Kaum eine andere historische Person war so oft Gegenstand fiktiver Geschichten wie Leonardo da Vinci: Der Universalgelehrte beflügelt seit 500 Jahren die Fantasie der Schriftsteller, seit 100 Jahren auch die der Filmemacher und Fernsehproduzenten – und im 21. Jahrhundert taucht der im 15. Jahrhundert geborene Maler, Bildhauer, Architekt, Ingenieur und Naturphilosoph sogar in Videospielen auf.

von John Micelli

«Wenn die seelenärztliche Forschung, die sich sonst mit schwächlichem Menschenmaterial begnügt, an einen der Grossen des Menschengeschlechts herantritt, so folgt sie dabei nicht den Motiven, die ihr von den Laien so häufig zugeschoben werden», beginnt der Begründer der Psychoanalyse Sigmund Freud seinen Text «Eine Kindheitserinnerung des Leonardo da Vinci», in dem er eine verdrängte Homosexualität da Vincis zur Quelle von dessen Genialität erklärt: «Es ist zweifelhaft, ob Leonardo jemals ein Weib in Liebe umarmt hat.» Kern und Geheimnis des Wesens Leonardo da Vincis wäre demnach, dass es dem Universalgelehrten gelungen ist, den grösseren Anteil seiner Libido in Forscherdrang zu sublimieren, so Freud. Und er sah seine These im Charakter da Vincis bestätigt: «Zu einer Zeit, da jedes Individuum den breitesten Raum für seine Betätigung zu gewinnen suchte, was nicht ohne Entfaltung energischer Aggression gegen andere abgehen kann, fiel er durch ruhige Friedfertigkeit, durch Vermeidung aller Gegnerschaften und Streitigkeiten auf.» Inhaltlich wurde Freuds These schon zu Lebzeiten des Analytikers infrage gestellt – Freud hatte einen zentralen Begriff falsch aus dem Italienischen übersetzt. Zudem stützten sich seine Erklärungen komplexer Phänomene auf eine einzige Erkenntnis. Gelobt wurde hingegen die literarische Schönheit des Textes, den schon Freud selbst als «halbe Romandichtung» bezeichnet hatte und den Kunsthistoriker Andreas Hauser in einer kritischen Auseinandersetzung im Jahr 2008 als «eine der gehaltvollsten und originellsten Ausformungen der Gattung Künstlermythologie» bezeichnete.

Das Lächeln der Mona Lisa
Leonardo da Vinci aber inspirierte schon Zeitgenossen: Giorgio Vasari, der «Vater der Kunstgeschichte», schrieb 1550 in seinem Opus Magnum «Le vite de’ più eccellenti architetti, pittori, et scultori italiani»: «Reiche und manchmal übernatürliche Gaben sehen wir oft von der Natur mit Hilfe der himmlischen Einflüsse über einzelne Menschen ausgebreitet. Bisweilen aber vereinigen sich wie ein ungeheures Geschenk in einer einzigen Persönlichkeit Schönheit, Liebenswürdigkeit und Kunstbegabung so herrlich, dass jede ihrer Handlungen glücklich erscheint, alle anderen Sterblichen hinter ihr zurückbleiben und sich deutlich offenbart: ihre Leistung ist von Gott gespendet.» Vasari war Wegbereiter eines Modernisierungsschubes, der die Künste im 16. Jahrhundert erfasst hatte: Die bildende Kunst und deren Protagonisten waren zu einem Gegenstand der Literatur und damit zu ehrbaren Wissensinhalten geworden. Vasari geizt in seiner Biografie da Vincis nicht mit Anekdoten und detaillierten Schilderungen: «Ein besonderes Vergnügen machte es ihm, wenn er Menschen mit ungewöhnlichen Gesichtszügen, Bärten oder Haarschmuck begegnete. Er hätte solchen den ganzen Tag nachgehen können, und ihre Gestalt prägte sich ihm so ein, dass er sie zu Hause zeichnete, als ob sie vor ihm ständen.» Und darauf bauten andere wiederum auf. «Ich verbrachte Stunden damit, in den Strassen Mailands nach Menschen zu suchen, deren Gesichter und Posen für meine Gemälde geeignet wären. Und dann bist du aufgetaucht, eine perfekte Erscheinung – vielen Dank, Madonna Elisabetta», gesteht in Donna Jo Napolis Jugendroman «Das geheimnisvolle Lächeln» von 2008 der Maler seinem Modell, der Tochter eines reichen Seidenhändlers, die von ihrem Verlobten neckisch «Mona Lisa» genannt wird. Napolis Roman gipfelt in der Entstehung des weltberühmten Gemäldes, lässt neben da Vinci andere historische Persönlichkeiten auftreten – Mitglieder der Florentiner Herrscherfamilie Medici beispielsweise –, erzählt aber eine weitestgehend fiktive Geschichte, die den jugendlichen Lesern die italienische Renaissance näherbringen soll.

