Vor einem Jahr hat Papst Franziskus das zweite Wunder des 1916 in Algerien ermordeten Forschers und Einsiedlers Charles de Foucauld für seine Heiligsprechung anerkannt. Bei Märtyrern, die aus Hass auf den Glauben umgebracht wurden, wird in der Regel auf ein Wunder verzichtet.

von Christian Feldmann

Kein Mensch hätte gedacht, dass aus ihm einmal ein Heiliger werden könnte: Der früh zur Vollwaise gewordene Charles de Foucauld, geboren 1858, wuchs beim Grossvater, einem Oberst, in Strasbourg auf, der ihm glühende Rachegefühle gegen die deutschen Besatzer eintrichterte. Mit 20 war er Husarenleutnant.

Auf den erhaltenen Fotos sieht er nicht gerade wie ein schneidiger Offizier aus, eher wie ein Lebemann: aufgedunsenes Gesicht, Bärtchen, Pomade im Haar, ein richtiger Filou. So hat er sich auch aufgeführt. Die Halbwelt von Paris lud er zu rauschenden Festen ein. Mit einer gewissen Mimi, einer munteren und intelligenten Kokotte, zog er durch die Nächte. Schliesslich warf man ihn aus der Armee.

Allerdings steckte hinter der grossspurigen Maske damals schon ein Suchender. Charles las unheimlich viel, Romane, Philosophie (am liebsten Voltaire), Naturwissenschaftliches. Und bekannte stolz, Atheist zu sein. Er lernte Arabisch und unternahm 1883/84 heimlich – als Rabbi verkleidet – eine strapaziöse Forschungsreise durch Marokko, das für Europäer zu dieser Zeit noch verschlossen war. Für seinen Reisebericht bekam er eine Goldmedaille von der Geografischen Gesellschaft. Das Jahr in Marokko veränderte sein Leben: die gläubigen Muslime, die mitten auf der Strasse vor Gott auf den Knien lagen! «Der Anblick dieser Männer, die in der ständigen Gegenwart Gottes leben», gestand er, «liess mich erkennen, dass es etwas Grösseres und Wahrhaftigeres gibt als unsere weltlichen Geschäfte.»

Das Christentum hielt er immer noch für eine Torheit, irrational, unter merkwürdigen Dogmen begraben. Aber immer wieder verirrte er sich in eine Pariser Kirche, suchte sich dort einen verborgenen Platz und murmelte vor sich hin: «Gott, wenn es dich gibt, lass mich dich erkennen!» Es war eine Bekehrung, wenn man es so nennen will, die Monate, Jahre dauerte – und radikal war wie alles in Charles‘ Leben. Er begann von einer weltverlorenen Klosterzelle zu schwärmen und nach einem möglichst strengen Orden zu suchen.

Die Benediktiner von Solesmes schienen ihm zu angepasst, vielleicht auch zu reich. Da erzählte ihm sein Freund, der Abbé Henry Huvelin, von den Trappisten, die eben im syrischen Akbès, an der Grenze zu Palästina, eine bettelarme Niederlassung gegründet hatten. Baracken aus Weidengeflecht, ein paar Mönche und zwei Dutzend Waisenkinder, katholische Armenier, deren Eltern von den Türken massakriert worden waren. Charles war sofort Feuer und Flamme. Hier konnte er mitten unter den Armen leben, von der eigenen Handarbeit existieren wie Jesus, der Sohn eines Baumeisters. «Alles teilen», wie Charles sagte, «indem man strikt von einem Tag zum andern lebt und auf so viel wie möglich verzichtet.»

Aber auch diese Gemeinschaft war Charles bald zu wenig entschieden. Er liess sich bei den Klarissen in Nazaret als Handwerker anstellen, wohnte in einem Geräteschuppen. Und träumte davon, eine Kongregation Gleichgesinnter zu gründen, von einfacher Arbeit lebend, mit vielen kleinen Gemeinschaften in den Vorstädten, «dort, wo die Armen wohnen». Er begann Theologie zu studieren und liess sich mit 42 Jahren zum Priester weihen, was er bisher immer abgelehnt hatte.

