlig planlos
Ägypten ist nicht das erste Land, das eine Hauptstadt von null auf neu errichtet. Man denke da nur an Brasilien, das mit Brasilia eine Millionenstadt aus dem Boden gestampft hat, die heute aber nur spärlich belebt ist. Auch Putrajaya in Malaysia nahe Kuala Lumpur fristet ein ähnlich lebloses Dasein. Die Strassen sind mehrheitlich leer. Die Bewohner leben dort, weil sie dort arbeiten. Ein richtiges Stadtleben sucht man aber vergebens.

Dieses Schicksal könnte auch der neuen Hauptstadt Ägyptens drohen. Bereits jetzt fühlt sich der virtuelle Rundgang durch die Stadt via YouTube gespenstisch an. Als würde man durch eine Filmkulisse laufen. Noch ist die Stadt natürlich nicht bewohnt. Im Juni 2021 soll aber die Regierung bereits ihre Geschäfte von dort aus führen – nachdem diese erst 2016 von Kairo nach New Cairo City verlegt wurde. Ebenfalls können die ersten Wohneinheiten reserviert und gekauft werden. Die Stadt hat grosse Pläne. Für rund 8.5 Millionen Einwohner soll sie Zuschlupf bieten und durch das geplante Wachstum im Laufe der nächsten Jahre sogar bis auf 17 Millionen wachsen.

Die Bevölkerung hat aber bisher nur wenig davon. Einzelne Wohneinheiten stehen bereits wieder zum Verkauf. Manch einer erhoffte sich dort ein gutes Geschäft, die Bevölkerung scheint aber nicht interessiert zu sein an Eigentum in der neuen Stadt. Die Preise sind höher als im Rest des Landes und das für eine Gegend, die noch nicht mal fertig und belebt ist.

Grosse gespenstische Baustelle
Eine Kritikerin, nennen wir sie Mariam, da sie namentlich nicht genannt sein will, war vor Kurzem dort, nachdem sie auf dem Rückweg vom Strand in Sukhna eine falsche Abzweigung nahm. Sie beschreibt die Gegend als grosse Baustelle, lärmig, gespenstisch und für eine Frau nicht gerade sicher – da nur Bauarbeiter vor Ort seien. Völlig verängstigt habe sie dann nach einiger Zeit den Ausgang aus der Stadt gefunden. Sie erzählt weiter, dass seit ca. 2016, also mit Baustart der Megacity, die Steuern massiv angehoben worden seien – auch auf Wohneigentum. So wird dieser Grossbau ihrer Meinung nach querfinanziert, denn die Armee kontrolliere die Stadt und die Bauarbeiten. Die Baufirmen würden alle auf eigenes Risiko bauen, bisher habe keine der Firmen eine fixe Zusage, dass nach der Fertigstellung auch Geld fliessen werde.

Die Regierung übt Druck aus, damit die Bevölkerung in die neue Stadt zieht. Dies können sich aber nur wenige leisten, und die meisten wollen auch nicht dahin, genau wie Mariam. «Die Stadt ist viel zu weit weg von allem, mindestens eine Stunde von allen anderen Städten, bis zu zwei Stunden von Downtown wegen des Verkehrs. Die Strassen sind zwar bereits fertig, aber nicht beleuchtet. Der Hochgeschwindigkeitszug ist noch weit weg von der Fertigstellung und mit dem Bau der Monorail wurde noch nicht mal begonnen – dazu fehlt das Geld», erzählt Mariam. Das ganze Projekt bezeichnet sie als «Propaganda» und als «Low Budget-Kopie von Dubai». Nicht einmal die Arbeiter würden dort wohnen, sondern jeden Abend per Bus wieder nach Hause gebracht. Mariam schätzt, dass es noch Jahre dauern könne, bis sich dort ein Leben entwickeln werde – wenn überhaupt. Dafür seien die Preise einfach zu hoch, auch für Läden und Gastroflächen. «Die Regierung hätte viele andere ‹Baustellen›, um die sie sich erst kümmern müsste, bevor man so ein undurchdachtes Grossprojekt startet», meint Mariam. Doch dafür ist es jetzt zu spät. Der noch namenlosen Grossstadt droht also noch vor der Fertigstellung dasselbe Schicksal wie vielen anderen Planstädten weltweit. Die Zeit wird zeigen, ob die aktuelle Grossbaustelle belebt wird oder zur Gross-Bauruine verkommt.