Achtsamer Blick

Anne Challandes

Präsidentin des SBLV

zur Nachhaltigkeit im Agrarbau

In der Rubrik „Mein achtsamer Blick“ unserer Partnerzeitschrift Doppelpunkt wirft jede Woche eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft einen Blick auf das, was für sie zählt. Der Sonntag publiziert diesen Beitrag für seine Lesserinnen und Leser online. Die Meinung der Autorinnen und Autoren muss sich dabei nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

Alle „achtsamen Blicke“ finden Sie unter www.doppelpunkt.ch/achtsamer-blick.

Die Nachhaltigkeit: Gleichgewicht und Realismus 

Nachhaltigkeit ist ein zentraler Wert und wird gerne von verschiedensten politischen Kreisen oder in der Öffentlichkeit gebraucht. Sie gehört auch zur Landwirtschaft, denn sie ist ein wichtiges Fundament für den Erhalt einer lebendigen und produzierenden Landwirtschaft mit BauernfamilienIn diesem Sinne kann sie nicht nur auf ökologische Ideale beschränkt werden. Sie muss eine ausreichende Produktion mit einer optimalen Balance zwischen ökologischen, ökonomischen und sozialen Aspekten ermöglichen. 

Die beiden Agrar-Initiativen, über die im Juni abgestimmt wird, betreffen auch die Nachhaltigkeit. Sie stellen unsere Verantwortung als reiches Land infrage, zwischen Ökologie und Realismus. Laut FAO (1) umfasst das Konzept der Nachhaltigkeit viel mehr als nur den Erhalt der Grundlagen der natürlichen Ressourcen. Um nachhaltig zu sein, muss die Landwirtschaft die Bedürfnisse heutiger und zukünftiger Generationen nach ihren Produkten und Dienstleistungen erfüllen und dabei ein Gleichgewicht zwischen den drei Aspekten, die sie ausmachen, sicherstellenNachhaltigkeit heisst Ökologie, Ökonomie und Soziales. Mit anderen Worten: Das primäre Ziel der Landwirtschaft ist es, ausreichend und optimal Nahrung bereitzustellen. 

Wissenschaftliche Studien zeigen, dass die Annahme dieser Initiativen unweigerlich zu einer Reduzierung der heimischen Produktion um 20 bis 40 Prozent führen würdeJe nach Kultur und Jahr kann die Ernte sehr unterschiedlich ausfallen. Bei einer Reduktion von 20 Prozent würde das Äquivalent der Produktion von 200 000 Hektar fehlen 
(20 Prozent von etwa einer Million Hektar landwirtschaftlichen Nutzflächen).

Ohne Änderung des Konsummüssten wir 200 000 Hektar im Ausland «kolonisieren»Wir müssten dann mehr Rindfleisch aus Brasilien, Poulets aus Osteuropa oder Palmöl aus Asien importieren. 

Achtsamer Blick

Unsere Verantwortung ist es, die Ungereimtheiten dieser Initiativen zu hinterfragenWie würden wir den Produktionsrückgang in der Schweiz, wo die Bevölkerung immer mehr zunimmt, kompensieren? Welche Garantien haben wir, dass uns im Falle einer weltweiten Ernährungskrise genug Nahrungsmittel «geliefert» würden? Und die wichtigste Frage, welche Ungereimtheiten der beiden Initiativen ans Licht bringt: Wie können wir rechtfertigen, dass ein reiches Land wie die Schweiz sich in anderen Ländern mit Lebensmitteln bedient, welche wir aus ideologischen Gründen hier nicht mehr produzieren wollen? 

Nachhaltigkeit heisst für unsgenügend Nahrungsmittel auf optimale Weise zu produzieren. Die Konsumentinnen und Konsumenten können schon heute mit ihrem Kauf entscheiden, welche Lebensmittel und somit welche Art von Produktion sie bevorzugen: Qualität, Regionalität, Tierschutz/Tierwohl oder günstigster Preis. Weil ich meine Verantwortung als Bürgerin wahrnehme und weil Nachhaltigkeit für mich Priorität hat, werde ich am 13. Juni zwei Mal mit Nein stimmen. 

Anne Challandes ist Präsidentin des Schweizerischen Bäuerinnen- und Landfrauenverbands SBLV. 

*Die Argumente der Befürworterinnen und Befürworter vertritt in der nächsten Ausgabe Ursula Schneider Schüttel, Nationalrätin SP und Präsidentin von Pro Natura.