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Kein Jahreswechsel ohne Vorsätze. Viele davon zielen auf ein besseres Leben. Die Wünsche sind da, aber die Vorstellungen davon vage und der eigene Anteil dafür weitgehend unbekannt. Urs-Beat Fringeli, Erwachsenenbildner und als Priester Leiter des Solothurner Wallfartsortes Wolfwil, setzt in seinem neuen Ratgeber auf Gelassenheit als Schlüssel zum inneren Frieden. Wie das funktioniert, erklärt er im Interview.

von Anton Ladner

Urs-Beat Fringeli, viele Menschen formulieren als Jahresvorsatz auch mehr inneren Frieden. Was verstehen Sie unter innerem Frieden?

Spontan gesagt: im Einklang mit sich und der Welt leben. Viele wissen darum, bei der Umsetzung gibt es Schwierigkeiten. Das ist der Grund für das neue Buch: Es ruft die Erkenntnisse der Glücksforschung täglich in Erinnerung. Das heisst konkret: mit Mass leben und geniessen, das Leben entschleunigen, sich täglich kurze Auszeiten nehmen, dabei aber versuchen, Alltagssorgen bewusst loszulassen. Sich auf die positiven Seiten des Lebens konzentrieren, das Schöne und Gute sehen. Das können Kleinigkeiten sein: zum Beispiel eine kurze Lektüre, die mich aufbaut und Vertrauen schenkt. Trotz Corona bleibt uns noch viel erhalten. Es sind bekanntlich die vielen kostbaren Augenblicke, die das Leben lebenswert machen. Flucht aus der Welt vermittelt nur kurzfristig den inneren Frieden. Vielmehr möchte sich der wahrhaftige Mensch einbringen. Auch ein ehrenamtliches Engagement kann Befriedigung schenken, weil es Begegnungen ermöglicht. Diese sind das Salz des Lebens.

Ist der innere Frieden eine Willensangelegenheit?

Ja, da bin ich mir ganz sicher! Wir entscheiden zu einem grossen Teil über unsere Gedanken und Gefühle. Wir können sportlich mit ihnen umgehen, indem wir die negativen Gedanken begrüssen, segnen und mit einem Lächeln loslassen. Das ist ein Prozess. Es gelingt nicht immer. Geben wir nicht zu schnell auf! Wir können es uns antrainieren. Das Buch gibt für alle Tage des Jahres eine bewährte Empfehlung. Es leitet an, das eigene Leben in die Hand zu nehmen, um mehr Lebensqualität zu erlangen. Der Weg zum Glück ist eine tägliche Herausforderung. Wer dranbleibt, wird Schritt für Schritt in ein erfülltes Dasein geführt.

Nach dem Jahreswechsel hoffen viele Menschen auf ein besseres Jahr, auch auf mehr Glück. Gibt es überhaupt eine allgemeingültige Definition von Glück?

Viele behaupten ja: Was mich glücklich macht, hat für andere vielleicht weniger Bedeutung. Menschen sind verschieden. Was aber wohl die meisten Menschen unterschreiben könnten: Zu einem glücklichen Leben gehört es, die erwähnten kleinen Freuden des Alltags bewusst auszukosten, positiv zu denken, mit Vertrauen zu leben, sich und andere zu bejahen, sein Umfeld so einzurichten, wie es für mich stimmt. Vieles mehr habe ich im Buch aufgezählt. Je nach Typ: in einer Gemeinschaft leben, singen, lachen, tanzen. Im Buch bin ich immer wieder auf die Ergebnisse der modernen Glückforschung eingegangen: Ein materielles Vermögen spielt nur insofern eine Rolle, als es ein Mass an Sicherheit gibt. Aber andererseits ist kein solches Vermögen absolut sicher. Deshalb sind eben die Menschen glücklich, die ohne Angst leben, eben vertrauen. Hier kommt der Glaube oder die Spiritualität ins Spiel.

Für Sie ist Glück nicht fremdbestimmt, sondern eine Frage der Entscheidung. Wie funktioniert das konkret?

