In Spanien findet die Karwoche – la Semana Santa – jeweils unter grosser Beteiligung der Bevölkerung auf der Strasse statt. Oft schon vor der eigentlichen Karwoche. In diesem Jahr muss aufgrund der Corona-Krise darauf verzichtet werden – aber nicht bildmässig.

 von Carl Meissen

Der Klang der Trommeln vermischt sich mit religiösen Liedern. Menschenzüge bewegen sich mit schweren Skulpturen durch Strassen und Gassen. Die sogenannten Pasos sind tragbare Altäre, auf denen eine Marienstatue steht oder eine Szene des Kreuzzugs dargestellt sind. Die Costaleros, die Träger, sind Mitglieder einer Bruderschaft, die Hermandades, und oft gar nicht sichtbar, weil die Tragkonstruktion der Altäre unter Vorhängen verborgen bleibt. In kleinsten Schritten unter Richtungskommandos folgen die Träger der Prozession. Da es sich um schwere Gewichte handelt, muss der Altar immer wieder abgesetzt werden, um Träger auszutauschen oder um zu pausieren. In Málaga sind die Pasos, die in Málaga Tronos heissen, mit teilweise über vier Tonnen Gewicht besonders mächtig und eindrucksvoll. Sie werden mit einem schaukelnden Schritt getragen, eine Besonderheit von Málaga. Die Kommandos erfolgen durch Klopfzeichen, was ein Spektakel für sich ist. Vor und hinter den Pasos folgen die Nazarenos, die Büsser, die ihre Gesichter unter spitzigen Kapuzen verbergen. Wer schon lange Mitglied einer Bruderschaft ist, darf nahe beim Paso gehen, Kerzen oder Bilder tragen. Ihnen folgen die Penitentes, die Büsser, die ein Holzkreuz auf der Schulter tragen. Sie unterscheiden sich von den Nazarenos dadurch, dass ihre Kapuzen keine spitzen Hauben sind, sondern nach hinten hängen. Viele von ihnen gehen auf dem kalten Boden barfuss, um Busse zu leisten. Ganz für sich, denn sie sind unter den Kapuzen (Capirote) unkenntlich. Einst trugen freiwillige Helfer während der ersten grossen Pest in Sevilla um 1348 solche Capirotes, um sich vor Ansteckung zu schützen, heute wahren sie die Anonymität der Mitglieder der religiösen Bruderschaften.

Diese Frömmigkeit, die kunstvollen Tragaltäre mit den Heiligenstatuen, die Farbenpracht der Blumen, die unheimliche Musik der Kapellen und Trommelgruppen machen die Karwoche in Spanien mit den Tages- und Nachtprozessionen zu einem einzigartigen Ereignis. Zu jeder Prozession gehören mehrere 100 bis zu über 1000 Personen und ebenso viele Zuschauer, an denen die Pasos, Nazarenos und Penitentes vorbeiziehen. Die Prozessionen beginnen jeweils in der Kirche der jeweiligen Bruderschaft. Die Strecke ist genau festgelegt und für alle Bruderschaften einer Stadt gleich, was die zahlreichen Prozessionen während der Semana Santa erklärt. Der Katholizismus ist seit dem 15. Jahrhundert durch Fernando von Aragon und Isabella von Kastilien in Spanien stark verankert. Denn die Reconquista, die Rückeroberung der maurisch-muslimischen Königreiche von al-Andalus durch christliche Herrscher, erreichte 1492 ihren Höhepunkt. Als letzter muslimischer Herrscher wurde Boabdil von Granada von der Halbinsel vertrieben. Das katholische Glaubensbekenntnis wurde so auch zum Ausdruck von Selbstbestimmung und Souveränität.