Die irische Küstenstadt Galway ist zusammen mit Rijeka in Kroatien Kulturhauptstadt Europas 2020. In Galway studiert ein Viertel der Einwohner, was am Rand von Europa zu einer aussergewöhnlich lebhaften Stadt geführt hat, die ihre Bewohnerzahl innert kurzer Zeit auf 80 000 verdoppelte. In Galway zählt vor allem «craic» – Spass haben.

 von Carl Meissen

In Galway gibt es einen beliebten Ratschlag. «Passen Sie auf, dass Sie nicht hängen bleiben.» Denn vielen, die für einen kurzen Besuch nach Galway reisten, ist genau das passiert – sie blieben. Deshalb verfügt die Stadt über eine multikulturelle Atmosphäre, die zu ihrer grossen Qualität geworden ist. So wuchs in der Stadt auch eine vielfältige Musikszene heran, die am Abend in den Pubs erlebt werden kann. Das hat natürlich auf viele junge Menschen eine Magnetwirkung. Heute sind 20 000 der 80 000 Stadtbewohner Studenten. In Galway gibt es mit dem Galway-Mayo Institute of Technology und der National University of Ireland zwei Hochschulen und viele Sprachschulen für Ausländer. Der Studenten-Boom strapaziert entsprechend den Wohnungsmarkt, weil die Nachfrage viel grösser als das Angebot ist. Die Folge daraus sind hohe Mieten und stark gestiegene Immobilienpreise. Diese Entwicklung überrascht. Denn Galway liegt gegenüber von Dublin auf der andern Inselseite an der Ostküste, wo das Klima rau ist. Der Pegelstand variiert in Galway während der Gezeiten mit fünf Metern enorm und an regelmässige Überschwemmungen hat man sich gewöhnt. Richtig kalt wird es in Galway mit einer durchschnittlichen Wintertemperatur von fünf Grad nie, aber richtig warm eben auch nicht. Die einzige Konstante in Galway ist das Wasser – im Atlantik und vom Himmel, denn es regnet an 240 Tagen im Jahr. Dennoch spricht man in Galway gerne von einem Barcelona-Gefühl, weil die Stadt mit ihrer Gastro-, Club- und Kulturszene ebenso lebendig sei. Berühmt ist im Sommer das «Sing Along», wenn in den Strassen Tausende gemeinsam bis zum Morgengrauen singen und tanzen, gleich wie alt, gleich welcher Nationalität. Das Galway Early Music Festival im Mai, das Galway Film Fleadh im Juli, das Galway Arts Festival, ebenfalls im Juli, das Galway International Oyster Festival im September, weltweit das grösste, und das Baboró Galway International Arts Festival for Children im Oktober locken jedes Jahr Kultur- und Vergnügungsbegeisterte nach Galway – trotz nassem Wetter. Der Song «Galway Girl» von Ed Sheeran, der 2017 zu einem internationalen Hit wurde, hat natürlich auch einen Beitrag zu dieser Attraktivität geleistet. Das Musikvideo zeigte einen nächtlichen Streifzug durch die Pubs von Galway, was nachweislich viele Jugendliche animierte, Galway zu besuchen.

Nun ist Galway die europäische Kulturhauptstadt Europas – zusammen mit der kroatischen Hafenstadt Rijeka. Mit drei Schwerpunkten, für die insgesamt 40 Millionen Euro zur Verfügung stehen, wird das Kulturjahr gestaltet. Die drei Schwerpunkte sind Sprache, Landschaft und Migration. Von den insgesamt 154 Kulturprojekten sind 30 der Sprache gewidmet. Mit Migration will Galway die Geschichte Irlands in Erinnerung rufen, aber auch die Bedeutung der kulturellen Vielfalt Europas vermitteln und vor allem aufzeigen, was es bedeutet, ein europäisches Land in schwierigen Zeiten zu sein. Denn 160 Kilometer von Galway entfernt verläuft die Grenze zu Nordirland, das zu Grossbritannien gehört und nach dem Brexit gegen seinen Willen nicht mehr Teil der Europäischen Union (EU) sein kann. Deshalb bestehen Befürchtungen, dass dadurch wieder Spannungen aufflammen könnten. Im jahrzehntelangen Nordirlandkonflikt standen katholische Nationalisten, die eine Vereinigung mit Irland anstreben, protestantischen Unionisten gegenüber, die weiterhin zu Grossbritannien gehören wollen. Der Austritt aus der EU hat aber auch das protestantische Lager gespalten.

Nun lasten Hoffnungen auf Galway, dass die Kulturhauptstadt 2020 auf der irischen Insel einen Mentalitätswandel in Gang setzen könnte. Der irische Präsident Michael Higgins spricht deshalb von einer Gelegenheit für «die lokalen, die nationalen und die Europäischen Gemeinschaften, zu denen wir alle gehören». Galway hat sich im Vorfeld des Kulturjahres bereits einige Auszeichnungen geholt: «Freundlichste Stadt der Welt», so das US-amerikanische Reisemagazin Travel and Leisure, oder mit «Loam» das beste Restaurant Irlands. Und eine weitere Einzigartigkeit gilt in Galway: Fast in jedem der mehr als 100 Pubs gibt es Liveacts und Tanzbühnen.