Eben indem man sich dafür entscheidet. Das heisst konkret: Ich zähle u.a. stündlich kurz sieben Faktoren auf, die mich freuen oder auf die ich mich freue. Zum Beispiel ein leckeres Abendessen, mein Hobby, ein Spaziergang im Wald, eine aufbauende Lektüre, ein Musikstück. Ich rufe mir in Erinnerung, was mit guttut. Ich gönne mir immer wieder etwas. Ich bin grosszügig, denn so erfahre ich Dankbarkeit und Wertschätzung. Ich interessiere mich für die verschiedenen Bereiche des Lebens und für die verschiedenen Menschen. Ich lerne von ihnen. Kunst und Kultur, Musik, Poesie gehören dazu. Sie erweitern den Horizont und vermitteln Weisheit. Ich lache viel. Und vor allem: Ich reserviere mir Zeiten der Stille. Das innere Gebet hilft, heilt. Es schenkt Geborgenheit. Ich sitze täglich in der Stille vor einer Christus-Ikone. Ich spüre die Liebe Christi.

Was ist davon menschliches Urwissen, was moderne Psychologie?

Ich staune immer wieder, wie die moderne Psychologie eigentlich nur formuliert, was zum Urwissen über das Glück der Menschen gehört. Ich habe ja selber viele Bücher gelesen. Manchmal dachte ich: ‹‹Aber das ist doch klar, das ist doch eine Binsenwahrheit.» Und doch werden solche Bücher gekauft. Offenbar haben viele moderne Menschen den inneren Anschluss an das von Ihnen angesprochene Urwissen über das Glück verloren. Sie möchten es von einer Fachperson hören. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass Menschen sich mehr und mehr von einem Leben im Einklang mit der Natur verabschiedet haben. Denn in ländlichen Gegenden ‹‹leben» die Menschen noch stärker ihr Glück. Gerade die Natur, die Tiere, die Blumen, die Rhythmen, die persönlichen Begegnungen und gegenseitige Hilfeleistungen gehören ja dazu. Zum Urwissen gehören genügend Tageslicht, genügend Schlaf und genügend Bewegung. Ebenso: Freundlichkeit, Dankbarkeit und Humor.

Tief unglücklichen Menschen fehlt oft die Kraft für mehr Gelassenheit. Da dreht eine Abwärtsspirale. Was raten Sie in diesen Fällen?

Ich würde ihnen raten, Hilfe anzunehmen. Sie sollten sich mit Menschen umgeben, die eine positive Einstellung haben und Freude ausstrahlen. Seelsorgerinnen und Seelsorger haben ein offenes Ohr. Ich kenne auch Menschen, die in einem Seminar einen solchen Menschen getroffen haben. Zum Beispiel gibt es Angebote in Klöstern oder Bildungshäusern. Dort sind auch Fachmänner und Fachfrauen, die weiterhelfen. Ein bescheidener Beitrag will auch mein neues Buch beisteuern. Es ist erprobt. Die Texte können wirklich helfen und aufbauen. Als Priester rate ich immer auch zum persönlichen Gebet. Es beruhigt, aber ich bin mir sicher: Es wird auch gehört und erhört.

Wie viel Spiritualität setzt Gelassenheit und innerer Frieden voraus? Geht es auch ohne Spiritualität?

Welt und Menschen sind keine Zufallsprodukte, sondern Teil eines göttlichen Plans. Wir sind gewollt, vor allem: durch und durch geliebt. Wir haben einen Körper und eine Seele, die auch gepflegt werden will. Eine zeitgemässe Spiritualität ist deshalb Bestandteil des Buches, auch wenn es keine Vorkenntnisse voraussetzt. Das heisst auch: Wir haben einen Auftrag. Jeder und jede kann an seinem oder ihrem Platz ein wenig mehr Licht und Menschlichkeit verbreiten. Es gibt offenbar Zeitgenossen, die haben so etwas wie eine verinnerlichte Spiritualität. Sie brauchen von aussen nicht viel Anregung. Eine spirituelle Lebensführung vermittelt ein dauerhaftes Gefühl der Gelassenheit und der Geborgenheit. Somit schenkt diese Spiritualität Vertrauen ins Dasein, Sinn, Lebenskraft und Freude.