Die Katholikinnen und Katholiken der Diözese Chur atmen auf. Eine über zwei Jahre dauernde Vakanz des Bischofstuhls geht zu Ende. Joseph Maria Bonnemain ist vom Papst als Bischof von Chur ernannt worden. Am Josefstag, 19. März 2021, findet die feierliche Einsetzung in der Kathedrale Chur statt.

von Stephan Leimbruger

Ein weitherum positives Echo auf die Nominierung hat gezeigt, wie willkommen der lange erwartete neue Oberhirte ist. Die Ablehnung des Dreiervorschlags durch das Domkapitel galt als Tiefpunkt des Wahlprozedere. Nun will der designierte Bischof Joseph Maria Bonnemain mit seinen 72 Jahren ein neues Kapitel in der Geschichte seines Bistums aufschlagen. In seinem Begrüssungsschreiben stellt er zwei aktuelle Begriffe ins Zentrum:

Impfung der «Geschwisterlichkeit und Hoffnung»

Im Bewusstsein, dass die Christgläubigen im Bistum «Spannungen, Spaltungen und Polarisierungen» durchlitten haben, sagt der neue Bischof in seinem Begrüssungsschreiben, dass mit vereinten Kräften nach Impfstoffen gesucht werde. Gerade heute brauchen wir mit den Worten von Papst Franziskus den Impfstoff für Geschwisterlichkeit und Hoffnung. Und die Kirche soll der Welt ein Beispiel geben und die damit gemeinte Solidarität der Geschlechter, der Generationen und der Extreme von Konservativen und Progressiven in einer offenen Zukunftsperspektive demonstrieren. Der künftige Bischof nimmt – als Arzt und Seelsorger – auch die unter der Pandemie Leidenden in den Blick und setzt weiterhin auf die Gebetsunterstützung «für das Wohl aller Menschen». Angesagt ist nun der Blick nach vorne!

Eine moderne Biografie

Der Erwählte entstammt einer bikulturellen Ehe und Familie: der Vater ein Jurassier, die Mutter aus Barcelona, wo er auch aufgewachsen ist und seine Jugend verbracht hat. Nun können zwei Lebenslinien in seiner Biografie ausgemacht werden: eine medizinisch-seelsorgerliche Lebenslinie und eine theologisch-spirituelle, die auch kirchenrechtliche Aspekte in sich birgt. In der neuen Aufgabe verbinden sich beide Linien miteinander. Die erste medizinische Lebenslinie ist vom ersten Studium an der Universität Zürich (1967−1975) mit Praktika und Doktoratsabschluss geprägt. Sie führt weiter in den Beruf des Krankenseelsorgers und in die Mitarbeit in Fachgremien wie der Weltgesundheitsorganisation und der Kommission der Schweizerischen Bischofskonferenz (SBK) «Sexuelle Übergriffe im Kirchlichen Umfeld» (ab 2002). Die zweite Linie der Theologie und Spiritualität geht vom Philosophie- und Theologiestudium aus, über das Doktorat in Kirchenrecht und führt zum spirituellen Begleiter und zum diözesanen Richter und Offizial in Chur. In Spanien lernte Bonnemain, bis zu seiner Bischofswahl ein Monsignore, auch das Opus Dei kennen, eine Gemeinschaft von Priestern, Frauen und Männern, 1928 gegründet, die sich der Heiligung der Arbeit und der christlichen Prägung der Gesellschaft verschreibt und grossen Wert auf die persönliche Frömmigkeit legt. 2019 hat sie 2100 Priester gezählt und 94 000 Laien in 69 Ländern. Die Priesterweihe empfing Joseph Maria Bonnemain am 15. August 1978 von Kardinal Franz König in Rom. 40 Jahre ist er inzwischen im Bistum Chur unterwegs in vielen Funktionen und Zusammenhängen: als Zuständiger für die Beziehungen zu den staatskirchlichen Gremien, als Domkantor und als Exerzitienleiter und Spitalseelsorger im Spital in Schlieren.

Welches sind die Hauptaufgaben eines Bischofs?