«Ein typischer Mann des 24. Jahrhunderts»
Seine eigene Renaissance als herausragendster Vertreter des Rinascimento trat Leonardo da Vinci in der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts an. Historiker Bowdoin Van Riper weiss warum: «Wir sind es gewohnt, Wissenschaft, Ingenieurwesen und Kunst als komplett getrennte Bereiche zu betrachten, deren Beherrschung unterschiedlicher Charaktereigenschaften bedarf. Dass Leonardo da Vinci unbestrittener Meister aller drei Disziplinen war, erscheint unter heutigen Gesichtspunkten ungewöhnlich oder sogar unerklärbar.» Der Film- und Fernseh-da Vinci sei denn auch in den allermeisten Werken eher als Ingenieur gestaltet, denn als Künstler; selten werde er bei der stillen Naturbeobachtung gezeigt, die ihm zahlreiche Erkenntnisse – beispielsweise über das Fliegen – ermöglichten. Die Herkunft seiner Einsichten interessiert im Film niemanden: «Den aussergewöhnlichen Erfindungen da Vincis fehlt im Film die Grundlage aufmerksamer Beobachtung und Analyse der Natur – sie tauchen auf als Skizzen, Modelle oder vollendete Projekte und sind einfach da. Ihre Konzeption und Konstruktion bleiben ein Geheimnis, und der Zuschauer erfährt nur, dass sie das Werk eines wandelbaren, unfassbar brillanten Geistes sind. Dieser Ansatz führt dazu, dass Leonardo da Vinci als eine Art Zauberer in der realen Welt wahrgenommen wird», führte Van Riper in seinem 2011 erschienenen Buch «Biographical Encyclopedia of Scientists and Inventors in American Film and TV since 1930» aus. Oft wird diese unfassbare Brillanz auch auf übersinnliche oder ausserirdische Einflüsse zurückgeführt. In der 105. Folge der britischen Science-Fiction-Kultserie «Doctor Who» (1979) ist da Vinci ein guter Freund des zeitreisenden Doktors, der Hauptfigur der Serie, und gerät in die Gefangenschaft eines bösartigen Ausserirdischen. Bei seinem ersten Auftritt im Star-Trek-Franchise 1969 – dem heute «The Original Series» genannten «Raumschiff Enterprise» – ist da Vinci unsterblich, lebt seit über 6000 Jahren auf der Erde und hat deren Bewohner unter anderem als biblischer Methusalem, als Alexander der Grosse und in der Person von Johannes Brahms begleitet und erhellt. Fast 30 Jahre später, in der fünften Auflage der Serie, holte sich die Star-Trek-Crew den leibhaftigen Leonardo da Vinci aufs Raumschiff Voyager. In der Folge «Concerning Flight» spielt der britische Schauspieler John Rhys-Davies mit ausgeprägtem italienischem Akzent den Künstler aus der Renaissance, den Crew-Mitglieder der Voyager als «typischen Mann des 24. Jahrhunderts» bezeichnen: «Er ist ein erleuchtetes Individuum, ein Charakter, der Gelegenheiten ergreift, wenn sie sich bieten, und der es geniesst, seltsame neue Welten zu erforschen.» Der irische Filmjournalist Darren Mooney sieht in der im Star-Trek-Universum vorgenommenen Charakterisierung da Vincis als unzuverlässiges Genie, das viele seiner Werke unvollendet hinterlässt, eine Selbstreflexion, einen Kommentar über das Science-Fiction-Franchise selbst: «Star Trek vollbrachte erstaunliche Dinge und hat einen unglaublichen Einfluss auf die Popkultur. Die Serie ist aber auch mehrfach hinter ihren eigenen Massstäben zurückgeblieben.» Kathryn Janeway – Nachfolgerin des ungleich berühmteren Enterprise-Captain Kirk – erklärt denn auch ihrem ausserirdischen Freund vom Planeten Vulkan, Commander Tuvok, in «Concerning Flight»: «Leonardo da Vinci war ein Mann der Renaissance, Tuvok, er wurde interpretiert, neu interpretiert, dekonstruiert, im Lauf der Geschichte wurde viel über ihn fantasiert. Vasari dachte, er sei ein Engel, Freud dachte, er hatte ein Problem mit seiner Mutter.» Genau darin sieht Journalist Mooney da Vincis Eignung als Filmfigur: «Seine Stärke liegt in seiner Anpassungsfähigkeit, in der Tatsache, dass er alles und jeder sein kann, dass er sich ständig neu erfand – und dass er seinerseits immer wieder erfunden und wieder neu erfunden wird.»

