In den USA erkranken junge Männer häufiger an Darmkrebs als früher. Über die Ursachen wird noch gerätselt. Aber es gibt Hinweise auf neue Auslöser von Darmkrebs. Heute haben dreissigjährige Männer ein doppelt so hohes Risiko wie 70-jährige Männer.

Von Sara Huber

Männer in ihren 20ern, 30ern und 40ern, darunter viele lebenslange Nichtraucher und Sportler, kämpfen gegen Darmkrebs. Es sind Leistungsstarke, die topgesund erscheinen, die mit der Krankheit, die im Dick- oder Enddarm beginnt, konfrontiert sind. Früher waren es typischerweise ältere Menschen mit Risikofaktoren wie Familienvorgeschichte oder Fettleibigkeit.

Ein 29 Jahre alter Marinesoldat hatte beispielsweise keine Familienvorgeschichte, war extrem fit, aktiv und ernährte sich gesund. Dennoch war bei ihm der Darmkrebs im Stadium IV fortgeschritten. Menschen mit dieser Diagnose haben nur eine Fünf-Jahres-Überlebensrate von 14 Prozent. Die Tatsache, dass so junge Männer an Darmkrebs leiden, hat inzwischen Dutzende von Forschern in den USA mobilisiert.

Darmkrebs ist die dritthäufigste Krebsart bei Männern (gleich nach Prostata und Lunge). Und während sie bei älteren Männern zurückgeht, steigen die Raten bei jüngeren Amerikanern jetzt an. Im Jahr 2017 fand eine von der American Cancer Society (ACS) finanzierte grosse Studie über invasive Darmkrebserkrankungen heraus, dass Menschen, die um 1990 geboren wurden, ein doppelt so hohes Risiko haben, an Darmkrebs zu erkranken, und ein viermal so hohes Risiko, an einem Rektumkarzinom zu erkranken, wie Menschen, die um 1950 geboren wurden. Dieses beunruhigende Ergebnis hat die ACS veranlasst, das empfohlene Vorsorgealter für Menschen mit einem durchschnittlichen Darmkrebsrisiko von 50 auf 45 Jahre zu senken. Wenn dieser Trend anhält, so eine weitere Studie, wird bis 2030 die Rate des Dickdarmkrebses um 90 Prozent und die des Mastdarmkrebses um 124 Prozent bei Menschen im Alter von 20 bis 34 Jahren steigen.

Es kommt noch schlimmer: Neue Forschungsergebnisse deuten darauf hin, dass Darmkrebs im Frühstadium deutlich andere Merkmale aufweist als das, was Ärzte gewohnt sind zu sehen. Diese Krebsarten neigen dazu, an anderen Orten zu beginnen und anders zu mutieren. Daraus wird abgeleitet, dass es sich um neue Versionen von Krebs handeln oder es neue Gründe für die Entstehung dieser Krebsarten geben könnte. Forscherteams des Memorial Sloan Kettering Cancer Center und des neuen Young-Onset Colorectal Cancer Center von Dana-Farber sind in einem Wettlauf, um herauszufinden, was konkret der Auslöser ist. Eine Spur führt zum Mikrobiom. Es handelt sich dabei um die Vielzahl von Lebewesen, die im und auf dem Körper des Menschen leben und insgesamt zwei Kilogramm ausmachen. Diese Mikroorganismen helfen in Magen und Darm beim Verdauen der Nahrung, halten Krankheitserreger in Schach und kämpfen gegen Giftstoffe. Die meisten von ihnen leben im Darm und unterstützen den Körper beim Zersetzen der Nahrung. Die Rede war früher von Darmflora, weil man dachte, sie würden zu den Pflanzen gehören. Heute werden sie als Mikrobiom – als kleinste Lebewesen − bezeichnet, weil auch Viren und Pilze dazugehören. Diesen kleinsten Lebewesen kommen Wissenschaftler nun immer mehr auf die Spur. So ist bekannt, dass sich das Mikrobiom ständig weiterentwickelt. Veränderungen könnten zu einer Störung der umliegenden Zellen führen und so zu Auslösern von Krebs werden. Deshalb suchen die Forscher jetzt nach Gründen, die eine Veränderung des Mikrobioms zur Folge haben könnten. Grossen Einfluss haben die Ernährung und Medikamente. Antibiotika können das Gleichgewicht des Mikrobioms zum Beispiel empfindlich stören, ebenso der Konsum von zu viel Zucker. Was dann konkret zu negativen Folgen führt, ist jedoch unbekannt. Eine neue, auf fünf Jahre angelegte 25 Millionen Dollar teure Studie unter der Leitung von Dana-Farber-Forschern soll Antworten darauf finden.

Bis die Forschungsergebnisse vorliegen, raten Ärzte, auf das Gewicht zu achten, sich darmfreundlich zu ernähren, was ballaststoffreiches Gemüse und Vollkorngetreide beinhaltet. Tabak und verarbeitetes Fleisch sollte derweil gemieden werden. Und man soll sich bewegen, wenn immer möglich.

Die grosse Mehrheit der Darmkrebserkrankungen im Frühstadium beginnt im Rektum, im untersten Teil des Dickdarms, was mit Symptomen wie rektalen Blutungen und Verstopfung in Verbindung gebracht werden kann. Aber auch während Wochen anhaltende Übelkeit, Magenschmerzen oder Blähungen können Hinweise sein. 17 Prozent der Darmkrebspatienten im Frühstadium werden laut einer Umfrage der US-amerikanischen Colorectal Cancer Alliance (CCA) anfänglich falsch diagnostiziert. Beharrlichkeit gegenüber dem Arzt ist deshalb auch ein wichtiger Punkt zur Früherkennung.