In Lugano ist eine Ausstellung des US-amerikanischen Fotokünstlers William Wegman zu sehen, der seine Hunde eingekleidet oder in besonderen Positionen ablichtet. Was auf den ersten Blick lustig erscheint, löst beim zweiten Blick grundsätzliche Fragen aus.

Spass scheint es den Hunden der Rasse Weimaraner nicht zu machen. Denn sie schauen abwesend in die Linse oder ins Leere. Model sein für surrealistische Darstellungen ist etwas für Narzissten – aber weniger für Hunde, mag man denken. Wie kam der 76-jährige Amerikaner auf den Hund? Man Ray sorgte dafür. Aber nicht der surrealistische Künstler, sondern der Weimaraner, den sich Wegman 1971 zulegte und nach dem Künstler Man Ray benannte. Der Hund brachte Wegman auf die Idee, ihn in Kostümen oder mit humorvollen Requisiten abzulichten. Denn Man Ray lief dem Fotokünstler während der Arbeit immer ins Bild. Der Jagdhund habe dabei sein wollen, erklärte William Wegman. Es habe seinem Man Ray auch Spass gemacht, mit Requisiten zu spielen, interpretiert der Künstler im Nachhinein. Als Man Ray 1982 starb, folgte die Hündin Fay Ray, mit der er Polaroid-Bilder realisierte. Zweifellos hatte William Wegman eine enge Bindung zu Man und Fay Ray sowie zu den nachfolgenden Tieren. Mit ihnen ironisiert der Amerikaner das Menschliche im Menschen. Deshalb steht die Ausstellung in Lugano unter dem Titel «Mensch sein». Der Ausstellung liegt das Buch «Being Human» zugrunde, das anlässlich einer Ausstellung in der New Yorker Sperone-Westwater-Galierie 2017 erschienen ist.

Auf die Frage, ob in Lugano eine Ausstellung über das Hundsein oder über das Menschsein zu sehen sei, antwortete der Künstler in einem Zeitungsinterview mit der Gegenfrage: «Ist das wirklich ein so grosser Unterschied?» Dennoch betont Wegman, er habe nie seine Hunde vermenschlichen wollen.

Wer bei Wegman, der auch malt, aber keine Hunde, sondern Landschaften, nach Tiefgreifendem sucht, wird allerdings wenig fündig. Denn Wegman lebt von der Aktion. Die Weimaraner findet er ideal für seine Kunst, nicht weil sie einen besonderen Charakter haben, ihre Seele in den Augen aufleuchtet oder ihre Sanftmut besticht, sondern ihrer Fellfarbe wegen. Der neutrale Farbton, so Wegman, sei mit allem kombinierbar. Und so zieren Bilder von ihnen auch den neuen U-Bahnhof an der 23rd Street in New York. Die Hunde stecken in Jacken, Hemden oder haben Regenmützen auf und sorgen für Farbe im tiefen Untergrund – surreale Dekoration. Ohne die Verkleidung käme jedoch die ganze Schönheit der Hunde zur Geltung.

Das ist der grösste Schwachpunkt bei William Wegmans Konsumkunst: Die Requisiten, die die Hunde geduldig ertragen müssen, verdecken ihre naturgegebene Eleganz Alle Requisiten, die eingesetzt werden, um sie menschlich erscheinen zu lassen, reduzieren letztlich ihre Ästhetik und ziehen sie ins Lächerliche. Mit der neuen Sensibilisierung für Tiere und Pflanzen, die der Klimawandel ausgelöst hat, erscheinen Wegmans Werke als Klamauk-Kunst, die auch als Kinderbücher, Wandkalender, Poster und auf T-Shirts erhältlich ist. Die positive Wirkung nach der Betrachtung der Kunstbilder: Man weiss, was nicht sein soll.

 

Die Sicht des Tierschützers

Welche Wirkung haben die Bilder auf einen Tierschützer? Wir stellten diese Frage Rommy Los, Geschäftsleiter Zürcher Tierschutz:

«Unser Tierschutzgesetz schützt die Würde der Tiere. Es ist verboten, Tiere lächerlich zu machen durch Verkleidungen, Färbungen, Masken etc. Tiere dürfen nicht zu Unterhaltungs- oder Kunstzwecken zu widernatürlichen Positionen und Verhalten verleitet werden. Auch wenn einzelne Fotos von William Wegman den Zweck erfüllen, nachdenklich zu stimmen, so beinhalten doch die meisten eine ungerechtfertigte Instrumentalisierung der Hunde. Diese ist als Würdeverletzung einzustufen und verstösst damit gegen das Tierschutzgesetz. Tiere sind nicht Mittel zum Zweck! Eine Ausstellung solcher Wegman-Fotos ist daher nicht nur ethisch fragwürdig, sondern auch gesetzlich grenzwertig.»