Als meine Mutter nach einem Sturz mit Hüftbruch ins Spital kam, stellte ich mich darauf ein, dass sie nun ganz viel Hilfe brauchen würde. Beim ersten Besuch war ich dann doch etwas überrascht, als ein ziemlich schroffes Nein mein Hilfsangebot beim Aufstehen stoppte und ich lediglich dabeistehen und dem mühsamen Aussteigen aus dem Bett zuschauen durfte. Die weiteren Anweisungen, wo meine Hilfe benötigt wurde, kamen deutlich und unmissverständlich. Ich brauchte eine Weile, bis ich mich in die Rolle der «nur» Begleitung, denn eine solche sollte es sein, hineingefunden hatte. Nach und nach habe ich jedoch begriffen, dass es wohl so ist wie in der Musik, in welcher die Begleitung die Solistin ja auch auf keinen Fall übertönen darf, weil sonst das mit viel Aufwand eingeübte Solostück in der Begleitmelodie untergeht.

Um Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und auch Freiheit zu erwerben und zu erhalten, investieren wir viel Energie, Zeit und Geld. Deswegen lassen wir uns dies auch nicht einfach so leicht wegnehmen. Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen wir Hilfe benötigen und auf andere Menschen angewiesen sind. Am meisten Begleitung und Unterstützung brauchen wir wohl am Anfang und am Ende unseres Lebens. Oder einfach dann, wenn die eigenen Möglichkeiten und Kräfte nicht ausreichen. Wie gut, wenn uns in solchen Lebenslagen andere Menschen derart begleitend zur Seite stehen, dass unsere Selbstständigkeit und unsere Freiheit erhalten bleiben.

Ausgezeichnete Begleiter sind auch die Heiligen, denn nicht nur lebende Menschen können uns zur Seite stehen. Uns Schwestern im Dominikanerinnenkloster St. Katharina ist der heilige Dominikus beigesellt, der Gründer unseres Ordens, dessen Festtag wir gerade die vergangene Woche gefeiert haben. Wohl lebte er Ende des 12. Jahrhunderts, doch seine Heiterkeit, Fröhlichkeit und sein ausdauernder Mut zur Verkündigung des Evangeliums sind für uns auch heute noch präsent. Wir alle kennen Menschen, die uns bereits vorausgegangen und bei Gott angekommen sind. Sie sind da für uns; handeln aber nicht an unserer Stelle, sondern begleiten uns still, jedoch nicht weniger wirksam.

Und im Glauben dürfen wir uns erst recht von Gott begleitet wissen, gerade dann, wenn menschliche Hilfe nicht da ist, nicht ausreicht oder versagt. Der schönste Namen Gottes lautet ja: «Ich bin da». Gott ist da für uns. Nicht so, dass er uns zur Seite schiebt und für uns zupackt, alles besser weiss oder uns die richtige Lösung vorlegt. Gott ist da, im Hintergrund, diskret und doch wirksam, wie eine wundersame Begleitmusik, die alles umfängt, trägt und erst so richtig schön macht.

Nach einem Sturz mit Hüftbruch, entschloss sich meine Mutter, ins Altersheim zu gehen. Sie ist, auch mit 88 Jahren, noch eine sehr selbstständige Frau. Der Unfall jedoch hat diese Selbstständigkeit dann doch stark beeinträchtigt. In der ersten Zeit im Spital war diese für sie, gefühlt, von hundert auf null reduziert. Ein sehr schwieriger Zustand. Es hat mich beeindruckt, mit welcher Willenskraft und Zähigkeit, sie sich ihre Unabhängigkeit Schritt um Schritt zurückeroberte. Begleitet wurde sie dabei von einem Team von Ärzten, Pflegepersonen, Therapeutinnen und auch von meiner Schwester und mir. Wegen der grossen Distanz konnte ich sie nicht so häufig besuchen und habe deswegen ihre Fortschritte vom einen zum anderen Mal nicht immer mitbekommen. So wurde mein Angebot, beim Aussteigen aus dem Bett zu helfen, mit Protest abgelehnt, ebenfalls die Unterstützung beim Gang zur Toilette. Ja, Begleiten heisst, sich selbst und seine Vorstellungen zurückzunehmen und das anzubieten, was jetzt konkret gebraucht wird.

Sich begleiten zu lassen, auf Hilfe angewiesen zu sein, das ist nicht einfach. Denn Selbstständigkeit, Unabhängigkeit und Freiheit haben einen hohen Stellenwert im Leben. Um sie zu erwerben und zu erhalten, investieren wir viel Energie, Zeit und Geld. Und doch gibt es immer wieder Situationen, in denen wir Hilfe benötigen, auf andere Menschen angewiesen sind. Und immer wieder sind dies schwierige Situationen.

Begleitung brauchen wir am Anfang und am Ende unseres Lebens am meisten. Und immer dann, wenn die eigenen Möglichkeiten und Kräfte nicht ausreichen. Wie gut, wenn uns in solchen Situationen Menschen zur Seite stehen, die uns helfen und Beistand leisten.

Im Glauben dürfen wir uns zu jeder Zeit und in jeder Lage begleitet wissen, gerade dann, wenn menschliche Hilfe nicht da ist, nicht ausreicht oder versagt. Der schönste Name Gottes lautet: «Ich bin da». Gott ist da für uns. Nicht dass er sich an unsere Stelle begibt, alles besser weiss oder uns die richtige Lösung vorlegt. Er ist da, im Hintergrund, diskret und doch wirksam, als tragende Fülle, bergende Kraft und heilende Liebe.

Und noch eine andere Begleitung gibt es. All die Menschen, die uns bereits vorausgegangen sind, sie sind da für uns, begleiten uns still und wirksam. Wir haben vergangene Woche das Fest des heiligen Dominikus gefeiert. Er ist der Gründer unseres Ordens und lebte im 12. Jahrhundert. Wir halten die Erinnerung an ihn fest, durch verschiedene Gebete. Es hat etwas sehr Bergendes und Tröstliches, um eine solche Begleitung zu wissen.