Der lustige Schneemann von heute war bei Shakespeare eine bedrohliche Gestalt, der personifizierte Winter. Erst im 19. Jahrhundert wurde der Schneemann ein lieblicher Geselle. Die Einstellung der Menschen zum Schnee hatte sich gewandelt. Heute setzt auch die moderne Kunst auf den Schneemann.

von Carl Meissen

«O! Dass ich ein zum Scherz aus Schnee zusammengeballter König wäre und hier, vor Bolingbroks Sonne stehend, in Wassertropfen wegschmelzen möchte!», schrieb William Shakespeare in seinem Drama «Richard II.». Wo Schnee fällt, sind auch Schneemänner zu finden. Schweigende Wesen, die lustig in die Welt schauen und bei Sonnenschein zu tropfen beginnen. Frisch gefallender Schnee lässt sie entstehen, denn erweckt bei Kindern (und Erwachsenen) die Kreativität. Frischen Pulverschnee rollt man leicht und schnell zu massigen Kugeln auf. Wohl nur wenige Figuren sind weltweit seit Jahrhunderten so bekannt wie der Schneemann. Doch seine Darstellungen und Einstellungen zu ihm haben sich über die Jahrhunderte stark verändert. Denn früher wurde der Winter als Bestrafung und als Plage gesehen. Bis ins Mittelalter bedrohte der Winter die Versorgung der von der Landwirtschaft abhängigen Menschen und auch deren Gesundheit. In der Renaissance wurde seine schöne Seite entdeckt. Als es 1494 in Florenz schneite, beauftragte Piero de’ Medici den jungen Künstler Michelangelo, im Innenhof des Palazzo Medici, einen Schneemann zu errichten. Laut Michelangelo-Biograf Giorgio Vasari wurde die Figur geschaffen, obschon keine Skizzen überliefert sind.

Mit Postkarten zum Welterfolg

Im späten 18. Jahrhundert wurde der Winter in der Malerei wiederentdeckt. Die karge Jahreszeit wurde romantisch verklärt dargestellt, aber auch die Freuden der Eisläufer auf zugefrorenen Seen waren ein beliebtes Sujet. Der deutsche Dichter und Lehrer Christian Felix Weisse, dessen Werke teilweise auch von Wolfgang Amadeus Mozart vertont wurden, thematisierte in seinem Buch «Lieder für Kinder» 1767 den Schneemann – ein Motiv, das er in seiner Zeitschrift «Der Kinderfreund» aufgriff, die von 1775 bis 1782 in 24 Bänden als erste Kinderzeitschrift Deutschlands erschien. In den bildlichen Winterdarstellungen tauchen nun neben Schlittenfahren und Schlittschuhlaufen zunehmend auch Schneemänner auf. Im Biedermeier wurde der kugelige Mann aus Schnee mit freundlichem Gesicht zum beliebten Kinderbuch-Motiv.Um1900 erschienen Schneemänner auch als Figuren für den Weihnachtsbaum. Postkartenverlage entdecken den fröhlich-naiv anmutenden Schneemann als Motiv für Weihnachts- und Neujahrsgrüsse, was später die Werbeindustrie veranlasste, den positiv besetzten Schneemann zur Absatzförderung einzuspannen.
Längst hat der Schneemann auch in der Kunst Einzug gehalten. Das US-amerikanische Online-Kunstmagazin Hyperallergic veröffentlichte eine erstaunlich lange Liste von Werken zeitgenössischer Kunst, die den Schneemann zum Sujet haben. Alles ist vorhanden, von der Skulptur über die Malerei und die Fotografie bis hin zu temporären Installationen. Und so steht auch im Garten des Hauses für Kunst Uri in Altdorf ein drei Meter hoher Schneemann. Er wird als Türöffner zur modernen Kunst gesehen, weil ein Schneemann meist die erste Skulptur eines Kindes sei, so die Überzeugung von Museumsdirektorin Barbara Zürcher. Der Urner Künstler Peter Regli hat den acht Tonnen schweren Schneemann aus weissem Marmor für 60 000 Franken geschaffen. Im Gegensatz zu einem Schneemann aus Gratisschnee, ist der Schneemann von Uri wetterunabhängig.