Ein Glaubensimpuls von Schwester Anna Mirijam Kaschner

Neulich haben wir uns in unserer Bibelgruppe einen Text aus dem Buch Genesis vorgenommen: Die Opferung des Isaak. Ein schwieriger Text. Da wird Abraham vor eine schier unlösbare Aufgabe gestellt. Er soll seinen einzigen Sohn töten, weil Gott es so will. Eine Verwechslung ist ausgeschlossen: «Nimm deinen Sohn, deinen einzigen, den du liebst, Isaak, und bring ihn als Brandopfer dar.» Was ist das für ein Gott, der so etwas verlangt? Wie kann Gott so grausam sein? Auch wenn Abraham dieses Opfer am Ende nicht bringen muss und er und sein Sohn verschont werden, so nimmt dies doch nichts von der Dramatik und der Dunkelheit dieser Erzählung.

Am Anfang heisst es: «In jenen Tagen stellte Gott Abraham auf die Probe.» Aber auch hier kann man sich fragen: Hat Gott das nötig? Braucht Gott eine Bestätigung dafür, dass Abraham ihm gehorcht und an ihn glaubt? Kann Gott, der doch die Herzen der Menschen kennt, nicht ohne solch eine «Probe» auskommen? Doch, das könnte er. Und nein, Gott hat das nicht nötig. Aber vielleicht brauchen wir, vielleicht braucht unser Glaube die «Probe». Ja, vielleicht ist es wichtig und unerlässlich für uns Menschen, dass wir unseren Glauben an Gott «bekennen» können – und das nicht nur mit Worten jeden Sonntag im Gottesdienst, wenn wir das Glaubensbekenntnis sprechen, sondern draussen im Leben, wenn es darauf ankommt. Denn mit dem Glauben ist es so ähnlich wie mit unseren Muskeln. Beide werden nur wachsen und kräftig werden, wenn sie herausgefordert und trainiert werden. Das ist nicht immer angenehm. Das kann wehtun – ich glaube, es gibt auch so etwas wie «Muskelkater» im Glauben. Aber Muskeln und Glauben werden nur gekräftigt, wenn ich sie gebrauche, wenn ich sie trainiere, wenn ich sie herausfordere.

Diese Erprobung unseres Glaubens muss dabei nicht so dramatisch sein, wie in der Erzählung von Abraham, und sie ist es – zumindest in unseren Breitengraden – zum Glück auch nicht. Bei uns geht es eher um die kleineren, aber doch oftmals auch herausfordernden Proben unseres Glaubens. Das kann beispielsweise die Herausforderung sein, sich am Sonntag auf den Weg zum Gottesdienst zu machen und nicht noch lieber ein Stündchen länger im Bett zu bleiben. Es kann die Herausforderung sein, am Obdachlosen, der um Geld bettelt, nicht einfach vorbeizugehen und so zu tun, als hätte ich ihn gar nicht gesehen, sondern ihm in die Augen zu schauen und ihn zu grüssen, weil auch er von Gott geliebt ist. Es kann bedeuten, am Arbeitsplatz nicht einfach stillschweigend über eine fremdenfeindliche Aussage eines Kollegen hinwegzuhören, sondern Stellung zu beziehen. All diese Übungen stärken und festigen den Glauben, und der Muskelkater – das wissen wir – vergeht auch wieder