Unter dem Titel «Kleine Frage» schrieb der Dichter Erich Fried einmal: Glaubst du / du bist noch zu klein / um grosse / Fragen zu stellen? Dann kriegen / die Grossen / dich klein / noch bevor du / gross genug bist. Als wir dieses schöne Gedicht einmal mit siebenjährigen Kindern gelesen haben, führte es zu einem wunderbar philosophischen und nachdenklichen Gespräch. Die Kinder waren sich schnell einig, dass sie sehr wohl in der Lage sind, grosse Fragen zu stellen. Als sie dann gemeinsam überlegen sollten, welche Fragen damit gemeint sind, ging es plötzlich nicht mehr so schnell. Schliesslich kamen die Kinder darauf, dass es leichte Fragen gibt, auf die sich relativ schnell Antworten finden lassen. Aber dass es auch schwere Fragen gibt, auf die man nicht nur eine einzig richtige Antwort findet. Zum Beispiel «Wie sieht Gott aus?» und «Wieso bin ich so, wie ich bin?» oder «Was kommt nach dem Tod?». Kinder können spannende Fragen stellen: «Die Welt ist doch gar nicht in sieben Tagen entstanden – wieso erzählt die Bibel das so? Wie hat Mose das Meer weggezaubert? Musste Jesus auch in die Schule gehen? Hat Gott die Bibel geschrieben?» Und viele andere Fragen mehr.

Um mit all diesen Fragen umgehen zu können, haben wir in der Religionspädagogik das Konzept der «Kindertheologie» entwickelt. Das ist keine Theologie, die man an einer Uni studiert haben muss, vielmehr ist sie eine Theologie, die von Kindern angeregt,  zusammen mit Kindern entsteht. Weil theologische Kinderfragen Erwachsene oft genug in Erklärungsnöte bringen, nehmen wir die Fragen der Kinder sehr ernst. Die Kindertheologie versucht, nicht nur Katechetinnen und Lehrpersonen in Schule und Pfarrei, sondern auch Eltern und jungen Familien zu Hause Hilfestellungen zu geben, wie sie theologische Gespräche mit ihren Kindern führen können. Es ist spannend, lehrreich und schön für uns Erwachsene, die Kinder bei diesem Prozess ihrer Glaubensentwicklung zu begleiten.

So fragt zum Beispiel Sina, acht Jahre, den Gemeindeleiter ihrer Pfarrei: «Hat der liebe Gott eigentlich eine Mama?» Er antwortet: «Hm, interessante Frage. Bei uns Menschen ist es ja so, dass wir alle eine Mama und einen Papa haben. Weil der liebe Gott aber kein Mensch ist, sondern Gott, ist bei ihm manches etwas anders: Gott hat keinen Anfang und kein Ende, er wird nicht geboren und er stirbt nicht. Also hat er wahrscheinlich auch keine Mama. Wir dürfen aber auf jeden Fall glauben, dass Gott für uns wie eine Mama und ein Papa ist. Er ist immer für uns da, ob wir grade an ihn denken oder nicht.»

Dieses kindertheologische Gespräch ging noch lange weiter und war für beide Seiten sehr spannend. Wer es einmal ausprobiert hat, weiss, wie viel Spass das Philosophieren und Theologisieren mit Kindern macht. Allen Eltern und Grosseltern kann ich daher nur empfehlen: Seien Sie nicht nur schonungslos offen gegenüber den manchmal unkonventionellen Alltagsdeutungen Ihrer Kinder und Enkel, sondern fördern Sie das Interesse Ihrer Kinder am Nachdenken über Gott und die Welt. Das erweitert nicht nur den Glaubenshorizont der Kinder, sondern auch den von uns Erwachsenen.

von Christian Cebulj