«Die kleinen Brüder Jesu» wollte er seine Gemeinschaft nennen. In Algerien, an der Grenze zu Marokko, sollte eine Einsiedelei entstehen, mit wenigen Mönchen, die Gerste und Obst für den eigenen Bedarf anbauten, nicht predigten, aber jedem Gastfreundschaft gewährten, Christen und Muslimen, Pilgern und Karawanenreisenden. Diese Vision hatte Charles muslimischen Bruderschaften entlehnt, die er in Marokko kennengelernt hatte.

Reise nach Béni Abbès
Charles startete sein Projekt im Oktober 1901 in Béni Abbès, eine Oase an der algerisch-marokkanischen Grenze, wo schwarze Kleinbauern von Datteln und Gerstenfladen lebten, in ständiger Angst vor marokkanischen Räuberbanden, die ihnen die karge Ernte wegnahmen – und die Kinder, um sie zu Sklaven zu machen. Khaonia Carlo liess er sich nennen, Bruder Charles, oder den Marabut, wie ein Eremit bei den Muslimen heisst. Er verteilte Medikamente, mobilisierte das französische Militär gegen die Räuber, gab entlaufenen Sklaven Unterschlupf und armen Reisenden ein Obdach. Um vier Uhr morgens feierte er die Messe, dann kamen auch schon die ersten Besucher.

Ein sanfter Einsiedler, konfliktscheu und alle Probleme milde weglächelnd, ist Charles freilich nicht geworden. Kaum in Béni Abbès angekommen, begann er die französischen Kolonialbehörden und die Pariser Abgeordnetenkammer mit Protestbriefen zu bombardieren: Frankreich dulde die – in Algerien abgeschaffte – Sklaverei in der Sahara aus politischen Rücksichten, in einer erbärmlichen Kumpanei mit arabischen Menschenhändlern.

Es dauerte drei Jahre, bis die französische Verwaltung endlich reagierte – aber nun begannen die Behörden drastisch gegen die Sklavenhändler durchzugreifen. Charles kaufte mit Geld aus Frankreich selbst eine grosse Zahl Sklaven frei. In Tamanrasset, ein winziges Dorf im Hoggar-Gebirge in der Sahara, hatte er eine neue Heimat gefunden. Hier baute er sich aus Lehmziegeln eine Einsiedelei mit einer Kapelle. Der Marabut führte einen ausgedehnten Briefwechsel, nahm meteorologische Messungen vor und arbeitete an einem Wörterbuch der Tuareg-Sprache.

Die Tuareg, das ist ein Wüstenvolk berberischer Abstammung, von den Arabern muleththemin genannt, die Verschleierten, weil die Männer einen Gesichtsschleier tragen – und wunderschöne indigoblaue Gewänder. Die Frauen der Tuareg haben erstaunlich grosse Rechte, sind gebildet, können sich frei ihren Ehemann aussuchen. Charles war von Anfang an von diesem Volk fasziniert, von seinen Sitten, seiner Monogamie. Nur Christus fehle den Tuareg noch, schrieb er Abbé Huvelin nach Frankreich. Von Predigten versprach er sich immer noch nichts. Er wollte einfach bei diesen Menschen sein, arm und solidarisch unter ihnen leben.

Er wollte die muslimischen Tuareg lieben, «wie sie sind, ohne etwas zu verlangen». Er wollte ihnen sagen, «dass wir in Gott alle Brüder sind und dass wir hoffen, alle einmal in denselben Himmel zu kommen». Der Erste Weltkrieg sorgte auch in der Sahara für Aufruhr: Am 1. Dezember 1916 umzingelte eine Bande Fellachen die Einsiedelei; man wollte Foucauld offenbar als Geisel nehmen. Als plötzlich Kamelreiter auftauchten, erschoss ihn ein 15-jähriger Junge, der ihn bewachte, in Panik. 1933 wurden die Kleinen Brüder Jesu, von denen er geträumt hatte, gegründet. Knapp 200 von ihnen – und 1300 Kleine Schwestern – leben heute in kleinen Gruppen unter verachteten Minderheiten. Im deutschsprachigen Raum findet man sie in Hamburg, Duisburg, Nürnberg, St. Pölten, Wien, Zürich. An Foucaulds Seligsprechung im November 2005 in Rom nahmen auch Angehörige von Tuareg-Stämmen teil.