Nach dem Anti-Missbrauchsgipfel im Vatikan liegen die Hoffnungen auf den Bischöfen. Was die Vorsitzenden der jeweiligen Bischofskonferenzen dort gehört haben, soll zu einer Sensibilisierung in den Diözesen führen. Damit rückt das Bischofsamt in den Fokus.

von Anton Ladner

Der Krummstab des Bischofs erklärt sein Amt. Es ist ein Hirtenstab, die Krümmung soll helfen, in Büschen verhedderte Schafe zu befreien. Der Bischof ist somit der Hirt der Gläubigen. Das Bischofsamt hat zwar seine Wurzeln im Neuen Testament, ist aber nicht von Jesus begründet worden. Zudem kommt im Neuen Testament das Wort Bischof (griechisch episkopos, lateinisch episcopus) nur fünf Mal vor. Übersetzt wird der Begriff mit Hüter: «Denn ihr wart verirrt wie Schafe, jetzt aber habt ihr euch eurem Hirten und Hüter zugewandt.» (1 Petr 2,25) Der Begriff lässt sich aber nach der Bedeutung der Wortbestandteile epi (auf, darauf) und skopein (schauen) auch mit Aufseher, Leiter, Vorsitzender übersetzen, denn es handelt sich um eine profane Bezeichnung. In diesem Sinne wäre bei den weiteren vier Textstellen, in denen das Wort Bischof vorkommt, der Leiter der Gemeinde gemeint. «Gebt acht auf euch und auf die ganze Herde, in der euch der Heilige Geist zu Vorstehern bestellt hat, damit ihr die Kirche Gottes weidet, die er durch das Blut seines eigenen Sohnes erworben hat.» (Apg 20,28) Damals waren die Apostel, Lehrer und Propheten als von Ort zu Ort ziehende charismatische Prediger tonangebend. Der Vorsteher hingegen war einer Ortsgemeinde zugeordnet. Leiter und Priester waren gleichgestellt, denn Lukas nennt in dieser Apostelgeschichte die Gemeindeleiter einmal Priester (Presbyter) und einmal Vorsteher (Episkopen). Die Beziehung des bischöflichen Amtes zum Apostelamt scheint im Neuen Testament nirgends auf. Denn Ämter und Kirchenordnung sind nach Aussagen des Neuen Testaments Aufgabe der Gemeinde. Deshalb schrieb Karl Rahner: «Von da aus ist es selbstverständlich, dass, wenn überhaupt, das Amt der Bischöfe in der Kirche nur in einer sehr diskreten und indirekten Weise auf einen Stiftungswillen Jesu zurückgeführt werden darf.»

Aufgipfelung

Schon im zweiten Jahrhundert entwickelte sich das Bischofsamt dennoch zum monarchischen Episkopat. Das kollegiale Leitungssystem der judenchristlichen Gemeinden wurde durch das monarchistische Ein ­Bischof­ System der heidenchristlichen, der griechisch­-hellenistischen, Gemeinden abgelöst. Die Ordnung lautete: Gott – Christus–Apostel – Bischof – Priester – Diakon. Das führte zu einer weltlichen Anreicherung des Bischofsamtes, die zu einer Aufgipfelung führte, die bis heute anhält. Bischöfe residieren in Palais, ebenso die Botschafter des Vatikans, die Nuntien, was zu irritierenden Signalen an die Gesellschaft führt. Zudem haben die Bischöfe eine Machtfülle erfahren, dass sie heute nur noch eins sein können: hoffnungslos überfordert. Der Bischof ist der Superseelsorger seiner Diözese, was schlicht nicht gelingen kann. Deshalb meinte schon Karl Rahner, dass es nicht dem katholischen Dogma vom Bischofsamt widerspreche, wenn die bischöfliche Vollmacht von einem Kollegium getragen würde. Die bischöflichen Residenzen legen architektonisches Zeugnis ab von einer Kirchengeschichte mit Bischöfen als Landesfürsten, von geistlichen Fürstentümern, von bischöflichem Hofstaat mit geistlichen Potentaten –mit nicht immer moralisch einwandfreiem Lebenslauf. Erst das Zweite Vatikanische Konzil brachte eine umfassende Lehre über das Episkopat. Das Vatikanum II enthält in der Kirchenkonstitution und in einem Dekret über die Hirtenaufgaben der Bischöfe (Christus Dominus) eine ausgebaute Lehre über das Bischofsamt. Und es brachte auch die Bedeutung des Bischofskollegiums, die heute als Bischofskonferenz bezeichnet wird, wieder zum Tragen. Das Kollegium könnte ein sich selbst regulierendes Organ im Sinne von Checks and Balances (Überprüfung und Ausgleich) sein, was es aber in der Schweiz nicht ist. Ein ehemaliges Mitglied der Schweizerischen Bischofskonferenz erinnert sich: «Die Aufgabe in diesem Gremium bestand darin, das Schlimmste zu verhindern.»

Denunziationen

Das Bischofsamt ist heute zwei Gefahren ausgesetzt: der permanenten Überforderung und der römischen Zentralisierung. Der Papstsoll und muss mit der Bischofsernennung wissen, was für eine Diözese gut ist. Rom nimmt auch Einfluss auf die Besetzung der Lehrstühle an den theologischen Fakultäten –weltweit. Das mündet ebenfalls in eine hoffnungslose Überforderung, denn bei diesen Wahlen spielen gezielte Informationen und eben auch Denunziationen eine Rolle – oft eine verhängnisvolle. Die Entscheide aus dem fernen Vatikan, die auch auf Kommentaren eines Nuntius beruhen, der die Gemeinden vor Ort ebenso wenig kennt (Haben Sie je einen Nuntius in Ihrer Kirche gesehen?), haben für die Betroffenen oft tragische Auswirkungen. Eugen Drewermann brachte es in seinem Buch «Kleriker, Psychogramm eines Ideals» auf den Punkt: «Die Bischöfe haben zu viel Angst vor dem Papst, um zu sagen, was nach ihrer wirklichen Überzeugung das Beste für die Kirche und ihre Diözese wäre.» Leider haben viele von ihnen auch Angst, dies in der Bischofskonferenz offen zu sagen. Zudem müssen die Bischöfe folgenden Eid leisten: «Ich werde mich bemühen, die Rechte und Autorität der Päpste zu fördern und zu verteidigen, ebenso die Vorrechte ihrer Gesandten und Vertreter. Jeden Anschlag, der etwa gegen diese Rechte von irgendjemandem geplant wird, werde ich dem Papst persönlich rückhaltlos aufdecken.» Kuschen und denunzieren? Kann das gut gehen. Das Ausmass des sexuellen Missbrauchs in der katholischen Kirche und der Umgang damit zeigen klar: nein. Es braucht eine umfassende Reform.