Anne Frank kam vor 75 Jahren um ihr 15-jähriges Leben. In 70 Sprachen wurde ihr Tagebuch übersetzt und gilt heute als Weltdokumentenerbe. Ihr Nazi-Schicksal hat wie kein anderes in der Kunst Niederschlag gefunden.

 von Anton Ladner 

Es begann im Juli 1942 in einem Hinterhaus, das Achterhuis, an der Prinsengracht in Amsterdam. Die Familie Frank versteckte sich dort vor den Nazis, um einer Deportation zu entgehen, die Mutter Frank bereits angekündigt war. Später zogen in das nur 50 Quadratmeter grosse Haus die Familie van Pels und der Zahnarzt Fritz Pfeffer. In diesem Versteck schrieb Anne Frank das Tagesgeschehen und vor allem ihre Gefühle in ihr Tagebuch. Das Versteck wurde verraten, wobei auch später offen blieb, durch wen. Wahrscheinlich wurden die Achterhuis-Bewohner im September 1944 mit dem letzten Zug nach Auschwitz transportiert. Laut Angaben des Roten Kreuzes wurde Hermann van Pels direkt nach der Ankunft vergast, seine Frau auf dem Transport nach Theresienstadt. Der Sohn starb auf dem Todesmarsch von Auschwitz zum KZ Mauthausen. Anne, Margot und Edith Frank wurden in Block 29 des Frauenlagers Birkenau untergebracht. Als sich Anne mit Krätze infizierte hatte, kam sie in den Isolierblock, wo noch katastrophalere hygienische Zustände herrschten. Als die Russen sich Auschwitz näherten, deportierten die Nazis Anne und Margot nach Bergen-Belsen. Dort brach neben Typhus und anderen Krankheiten auch eine Fleckfieber-Epidemie aus. Laut Zeugenaussagen fiel Margot geschwächt von ihrer Pritsche und starb. Einige Tage später war auch Anne tot, kurz bevor britische Truppen das Lager befreiten. Laut Recherchen der Anne-Frank-Stiftung waren Anne und Margot bereits im Februar 1945 gestorben. Anne und Margot Franks Grab befindet sich auf dem Gelände der Gedenkstätte Bergen-Belsen. Obschon das Tagebuch von Anne Frank diesen Horror bis zum Tode mit keinem Wort erwähnt, weil es aufgrund des Verrats und der Verhaftung abbricht, hat es in der Kultur eine breite Spur hinterlassen. Es sind wohl die kleinen Details im Tagebuch, die den Nazi-Terror emotional tief erlebbar machen. 1959 erschien der Film «Das Tagebuch der Anne Frank», der mit drei Oscars ausgezeichnet wurde. Er wurde 1980 neu verfilmt. Unter dem gleichen Titel erschien 1987 ein britischer Fernsehfilm. 1996 erschien der Dokumentarfilm «Anne Frank – Zeitzeugen erinnern sich», der mit dem Oscar ausgezeichnet wurde. Im schmerzlichen Film «Anne Frank» von 2001 wurde zum ersten Mal ihr Leben bis zum Tod im KZ dargestellt. 2009 produzierte die BBC eine Fernsehserie mit dem Titel «Das Tagebuch der Anne Frank». Und 2016 kam der Film «Das Tagebuch der Anne Franke» ins Kino, der die Entwicklung des Teenagers in den Mittelpunkt stellt. Die Aufzählung dokumentiert: Anne Frank hat mit ihrem Tagebuch einen Stoff hinterlassen, der nicht mehr loslässt. Deshalb verwundert es nicht, dass ihr Schicksal auch auf die Theaterbühne kam. Das Stück «Das Tagebuch der Anne Frank» der Hollywood-Drehbuchautoren Albert Hackett und Frances Goodrich, dasMitte der 1950er-Jahre uraufgeführt wurde, gilt als Klassiker und war die Vorlage für den ersten Film. Eine Adaption dieses Stücks kam 1997 an den Broadway. Und 2015 wurde in Karlsruhe das Ballett «Anne Frank» uraufgeführt. Aber auch in der Musikwelt hinterliess das Tagebuch Werke: 1969 schrieb der russische Komponist Grigori Frid die Oper «Das Tagebuch der Anne Frank» für eine Sängerin. Der britische Komponist Robert Steadman schuf zu Ehren von Anne Franks 75. Geburtstag ein 20-minütiges Werk für Chor und Saiteninstrumente und der spanische Regisseur Rafael Alvero präsentierte 2008 in Madrid ein Musical  über Anne Franks Leben. In der Malerei sticht das Werk von Marc Chagall hervor, der eine limitierte Ausgabe des Tagebuchs illustrierte. In der Literatur schrieb der US-amerikanische Schriftsteller und ewige Nobelpreisanwärter Philip Roth  in seinem Roman «The Ghost Writer» von 1979 von der Fiktion, dass Anne Frank den Zweiten Weltkrieg übersteht und anonym als Schriftstellerin in den USA lebt. Sie hätte es mehr als verdient, nicht mit schon 15 Jahren auf eine so grausame Weise sterben zu müssen. Aber Anne Frank, das zeigt die Aufzählung oben, lebt in einer anderen Dimension weiter. Am 5. April 1944 schrieb Anne Frank in ihr Tagebuch: «Mit Schreiben werde ich alles los. Mein Kummer verschwindet, mein Mut lebt wieder auf. Aber, und das ist die grosse Frage, werde ich jemals etwas Grosses schreiben können, werde ich jemals Journalistin und Schriftstellerin werden?» Die Antwort ist klar: «Ja, liebe Anne, eine ganz grosse mit Weltruf – eine für die Ewigkeit!»

 

Anne Frank in Sils Maria

Ein Denkmal vor der «Villa Laret» in der Nähe des Hotels Waldhaus in Sils Maria erinnert an die Ferienaufenthalte Anne Franks im Jahr 1935 und 1936 im Haus ihrer Pariser Grosstante Olga Spitzer. Eine Vase, die sie zum Abschied 1936 ihrer Ferienfreundin Tosca Nett aus dem Ort schenkte, ist heute in der Sammlung des Nietzsche-Hauses in Sils Maria zu sehen

 

Annes Vater in Birsfelden

Annas Vater, Otto Frank, überlebte das KZ Auschwitz-Birkenau, das am 27. Januar 1945 von der russischen Armee befreit wurde. Nach einigen Jahren in Amsterdam zog er mit seiner Lebenspartnerin 1952 nach Birsfelden, da seine Schwester in Basel lebte. 1953 heiratete er seine Partnerin, eine Wienerin, die ihren Mann und ihren Sohn im KZ Ausschwitz verloren hatte. Er hatte sie im KZ kennengelernt. Otto Frank verstarb im August 1980 in Birsfelden. Seine Lebensaufgabe sah er darin, das Tagebuch seiner Tochter zu verbreiten. 1966 gründete er den Anne Frank Fonds in Basel, den er zu seinem Universalerben bestimmte. Der Fonds verwaltet das Urheberrecht am Tagebuch.