Natürlich hat der Ernannte bereits Gespräche mit den Verantwortlichen des Bistums in die Wege geleitet, etwa mit dem Rektor der Theologischen Fakultät, mit dem künftigen Generalvikar und den Vertretern der Regionen und mit möglichen Kandidaten für wichtige Aufgaben, aber hier soll grundsätzlich nach den Pflichten eines Bischofs gefragt werden. Dazu haben wir den früheren Bischofsvikar Alois Sustar zurate gezogen, der in einem Nachwort zum Buch über die Bischöfe von Basel eine dreifache Aufgabe des bischöflichen Dienstes festgehalten hat. An erster Stelle steht die Verkündigung des Evangeliums (Martyria). Diese hat in einer aktuellen Sprache mit Hören auf die Zeichen der Zeit zu geschehen. Nach Sustar soll sie den «Aufruf zur Umkehr und zur Versöhnung (enthalten), zum Frieden, zum Vertrauen und zur Stärkung des Glaubens beitragen». Dieser Aufgabe entspricht, dass seit dem dritten Jahrhundert bei der Weiheliturgie das offene Evangeliar über das Haupt des Kandidaten gehalten wird. Als zweite Aufgabe sieht er die Feier des Gottesdienstes (Liturgia), insbesondere der Eucharistie und der weiteren Sakramente. Eine herausragende Feier ist am Hohen Donnerstag, wenn der Bischof mit seinen Mitarbeitenden die Geste der Fusswaschung vollzieht und die Öle für die Diözese weiht. Die dritte Grundaufgabe besteht in der Verantwortung für die konkrete Diakonie durch die tätige Nächstenliebe. Der Hauptzelebrant fragt ihn dazu im Weihegottesdienst: «Bist du bereit, um des Herrn willen den Armen und den Heimatlosen und allen Notleidenden zu begegnen und zu ihnen barmherzig zu sein?»

Der Bischof hat im Besonderen einen Dienst an der Einheit in der Kirche zu leisten. Er darf nicht bestimmte Gruppen bevorzugen. Mit Paulus sollte er fröhlich sein mit den Fröhlichen und weinen mit den Weinenden. Er soll Brückenbauer zwischen den verschiedenen Interessen sein und alle Charismen in der Diözese zusammenführen zum Aufbau der Gemeinschaft. In dieser Gemeinschaft ist er dafür verantwortlich, dass jede und jeder Einzelne die Erfahrung des Willkommenseins machen kann, mit Mutter Teresa gesprochen: die Erfahrung machen, «unbedingt erwünscht zu sein».

Alois Sustar spricht dann von einer «dreifachen Communio» (Gemeinschaft), in der sich ein Bischof befindet: a) in Gemeinschaft mit den Mitarbeitenden: den Priestern, Diakonen, Katechetinnen und Katecheten und Laienseelsorgenden; b) der Bischof steht in Gemeinschaft mit den Mitgliedern der Schweizer Bischofskonferenz, die intensiv zusammenarbeiten, was in den letzten Jahren grosse Schwierigkeiten bereitete, und c) steht der Bischof in Gemeinschaft mit der Weltkirche. Konkret zeigt sich diese Gemeinschaft an einem Konzil oder an der Zusammenarbeit der Bischofskonferenzen an den jeweiligen Bischofssynoden. Kurz, bei aller Eigenständigkeit der einzelnen Diözese ist der Bischof Bindeglied zur Weltkirche. Er steht für die Integration der Teilkirchen in die Gesamtkirche. Schliesslich ist er mitverantwortlich für die Zusammenarbeit mit den Ordensfrauen und Ordensmännern, die zwar ihre eigenen Oberinnen und Oberer haben, die aber für und in der Diözese wertvolle Dienste erbringen. Ein Grenzbereich mit teilweise bischöflicher Zuständigkeit sind die muttersprachlichen Missionen in der Diözese, mit ihren Weltpriester- und Ordensseelsorgenden. Ein Bischof sollte diözesanen Christinnen und Christen den Eindruck vermitteln, zur Gemeinschaft der Ortskirche zu gehören und am Aufbau des Gottesreiches geschwisterlich partizipieren zu dürfen.