Glaubensimpuls von Abt Christian Meyer

Papst Franziskus hat am 5. Februar 2019 in seiner Abu Dhabi-Rede das Bild «Luftreinigungsgerät» gebraucht, das vor Ort keinen Widerhall fand. Es war allerdings eines, über das man sich in der Kirche heute zerfleischt. Papst Franziskus verglich die Christen mit einem «Luftreinigungsgerät»: «Wer Jesus gemäss lebt, macht die Welt sauber. Er ist wie ein Baum, der auch in trockenem Boden jeden Tag verschmutzte Luft aufnimmt und Sauerstoff zurückgibt.» Eigentlich ein wunderbares Bild: Wir Christen reinigen durch unsere positive Lebensbejahung und Weltbejahung, die aus dem Osterglauben kommen, die Welt, wo wir stehen und leben.
Thomas Merton gebrauchte dieses Bild einige Jahrzehnte früher. Jener Trappistenmönch, der mit seinen Büchern vielen Menschen bis heute ein geistlicher Begleiter ist. Ein Mensch, der aus dem vollen Leben heraus die Kehrtwende machte und zu einem faszinierenden geistlichen Autor wurde. Kritisch hinterfragte er seine Kirche, aber auch die Gesellschaft und letztlich sich selber. Er hatte keine Angst vor Andersgläubigen oder Atheisten. Er war in Christus verwurzelt. Er besass die Grösse, sich selbst in Frage zu stellen: «Wir sollten uns nackt und wehrlos in die Mitte jener Angst führen lassen, wo wir allein in unserer Nichtigkeit vor Gott stehen.» Denn nur so wird offenbar, dass der Mensch immer ein Suchender ist und bleibt, einer der verwundbar ist.
Aber zurück zum «Luftreinigungsgerät», von dem Thomas Merton schrieb: «Der Mönch taucht tief in das Herz der Welt ein, deren Teil er bleibt, obwohl er sie verlassen zu haben scheint. In Wirklichkeit verlässt der Mönch die Welt nur, um aufmerksamer auf die eindringlichsten und unbeachteten Stimmen ihres tiefsten Innern zu horchen» und «In der Nacht der technischen Barbarei müssen die Mönche Bäumen gleichen, die schweigend in der Dunkelheit leben und durch ihre lebensspendende Gegenwart die Luft reinigen».
Zuerst einmal sollten die Ordensleute solche luftreinigenden Bäume sein. Ihre Verwurzelung ist in Jesus Christus gelegt. Er sollte in erster Linie das Enzym für den Luftreinigungsprozess sein. Ein Prozess, den Ordensleute in ihren Gemeinschaften 1:1 leben müssten. Und je kleiner unsere Klostergemeinschaften geworden sind, um so mehr wissen wir: Wir können dem nicht ausweichen.
Jeder Mensch guten Willens kann ein solcher Lebensbaum sein. Das ist nicht Phantasie, sondern Wirklichkeit, wenn wir Ernst machen. Dort, wo wir nach den christlichen Herausforderungen leben, da wird die Luft besser und das Lebensklima öffnet sich. Das ist in den Klostergemeinschaften konkret erfahrbar oder eben nicht. Es ist erfahrbar, wenn sich eine Klostergemeinschaft getraut, auf einen Weg der Selbstreflexion zu gehen und sich neu zu entdecken, kennenzulernen und sich zu befreien von all dem, was sie zudröhnt. Denn Frömmigkeit kann zudröhnen und blind, verbissen und tötend machen.
Als Christen weltweit hätten wir ein ungeheuerliches Potential, als Luftreinigungsbäume zu leben und zu wirken. Geben wir der Welt den Sauerstoff zurück, damit nicht nur das weltweite Klima besser wird, sondern auch die Luft des Zusammenlebens unter uns Menschen und Glaubenden und Nicht-Glaubendenden.