Die COVID-19-Pandemie hat in öffentlichen wie in privaten Bereichen zu erheblichen Zumutungen und leidvollen Erfahrungen geführt. Inwiefern daraus aber auch neues Wachstum entstehen kann, beleuchtet Hanspeter Schmitt, Professor an der Theologischen Hochschule Chur, anhand entscheidender ethischer Stichworte. Ein Text mit klaren Perspektiven.

Krisen sind schmerzlich und verstörend. Zugleich bieten sie Anlass, zu wachsen und mit neuem Bewusstsein zu leben. Angesichts der Opfer und wegen der einschneidenden Beschränkungen, die in der „Corona-Krise“ verfügt werden, fällt diese Aussage aber schwer. Es könnte zynisch wirken, daraus etwas Gutes ziehen zu wollen. Gleichwohl drängt uns das Gefühl einer lauernden Gefahr Einsichten auf, die im Alltag eher beiläufig entstehen. Wie unter einem Brennglas erkennt man, dass alles Leben verletzlich und von Grenzen bestimmt ist. Deutlich wird aber auch, wie sehr Menschen, Bereiche und Länder verbunden und aufeinander angewiesen sind. Selbst jene fallen jetzt stärker auf, die immer zu kämpfen haben und benachteiligt sind, meist aber von uns übersehen werden: Menschen aus kaum entwickelten Regionen, an der Peripherie, in prekären Verhältnissen. Auch einfache Angestellte, Pflege- und Ordnungskräfte, Erziehende und Familien, denen es sonst an gesellschaftlicher Anerkennung fehlt, geraten in den Fokus. Wenn es in dieser Krise also etwas zu lernen gibt, dann vor allem eine veränderte Aufmerksamkeit: über die gewohnte Wahrnehmung hinaus! Daraus kann sich Solidarität entwickeln, die sensibler, gerechter und globaler ist als zuvor. Folgende ethische Stichworte legen sich aktuell nahe:

 

Respekt

Von gegenseitigem Respekt wird jetzt überall gesprochen. Auf Basis dieser Haltung sollen Menschen zu rücksichtsvollem Verhalten motiviert werden. Distanz, Hygiene und soziale Askese sind Formen, um diesen Respekt zu zeigen und einander nicht zu gefährden. Viele spüren aber angesichts der daraus folgenden Isolation und Kontaktarmut, dass nur passive Zurückhaltung menschlich nicht ausreicht. Sie werden aktiv und kreativ, um Beziehung und Fürsorge lebendig zu halten: durch echte Gesten, gesteigerte Kommunikation, kluges Helfen oder andere Signale der Nähe. Es wird damit wieder entdeckt und eingeübt, dass Respekt eine engagierte, auf andere zugehende Praxis ist. Dann erst bringt sie persönliche Anerkennung und soziale Lebensqualität hervor, gerade auch zu ganz normalen Zeiten.

 

Relevanz

Ist von Relevanz die Rede, geht es um die Bedeutung und Unverzichtbarkeit bestimmter Handlungen und Bereiche. Zu Beginn der Krise waren es Medizin, Pflege, Ernährung und öffentliche Verwaltung, die als systemrelevant definiert und nicht geschlossen wurden. Es geht um zentralste „Lebensmittel“, die freilich in anderen Ländern und Regionen zu allen Zeiten fehlen. Aktuell treten durch die Reduktion aufs Private weitere zentrale Bedürfnisse hervor: angemessen wohnen, nahe Grünzonen und Kultur. Solche Güter sind weltweit aber oft nur Privilegierten zugänglich. Es ist daher wichtig, dass wir diskutieren, was künftig relevant ist. Wirtschaft und Tourismus sollen wieder laufen! Aber wirklich so wie zuvor? Brauchen nicht Kitas und Familien mehr Hilfe als Profisport und Autokonzerne?

 

Risiken

Es ist ein Merkmal des Lebens, verletzbar und riskiert zu sein. Die derzeit schwer kontrollierbare Gefahr macht das schlagartig bewusst. Auch in dieser Lage bleibt der Anspruch absoluter Sicherheit eine Fiktion. Dennoch gilt, sinnvoll vermeidbare Risiken wirklich zu vermeiden. Dabei ist auf Kinder, auf schwache, alte und belastete Personen eigens zu achten, wobei die ihnen verordnete Isolation neue Risiken birgt. Ohne sorgsames Abwägen von Nutzen und Gefahren geht es also nicht, was auch die nötige Öffnung von Handel, Gastronomie und Dienstleistung zeigt. Skandalös aber bleibt die Lage derer, die aufgrund politischen und persönlichen Versagens ständig Risiken schutzlos ausgeliefert sind. Es ist Teil auch unserer Verantwortung, wie gefährdet sich Leben hier und weltweit gestaltet!

