Erpressung und andere Formen von gezielter Gewalt treiben immer mehr Familien in Mittelamerika dazu, aus ihrer Heimat zu fliehen. Zu diesem Schluss kommt eine Studie des Flüchtlingshochkommissariats UNHCR in Genf und des Kinderhilfswerkes UNICEF. 

von Axel Amweg

Die demografische Verschiebung aus dem nördlichen Mittelamerika spiegelt eine brutale Realität in den Herkunftsländern. Ganze Familien sind bedroht und fliehen gemeinsam, um irgendwo Sicherheit zu finden. Die extreme Gewalt wie Bandenüberfälle und andere kriminelle Aktivitäten dominieren heute den Alltag im nördlichen Mittelamerika. Besonders gefährdet sind Jugendliche, junge Männer und Frauen. Mehr als 30 Prozent der befragten unbegleiteten Flüchtlingskinder gaben irgendeine Art von Gewalt als Hauptgrund für ihre Flucht an, was wiederum ihre Fähigkeit beeinträchtigte, Zugang zur Schulbildung zu haben. 2018 sind 77 800 Familien aus dem nördlichen Mittelamerika geflüchtet. Ein Jahr später waren es 456 Prozent mehr, nämlich 432 000 Familien. Die Flucht geschieht oft, um die eigenen Kindern zu schützen. Denn die mit den Rekrutierungsversuchen verbundenen Todesdrohungen betreffen direkt Kinder und Jugendliche.

Erwachsene berichteten, Drohungen von Banden erhalten zu haben, die sich gegen ihre gesamte Familie gerichtet hätten, was viele dazu veranlasst habe, ihre Gemeinden mit allen Kindern zu verlassen, um sie der Gefahr nicht auszusetzen. Viele Menschen aus dem nördlichen Mittelamerika würden buchstäblich um ihr Leben rennen, hält UNICEF in der Studie fest, die im Dezember veröffentlicht wurde. Die Familien lassen keine Mitglieder zurück, weil sie Vergeltungsmassnahmen von Banden fürchten. Die Pandemie und zwei verheerende Wirbelstürme in Zentralamerika haben die Lage vor Ort zugespitzt. Die Gewalt habe sich verschärft, was in den kommenden Wochen und Monaten wahrscheinlich noch mehr Familien vertreiben werde, nimmt UNICEF an. Denn durch die Bewegungseinschränkungen und Grenzschliessungen bestehen derzeit kaum Fluchtmöglichkeiten, insbesondere in El Salvador, Guatemala und Honduras.

Bis Ende 2019 haben mehr als 800 000 Menschen aus diesen drei Staaten innerhalb ihrer eigenen Länder Schutz gesucht oder im Ausland um Asyl gebeten. Doch 2019 wurden in den USA insgesamt nur noch 29 916 Flüchtlinge aufgenommen. 2016 waren es fast drei Mal mehr. Die Situation von Zehntausenden Flüchtlingen an Mexikos US-Grenze hat sich während der Pandemie zudem deutlich verschlechtert. Die Corona-Krise verzögert laut dem Jesuitischen Flüchtlingsdienst die Behandlung der Asylanträge. Bis zum Juni 2018 sind unter der NullToleranz-Politik von Trumps Regierung mehr als 2700 Kinder an der US-Grenze von ihren Eltern getrennt worden. 545 von ihnen haben ihre Eltern bis heute nicht wiedergefunden. Diese Praxis endete erst, als ein Bundesgericht in San Diego anordnete, dass Kinder in der Obhut der Regierung mit ihren Eltern vereint werden müssen.  

Während in El Salvador junge Frauen und Mädchen Opfer von sexueller und geschlechtsspezifischer Gewalt durch Bandenmitglieder werden, werden junge Männer für kriminelle Zwecke, einschliesslich Drogenhandel, in kriminelle Gruppen rekrutiert. Liest man die aktuelle Reisewarnung des Eidgenössischen Departementes für Auswärtige Angelegenheiten für El Salvador, wird deutlich, wie die Gefahren allgegenwärtig sind: «Der Besitz von Schuss- und anderen Waffen ist weit verbreitet und Kriminelle machen häufig davon Gebrauch.

Gewalttaten können von organisierten Banden oder von Einzeltätern ausgehen und stehen oft in einem Zusammenhang mit dem Drogenhandel. Gewaltverbrechen kommen im ganzen Land häufig und zu jeder Tageszeit vor: Diebstähle, Raubüberfälle, Vergewaltigungen etc. Entführungen und andere Delikte zwecks Gelderpressung kommen ebenfalls vor. (…)Wiederholt sind in San Salvador Busse überfallen und Insassen umgebracht worden.» 

UNHCR und UNICEF fordern jetzt die Staaten auf, ihren internationalen Verpflichtungen nachzukommen und den Personen die Menschenrechte zu gewährleisten, die gezwungen sind, aus ihrem Land oder ihrer Herkunftsgemeinschaft zu fliehen. Es gelte sicherzustellen, dass vertriebene Kinder und Jugendliche in erster Linie als Kinder behandelt würden und dass ihr Wohl im Mittelpunkt stehe.