Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat Mosambik wegen eines Korruptionsskandals den Geldhahn zugedreht. Jetzt verklagt das verarmte Land die Credit Suisse.

von Thomas Kesselring

Am 27. Februar 2019 reichte die mosambikanische Generalstaatsanwaltschaft bei einem Londoner Gericht eine Klage gegen die Credit Suisse (CS) ein. Gegenstand ist die Rolle der Schweizer Bank bei den geheimen Krediten in Höhe von 2,07 Milliarden Dollar, die 2013 und 2014 nach Mosambik flossen und das Land in die Zahlungsunfähigkeit stürzten. Es handelte sich um drei Grosskredite an die halbstaatlichen Unternehmen Proindicus (622 Millionen Dollar), Ematum (850 Millionen Dollar) und MAM (535 Millionen Dollar).
Motiv dieser Kredite war angeblich der Aufbau einer Küstenschutz- und einer Thunfisch-Fischereiflotte durch eine Firma namens Privinvest mit Sitz in Abu Dhabi. Die Flotten waren laut einem Auditbericht der Firma Kroll um 713 Millionen Dollar überteuert und erwiesen sich beide inzwischen als unbrauchbar. Mindestens weitere 500 Millionen Dollar sind versickert. Bis heute ist unklar, ob mit dem Kredit nicht auch noch Waffen gekauft worden sind.

Als die Geheimnistuerei um die Kredite vor drei Jahren aufflog, stoppten der IWF und die Geberländer ihre Budgethilfe an Mosambik. Das Land, das ohnehin zu den ärmsten der Welt gehört, wurde in seiner sozialen Entwicklung um mehrere Jahre zurückgeworfen. Als Folge des Kreditskandals spart es nun unter anderem im sowieso schon prekären Gesundheits- und Bildungswesen.
Wenn Mosambik mit seiner Klage gegen die Credit Suisse Erfolg hat, muss es die Zwei-Milliarden-Schuld nicht mehr länger in seinen Büchern führen, und der IWF sowie die Geberländer dürften die Budgethilfe wieder aufnehmen. Die Gläubiger, die letztlich die Mosambik-Kredite finanzierten, dürften an dieser Entwicklung keine Freude haben, und es ist denkbar, dass sie früher oder später ebenfalls gegen die Bank Klage erheben.

Erstmals nahm die CS in der Sonntagszeitung vom 3. März 2019 Stellung und behauptete, «in die erwähnte Mosambik-Asset-Management-Transaktion nicht involviert» gewesen zu sein. Kein Wort zur Anklage gegen drei frühere Londoner CS-Manager durch die US-Staatsanwaltschaft.

Bereits am 19. Dezember 2018 erhob ein New Yorker Gericht Klage gegen drei Ex-Investmentbanker der Credit Suisse London, drei hohe Beamte Mosambiks, darunter der ehemalige Finanzminister, sowie drei zentrale Figuren des Privinvest-Managements. Den Angeklagten werden Geldwäscherei, Selbstbereicherung und Manipulation durch Schmiergelder vorgeworfen. Die beklagte Deliktsumme von 200 Millionen Dollar markiert im CS-Mosambik-Skandal allerdings nur die Spitze des Eisbergs. Die Credit Suisse selber wurde vom New Yorker Gericht nicht angeklagt und beteuert nach wie vor konsequent ihre Unschuld. Das Headquarter der Bank erklärte, die drei Ex-Angestellten hätten die Compliance der Bank ausgehebelt, die Schuld liege also einzig bei ihnen. Nur sie seien es, die betrogen und gestohlen hätten.

Eine genaue Lektüre der New Yorker Anklageschrift und ein Abgleich mit der Chronologie der Skandalgeschichte liefert aber eine beachtliche Zahl von Anhaltspunkten für Fehlverhalten in den höheren Bank-Etagen: aktives Wegschauen, Fehlentscheidungen, bewusste Fehlinformationen sowie – generell – schwere Mängel im Kontrollsystem und im Risikomanagement der Grossbank Credit Suisse. Einige der wichtigsten seien im Folgenden erläutert.

