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«Von einem, der auszog, das Fürchten zu lernen», kennen Sie dieses Märchen der Gebrüder Grimm?

Es handelt von einem furchtlosen jungen Mann, der auf Reisen geht, um das Fürchten zu lernen. Er nächtigt beispielsweise unter einem Galgen und es verschlägt ihn schliesslich in ein Spukschloss. Auch dort kennt er keine Angst und erlöst damit das Schloss von seinen Gespenstern. Als Belohnung bekommt er vom König dessen Tochter zur Frau. Und es ist erst, als er in Liebe zu ihr entbrennt, dass er dann plötzlich fähig ist, auch Furcht und Angst zu empfinden.

Wenn wir der Tiefenpsychologie glauben wollen, handelt es sich bei diesem Märchen um einen Reifungsprozess. Der unerschrockene junge Mann kann den Gefahren ins Auge schauen. Aber er kann gar nicht ermessen, welchen Gefahren er sich möglicherweise aussetzt. Erst als er fähig wird, Gefühle zu empfinden, erst dann ist er auch fähig, sich zu fürchten.

Eine bekannte Evangeliumsstelle zum Thema Angst ist der Sturm auf dem See (Mk 4,35-41). Für die Jünger, die mit Jesus in einem Boot sitzen, ist die Angst lebensbedrohlich. Der Sturm schüttelt das Boot hin und her. Allein Jesus schläft unbekümmert im hinteren Teil des Bootes weiter. Die erste, durchaus provozierende Frage Jesu an seine Jünger, nachdem er dem Sturm Einhalt gebietet, lautet: «Warum habt Ihr solche Angst?»

Vielleicht muss man hier den Rahmen des Bildes bewusst sprengen. Sicher, es mag Situationen geben, in denen uns eine Angst, vergleichbar mit dem Sturm, hin und her schüttelt.

Aber vielleicht zielt die Frage Jesu darauf hin, dass wir bewusst aus dem Boot aussteigen, um wieder festen Boden unter unseren Füssen zu haben. Denn indem wir den festen Boden spüren, können wir die Erfahrung machen: Wir sind nicht diese Angst und wir gehen nicht unter. Indem wir unseren Körper spüren – vielleicht auch den Stuhl, auf dem wir sitzen, oder den Atem, der in uns fliesst – können wir dem Gefühl der Angst eine sinnliche Erfahrung entgegensetzen und so wahrnehmen, dass es einen Abstand gibt zwischen dieser Angst und uns.

Dann die zweite Frage Jesu: Habt ihr noch keinen Glauben? Damit gibt uns Jesus einen Schlüssel zum Verständnis dafür, wie es ihm gelingt, mitten in den Stürmen seelenruhig zu schlafen.

Glaube ist für Jesus in erster Linie ein Beziehungsgeschehen. Er weiss sich getragen vom Vertrauen in seinen göttlichen Vater. Es ist diese existenzielle Beziehung, die Jesus unerschrocken vorangehen lässt, auch angesichts von Anfeindungen und drohender Gewalt. Und vielleicht ist dies auch ein wichtiger Hinweis, wie wir mit unseren Ängsten umgehen können: Dass wir uns wohlgesinnten Menschen anvertrauen und unsere Ängste offen aussprechen auch in unseren Gebeten. Beten heisst für unseren Ordensgründer Ignatius, zu sprechen, wie ein Freund, eine Freundin zu ihrem Freund spricht. Vielleicht eine Anregung, über Stürme und wie wir sie erleben ins Gespräch zu kommen. Es ist die Einladung, Ängste wahrzunehmen, unsere Freiheit zu bewahren und aus Beziehungen heraus zu leben.