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Vor Jahren hat Papst Johannes Paul II. den «Sonntag der göttlichen Barmherzigkeit» in den liturgischen Kalender aufgenommen. Ich habe dies damals nicht recht verstanden: Für mich blieb dieser Sonntag der «Weisse Sonntag». Ein «Jahr der Barmherzigkeit» hat Papst Franziskus später ausgerufen. Sein Apostolisches Schreiben «Evangelii gaudium» aus dem Jahr 2013 eröffnete mir einen neuen, erweiterten Zugang zu diesem Anliegen.  

Wir kennen dieses Wort aus dem Neuen Testament vor allem aus dem Gleichnis vom barmherzigen Samariter und von den «Werken der Barmherzigkeit» in der Endzeitrede Jesu am Schluss des Matthäusevangeliums als eine Haltung, die uns die Tür zum Reich Gottes aufschliesst. 

Ein Herz für die Unglücklichen
Für den Kirchenlehrer Thomas von Aquin (um 12251274) war Barmherzigkeit die grösste aller Tugenden, denn sie zielt ganz auf das Wohl des Schwächeren ab. Das lateinische Wort Misericordia könnten wir umschreiben mit «Ein Herz für die Unglücklichen haben». Dieses Bild erinnert auch an die Redewendung «Da steckt Herzblut drin», wenn wir uns mit Leidenschaft für eine Sache einsetzen und etwas von uns selbst und unserer Überzeugung dort hineinlegen. 

Barmherzigkeit ist etwas, das mit Engagement für die Unglücklichen zu tun hat. Aber nicht, weil ich muss, sondern weil ich überzeugt bin, dass ich es muss, weil es nicht nur mit dem anderen zu tun hat, der in Not geraten ist, sondern weil es auch mit mir selbst zu tun hat, mit meinem Lebenssinn. 

Humanität, Empathie und Anteilnahme
Barmherzigkeit macht den Menschen erst zum Menschen! Ein modernes Wort für Barmherzigkeit wäre vielleicht Humanität, Empathie oder Anteilnahme. Anteilnahme am Schicksal des Unglücklichen macht nicht nur uns zu wahren Menschen, sondern auch ihn, der Wertschätzung und Solidarität erfährt. 

Unsere Welt hungert nach Barmherzigkeit! Als Christen und Christinnen sollten wir Expertinnen und Experten der Barmherzigkeit werden, denn sie widerfährt uns auch von Gott her und diese Erfahrung kann für uns nicht ohne Konsequenzen bleiben. Wir zeigen der Welt die Quelle unserer Barmherzigkeit: Gott. So führt Barmherzigkeit nicht nur zum Menschen, sondern durch den Menschen immer auch zu Gott.  

«Die Barmherzigkeit ist die wahre Kraft, die den Menschen und die Welt vor dem Krebsgeschwür retten kann: dem moralischen Bösen, dem spirituellen Übel», schreibt Papst Franziskus in seinem Apostolischen Schreiben «Evangelii gaudium» 2013. Er bezieht sich auf Johannes XXIII. (18811963), der mit dem Konzil vor 50 Jahren Kirche und Welt in einen neuen Dialog führen wollte: «Heute dagegen möchte die Kirche lieber das Heilmittel der Barmherzigkeit anwenden als die Waffe der Strenge erheben. Sie glaubt, es sei den heutigen Notwendigkeiten angemessener, die Kraft ihrer Lehre ausgiebig zu erklären als zu verurteilen» (Eröffnungsrede vom 11. Oktober 1962). 

«Barmherzigkeit» vielleicht ein anderes Wort für «Synodalität»?