Misshandlungen, Folter, Gefängnis und sogar Tod: So sieht die Lage für 200 Millionen bedrohte Christen in über 50 Ländern aus. Damit gehören die Christen zur gefährdetsten Religionsgemeinschaft der Welt.

von Anton Ladner

Die Daten sind eindeutig. Gesammelt hat sie Jonathan Fox, Religionswissenschaftler an der Bar-Ilan University in Israel, für seine umfassende Studie über religiöse Verfolgung durch Staaten. Die Eingriffe reichen vom Verbot religiöser Symbole bis zur Hinrichtung. Fox kommt in seinem 2015 veröffentlichten Buch «Political Secularism, Religion and the State» zum Schluss, dass die Christen die am meisten verfolgte Gruppe seien. Weltweit am geringsten verfolgt werden laut Fox Muslime. Das Center for the Study of Global Christianity geht von jährlich 100 000 Christen aus, die wegen ihres Glaubens ihr Leben verlieren. Die Bedrohung der Christen ist jedoch von Land zu Land sehr unterschiedlich. Als schlimmster Verfolgerstaat gilt Nordkorea. Vor 100 Jahren galt die Hauptstadt Nordkoreas mit 100 Kirchen als Jerusalem des Ostens. Die heute noch existierenden vier Kirchen sollen lediglich Religionsfreiheit vortäuschen und sind nur noch Touristenattraktionen. Denn in Nordkorea gilt das Christentum als «gefährliche ausländische Einflussnahme».

Auch in China missfällt der Kommunistischen Partei die Hinwendung der Menschen zum Christentum. In den vergangenen Monaten haben die Repressionen gegen die protestantischen Hauskirchen erheblich zugenommen. Und auf der katholischen Seite herrscht Verwirrung, weil es zwei katholische Kirchen gibt. Die Patriotische Vereinigung der Katholiken Chinas ist mit sechs Millionen Gläubigen der staatlichen Behörde für religiöse Angelegenheiten unterstellt. Die Bischöfe werden vom Staat ernannt, was der Vatikan ablehnt. Deshalb gehören vier bis sechs Millionen Katholiken der vom Vatikan unterstützten Untergrundkirche an. Deren Bischöfe Su Zhimin und Shi Enxiang verbrachten Jahrzehnte in Gefängnissen und Arbeitslagern, weil sie nicht der Patriotischen Vereinigung beitraten. Von Bischof Su fehlt seit Jahren jede Spur. Bischof Shi starb 2015 im Gefängnis.

Zweitschlimmster Verfolgerstaat für Christen ist laut Weltindex der Hilfsorganisation Open Doors Afghanistan. Die Islamische Republik anerkennt keine Christen als Staatsbürger, und Religionswechsel ist verboten. Christen sind im Land unerwünscht. Auch im Iran steht auf den Übertritt zum Christentum die Todesstrafe. Das iranische Parlament verabschiedete 2008 ein Gesetz, das zwingend die Todesstrafe für die Abwendung vom Islam vorsieht. Im Irak hatten derweil die Christen unter dem Regime von Saddam Hussein ein gutes Auskommen. Nach dem Irakkrieg kam es 2007 durch die Terrororganisation «Islamischer Staat» (IS) zur grössten Christenvertreibung der Gegenwart. Seit 2003 haben über eine Million Christen den Irak verlassen. Als der IS Mossul einnahm, wurden die Christen vertrieben oder zur Konversion zum Islam gezwungen.

In Saudi-Arabien ist es verboten, einen christlichen Gottesdienst zu feiern sowie christliche Symbole mit sich zu führen. Kirchen gibt es keine mehr. Sie sind verboten. Auf den Übertritt vom Islam zu einer anderen Religion steht die Todesstrafe. Im Weltverfolgungsindex für Christen wurde Saudi-Arabien mehrere Jahre unter den zehn Ländern aufgelistet, in denen Christen aufgrund ihres Glaubens am stärksten verfolgt werden. Im März 2012 forderte der Grossmufti des Landes in einem Gutachten die Zerstörung aller Kirchen auf der arabischen Halbinsel.

Aber auch in der Türkei, nach wie vor eine begehrte Touristendestination der Schweizerinnen und Schweizer, sind Christen und Kirchen Diskriminierungen ausgesetzt. Christliche Kirchen haben keine eigene Rechtspersönlichkeit, kirchliche Bauvorhaben sind einem extrem komplizierten und langwierigen Genehmigungsverfahren unterworfen. Renovierungsvorhaben müssen durch das Aussenministerium genehmigt werden. Die Kirchen dürfen keine Geistlichen ausbilden.

In Afrika sind die Christen vor allem in Somalia gefährdet, das von Open Doors als drittschlimmster Verfolgungsstaat geführt wird: Denn in Somalia geht die Terrororganisation Al-Shabaab systematisch gegen die Christen vor, um einen rein islamischen Gottesstaat zu errichten. Der bislang letzte Bischof von Mogadischu wurde 1989 ermordet und die Kathedrale niedergebrannt. Das Hilfswerk Open Doors schreibt: «Es gilt generell als undenkbar, dass ein Somalier Christ ist. Zudem behaupten islamische religiöse Führer öffentlich, dass in Somalia kein Platz für das Christentum, Christen oder Kirchen sei.» In jüngster Zeit sind Christen muslimischer Herkunft bei ihrer Entdeckung oft auf der Stelle getötet worden. Mitunter genügte der blosse Verdacht, Christ zu sein. Aber auch in Nigeria spitzt sich die Lage der Christen zu. Seit in den nördlichen Bundesstaaten Nigerias das islamische Rechtssystem, die Scharia, gilt, wurden Kirchen und kirchliche Einrichtungen zerstört und niedergebrannt. Mehr als 30 000 Christen wurden in Kano, der grössten Stadt im Norden Nigerias, aus ihren Häusern vertrieben. Und die islamistische Terrororganisation Boko Haram verübt immer wieder gezielte Anschläge gegen Christen.

Auch wo die Christen in Afrika bestens etabliert sind, nimmt der Druck auf sie zu. In Ägypten sind die christlichen Kopten offiziell akzeptiert, in der Praxis aber durch eine fortschreitende Akzentuierung des Islams im Lande zunehmend Angriffen ausgesetzt. Kopten fühlen sich deshalb vom Staat nach mehreren Attentaten auf Kirchen nicht geschützt. Zudem ist die Konversion von Muslimen zum Christentum durch rechtliche Hürden und zunehmende Schikanen erschwert.