Indien ist derzeit der drittgrösste Energieverbraucher der Welt. Ein erheblicher Teil der Produktion für den internen Energiebedarf stammt aus den Jharia-Kohlebergwerken im Staat Jharkhand im Osten des Landes. Hier lodern seit mehr als einem Jahrhundert unterirdische Brände. Aber der Tagebau hat die Flammen zunehmend an die Oberfläche gebracht – mit verheerenden Folgen für die lokale Bevölkerung.

von Stefano Schirato

1973 begann die neu verstaatlichte Bharat Coking Coal Ltd (BCCL) mit dem gross angelegten Tagebau für eine schnellere und kostengünstigere Methode der Kohlengewinnung. Von den dort lebenden Menschen ist nur ein Fünftel bei Kohleunternehmen beschäftigt. Infolgedessen hat sich neben dem offiziellen Kohlehandel auch ein illegaler Bergbau etabliert. Illegal, weil in Indien die Bodenschätze unter der Erde dem Staat gehören. Die Dorfbewohner holen die Kohle aus verlassenen Kohlebergwerken oder flachen Minen und sammeln auch, was von den Lastwagen fällt. Besonders am frühen Morgen ziehen Schlangen von Menschen aus ihren Häusern in die Minen und kommen nach wenigen Stunden wieder zurück, mit Kopftüchern voller Kohlenstücke.
Ein alltäglicher Anblick, der heute entlang den Autobahnen und anderen Strassen in der Gegend zu finden ist. Auch Fahrräder, die mit Säcken voller Kohle beladen sind, die illegal von Menschen gesammelt wurden, gehören zum Bild. Jedes Fahrrad transportiert um die 200 Kilo Kohle, manchmal sogar mehr als 40 Meilen von den Minen entfernt. Die meisten so genannten Wallahs sind Mitglieder von Stammesminderheiten und transportieren auf diese Weise jedes Jahr mehr als 3 Millionen Tonnen Kohle, schätzungsweise ein bis zwei Prozent der gesamten gehandelten Kohle.

Aufgrund der früheren Untertagebergbauarbeiten bestehen viele Galerien mit kleinen Kohlenstücken, die leicht Feuer fangen und deshalb ein grosses Umwelt- und Gesundheitsproblem darstellen. Tausende von Menschen in Jharia sind von schweren Krankheiten und besonders Atemwegserkrankungen betroffen.
Die Lebenserwartung der Menschen in Jharia ist um mindestens zehn Jahre reduziert. Die Konzentration der Luftpartikel, die weitgehend mit dem Abbau, der Lagerung und dem Transport von Kohle verbunden sind, übersteigt den indischen Grenzwert. Luftschadstoffe führen zu chronischen Atemwegserkrankungen wie Bronchitis und Asthma. Häufig kommen Patienten mit Symptomen einer Pneumokoniose ins Krankenhaus, die durch die Anhäufung von Feinstaubpartikeln in der Lunge verursacht wird.
Trotz ihrer desolaten Lebenslage wollen die Menschen ihre Häuser nicht verlassen. Sie leben in beschädigten Häusern, weil die Wände durch die unterirdischen Feuer absinken. Diese Absenkung von Land gehört zu den regelmässigen Phänomen im Kohlerevier Jharia. In den vergangenen Jahren sind zahlreiche Unfälle mit Einheimischen passiert: Menschen wurden verletzt oder finden den Tod, weil sie in brennende Löcher durchbrechen.

Sowohl die Regierung als auch die BCCL haben im Laufe der Jahre versucht, diese Probleme zu lösen. Sie drängen die Dorfbewohner, wegzuziehen, damit die Minen ausgebaut werden können. Um neue Orte für die Umsiedlung zu finden, hat die Regierung seit 2006 ein Programm zum Erwerb von Feldern am Rande der Kohlebergwerke von Jharia gestartet, das sicherstellt, dass die umgesiedelten Bauern eine angemessene Entschädigung und Beschäftigung erhalten. Diese Entwicklung geht aber auf Kosten der Schwächsten, wie die Entwicklung im Dorf Belgaria zeigt. Die Lebensgrundlage der Bewohner des Dorfes wurde dramatisch beeinträchtigt. Denn die Entschädigungspolitik war doppelt diskriminierend für die kleinem Grundbesitzer, Pächter und Landarbeiter. Wer weniger als 2 Hektar Land verloren hat, bekam keinen Ersatz oder Arbeit angeboten.
Ausserdem hat die Regierung auch Agrarboden für unfruchtbar erklärt und die Bewohner gezwungen, wegzuziehen, weil man dadurch Felder für den Bau neuer Siedlungen für die Bergwerkarbeiter gewann. Mit den Verdrängten werden weitere verdrängt. Nur wenige Dorfbewohner haben versucht, sich der Situation entgegenzustellen: Die Angst davor, verhaftet zu werden und die Familie ohne Lebensgrundlage zu lassen, ist sehr gross. Aus diesen Gründen geben viele nach und sind froh, wenn sie für das Bergbauunternehmen arbeiten dürfen.

Viele Umgesiedelte sind unzufrieden, weil ihr Lebenszustand noch schlechter ist als der vorherige. Sie beklagen sich bitter über die Unzulänglichkeit ihrer neuen Unterkünfte und die mangelnden Arbeitsmöglichkeiten. Als das Umsiedlungsprogramm 2006 begann, sicherte die Regierung 500 Tage Mindestlohn zu. Mit dem illegalen Kohlehandel in Jharia verdienten die Umgesiedelten aber mehr als heute. Sie wurden von einem richtigen Haus mit Landwirtschaft in Block-Wohnungen mit einem oder zwei Zimmern ohne jeglichen Komfort verlegt. Ausserdem liegt Belgaria weit weg von Jharia, so dass die meisten Dorfbewohner ihre Arbeitsstelle früher oder später aufgeben mussten. Durch die rücksichtslose Kohlegewinnung sind sie verarmt.