Als Andrew James Pearse, Surjan Singh und Detelina Subeva – in der CS als Deal-Team bezeichnet – in der Londoner CS-Filiale die Kreditgeschäfte mit Mosambik unter Umgehung der Compliance vorbereiteten, taten sie dies laut Anklageschrift damit die CS davon profitiert. Das tat sie auch reichlich. Ihr Status als Hehlerin scheint ausser Zweifel.

Die Compliance wurde nicht nur einmal, sondern wiederholt ausgetrickst. Rote Fähnchen leuchteten nur ganz am Anfang verhalten auf, danach nie wieder, trotz der zunehmend bizarren Umstände der Kreditvergabe. Da es sich um mehrere Kredite handelte, jeder aufgeteilt in mehrere Tranchen, ist anzunehmen, dass die bankinterne Compliance mehrmals gefordert war.

Die Credit Suisse wird den Richtern erklären müssen, wieso sie nach dem Proindicus-Kredit auch noch den Ematum-Kredit absegnete. Es war immerhin der dritte Kredit, den die Bank in kurzer Zeit an stets dasselbe Unternehmen Privinvest überwies. Die Höhe des Ematum-Kredits war gigantisch, und die Firma Proindicus, die als mosambikanische Nutzniesserin fungierte, hatte während der ganzen Zeit noch keinerlei Geschäftstätigkeit entwickelt. Trotz alledem liess die Credit Suisse das Deal-Team auch diesmal gewähren. Es bleibt ein Rätsel, wieso die Credit Suisse tolerierte, dass diese Kredite, die offiziell für Mosambik bestimmt waren, allesamt an die Firma Privinvest in Abu Dhabi ausbezahlt wurden. Nach Mosambik gelangte neben den – allerdings beträchtlichen – Schmiergeldern lediglich ein kleines Startkapital von 18,2 Millionen Dollar für die mit dem Küstenschutzprojekt beauftragten Firmen. Das ist weniger als ein Prozent der gesamten Kreditsumme. Sämtliche Kreditvergaben an Mosambik erfolgten auf der Basis eines Bruchs der mosambikanischen Verfassung und des Budgetgesetzes: Kredite dieser Höhe hätten vom Parlament gutgeheissen werden müssen, doch sind sie vor dem Parlament verschwiegen worden. Der IWF hätte über die Kredite informiert werden müssen, was aber durch das Deal-Team vereitelt wurde. Auch die mosambikanische Staatsbank und das Verfassungsgericht hätten Bescheid wissen müssen, blieben aber bis zum Auffliegen des Skandals drei Jahre später ahnungslos. Die Behauptungen der Credit Suisse, sie erfülle «alle geltenden Gesetze und Vorschriften in allen Ländern, in denen sie tätig ist», und gesellschaftliche Verantwortung liege in ihrer DNA, werden durch diese Fakten krachend widerlegt.

Es bleibt noch eine weitere Irritation. Im Jahr 2017 führte die Firma Kroll ein Audit über die geheimen Mosambik-Kredite durch. Von der Credit Suisse ist im Audit-Bericht nur marginal die Rede. Wer ihn liest, ahnt in keiner Weise, wie tief die Credit Suisse in den Skandal verwickelt ist. Das Audit-Verfahren wurde dreimal verlängert, die Credit Suisse hätte also Zeit genug gehabt, mit der Firma Kroll zu kooperieren. Trotzdem erdreistete sich Verwaltungsratspräsident Urs Rohner anlässlich der Aktionärsversammlung 2018 zu behaupten, die Bank habe mit der Firma Kroll zusammengearbeitet. Zweifel an dieser Behauptung werden auch durch die Tatsache geschürt, dass sich die Credit Suisse nach Veröffentlichung des Audits beschwerte, die Firma Kroll habe falsche Zahlen über ihre Bankgebühren veröffentlicht.

Der Autor war viele Jahre lang Professor an der Universidade Pedagógica do Moçambique und hat diesen Text in längerer Version auf Infosperber veröffentlicht.