 

Ressourcen

Wenn Mittel und Ressourcen knapp werden, entstehen Fragen ihrer gerechten Verteilung. Aktuell zeigt es sich bei medizinischen Mitteln und staatlichen Subventionen. Es gibt Verteilungskämpfe, wobei die globale Perspektive einmal mehr beschämt: In vielen Staaten fehlen – wegen Korruption und weltwirtschaftlicher Ausbeutung – jedwede Mittel, während wir um diese streiten. Aber selbst bei uns geht es an die Substanz, sobald Einkünfte wegfallen, Ernährung und Wohnen gefährdet sind. Überall sind wir in der Pflicht, lebensbedrohliche Engpässe aufzulösen! Wenn dennoch – wie beim Fehlen medizinischer Geräte – tragische Zuteilungen anstehen, sind allein medizinische Aspekte entscheidend, nicht Alter, Herkunft oder Einfluss. Menschliche Würde ist auch in Krisenzeiten nicht teilbar!

 

Rechte

Um die Ausbreitung des Virus einzudämmen, hat man Grundrechte wie Bewegungs- und Versammlungsfreiheit eingeschränkt. So wurden sie manchem erst bewusst! Ebenso wird bewusst, dass es öffentlicher Debatten und demokratischer Verfahren bedarf, um solche Einschränkungen auf Dauer zu begründen. Andere finden, dass es totalitäre Systeme mit der Abwehr der Gefahr leichter haben. Genau dort wurde sie wegen fehlender Machtkontrolle und Öffentlichkeit aber lange verschwiegen. Sie wird zudem als Vorwand benutzt, um demokratische Kräfte mundtot zu machen. Es zeigt sich so, dass Freiheit und Grundrechte aktive Pflege brauchen, um auch in Krisen wirksam zu sein. Auch Arbeit und existenzsichernde Einkommen sind Grundrechte, die jetzt der Aufmerksamkeit bedürfen.

 

Resilienz

Resilienz bezeichnet psychologisch die Fähigkeit, krisenfest zu sein. Es geht nicht um ein starres Aussitzen der Krise. Gemeint ist Widerständigkeit, die auf innere Stärke, Kreativität und verborgene Talente baut. Sie werden oft in Krisen entdeckt und helfen, schöpferisch zu bleiben: wenn in Familien mehr gesprochen, geplant und gemeinsam erlebt wird; wenn Künstler neue Wege der Darbietung gehen; wenn man jetzt Stille, Natur und eigene Regungen intensiver erlebt etc. Damit Resilienzen in dieser Weise wirken und Stress nicht doch überhandnimmt, braucht es im Ernstfall Hilfe von außen. Ähnlich geht es der Umwelt, von deren Erholung jetzt viele träumen. Nachhaltige Effekte aber beruhen auf politischer Kraft und Entschlossenheit, schädliches Verhalten von Grund auf zu verändern.

 

Religion

Auch Religion und Meditation sind Quellen für Resilienz. Durch Gebet, Rituale und spirituelle Begegnung können Hoffnung und Sinnglaube gestärkt und aufgebaut werden. Destruktiv hingegen wirken makabre Theorien, etwa dass Gott die Menschheit mit dem Virus bestraft oder sich die Natur für erlittene Verletzungen rächt. Damit wird gezielt Angst geschürt, um Menschen gefügig zu machen. Ähnlich gefährlich ist es, Gottesdienste und Sakrales für immun zu erklären, um sich nicht umstellen zu müssen. Dabei setzen gerade große Kirchen durch die geforderten Anpassungen ungeahnte Innovationen frei. Die aus der Not geborenen Wege aufsuchender Pastoral und phantasievoller Verkündigung werden angesichts kleinerer Gruppen und neuer Glaubensstile auch künftig bedeutsam sein.

 

Reformen

Überall denkt man jetzt über Reformen nach. Die grenzüberschreitende Gefährdung liefert dafür den Impuls, der sich in einer Zeit der Unterbrechung besonders stark auswirkt. Welcher Geist den notwendigen Wandel prägen soll, ist aber höchst umstritten. Jene, die vom bestehenden System viel profitieren, wollen nur robustere Schutzmechanismen. Ansonsten soll alles laufen wie bisher. Andere kritisieren bisherige Strickmuster gesellschaftlichen Handelns. Sie fordern echten Fortschritt, der vom menschlich Wesentlichen ausgeht und das Wohl fremder Schichten, Länder und Kontinente genauso anzielt wie das eigene. Bald wird auch die Jugend wieder lauter sein und Verantwortliche weltweit fragen, welche Konsequenzen sie aus der Krise zugunsten unserer bedrohten Planeten ziehen.

Diese Stichworte zeigen, dass die aktuelle Krise – trotz ihrer schmerzlichen Erfahrung – die Chance einer veränderten Aufmerksamkeit und Praxis in sich birgt. Man fühlt sich an die große Krise der Jesusbewegung nach Jesu Tod erinnert. Für sie war damals alles fraglich. Es bedurfte einer Zeit der Unterbrechung und Zurückgezogenheit, aber auch kritischer Unterscheidung und spiritueller Öffnung, bis die Kraft für den Neuanfang gewachsen war. Der bewegende Anstoß kam durch göttlichen Geist. Von ihm sagt bereits das Erste Testament, dass er alles neu macht. Diese innovative Kraft Gottes sorgte damals dafür, dass die Botschaft global wirkende Sprachen und Formen annahm. Sie inspiriert die Jesusbewegung bis heute. Ihr Wesen ist eine Güte, deren Dynamik tödliche Grenzen sprengt und lebendige Zukunft schenkt. Diese Zukunft soll alle Geschöpfe erreichen!