Da Vinci für die Playstation
Neu erfunden und einem jugendlichen Publikum als genialen Erfinder und gewieften Strategen bekannt gemacht haben Leonardo da Vinci auch die Entwickler von Ubisoft, einer der weltweit grössten Herausgeber von Videospielen aus dem französischen Montreuil. Im zweiten Teil der mittlerweile elf Open-World-Spiele umfassenden Assassin’s-Creed-Reihe aus dem Jahr 2010 schlüpfen die Spieler in die Rolle des jungen Ezio Auditore im Florenz des späten 15. Jahrhunderts. Für das von der Kritik begeistert aufgenommene Spiel wurden für die realistische Gestaltung der Städte Florenz, Forlì, Venedig und Rom zur Zeit der Renaissance keine Kosten und Mühen gescheut – was sich in einem nahezu akkuraten Bild der historischen Stätten niederschlägt. Den historischen Figuren gegenüber – neben da Vinci auch Papst Alexander VI. und Niccolò Machiavelli – erlaubten sich die Entwickler mehr Freiheiten. Der Historiker David Hussey von der kanadischen Universität Waterloo attestiert Ubisoft, in der Figur des Leonardo einen «liebenswerten Gefährten für den Hauptdarsteller» geschaffen zu haben, aber im Umgang mit dem Werk des historischen Leonardo da Vinci fehlerhaft zu sein: «Kenner Leonardo da Vincis sagen, er sei ein geistreicher, charismatischer und humorvoller Mann gewesen. Diesen Eigenschaften ist das Designteam treu geblieben; seine umgängliche und lebensfrohe Persönlichkeit zeigt sich im Spiel.» Hussey stört sich aber am sehr lockeren Umgang mit da Vincis Werk: «Leonardo da Vinci war von der Idee des Fliegens besessen und entwarf viele Flugmaschinen. Die Idee allerdings, dass eine dieser Flugmaschinen über das Venedig des 15. Jahrhunderts gleitet, ist spannend zu spielen, aber historisch komplett unrealistisch. Nach seinen eigenen Aufzeichnungen ist keine seiner Maschinen jemals zu seinen Lebzeiten geflogen, weil die verfügbaren Materialien zu schwer waren.»

Damit hat der Historiker natürlich recht – er sollte sich aber hüten, je die Folge «The Duh-Vinci Code» aus der animierten Serie «Futurama» von Simpsons-Schöpfer Matt Groening anzusehen. In der Persiflage auf den Mystery-Thriller «The Da Vinci Code» (Sakrileg) des US-amerikanischen Autors Dan Brown, dessen Filmversion 2006 von der Kritik vernichtet wurde, vom Publikum aber geliebt, machen die «Futurama»-Hauptfiguren im Jahr 3000 eine unglaubliche Entdeckung: Leonardo da Vincis Flugmaschinen fliegen nicht nur durch die Luft, sondern waren sogar für die Raumfahrt konstruiert. Denn auch Groening macht aus da Vinci einen Ausserirdischen – den dümmsten Bewohner des Planeten Vinci, von dem Leonardo vorübergehend geflohen war, weil er von seinen hochintelligenten und äusserst langlebigen Mit-Vincianern ständig gehänselt wurde, wie er den Erdlingen erklärt. So kreiert der Simpsons-Schöpfer – indem er das Gegenteil behauptet – den menschlichsten Leonardo da Vinci der Filmgeschichte: Einer, der von Leidenschaften, Ängsten und Rachegefühlen getrieben wird, aber trotzdem mit neugierigem Blick und offenem Geist der Welt begegnet.