Die Ruhe und Entspannung der Sommerferienzeit lassen mich immer mal wieder an diese beiden Schwestern aus Galiläa denken, an Marta und Maria. Wenn ich im Lukasevangelium ihre Geschichte lese, klappt in meiner Fantasie die Wohnung der beiden auf. Marta ist bienenfleissig und schafft. Maria hingegen gönnt sich mal wieder eine Pause. Klar, dass Marta irgendwann der Kragen platzt. Entnervt geht sie zu Jesus: «Könntest Du meiner Frau Schwester bitte ausrichten, dass sie hier auch mal was tun könnte?» Und Jesus: «Marta, Marta, du machst Dir viel Arbeit. Aber nur eines ist wirklich notwendig. Maria hat das Richtige getan.»

Puh! Ist das nicht ungerecht? Möglicherweise ergreifen Sie gerade innerlich Partei für Marta, die sich ja schliesslich Jesus zuliebe in die Arbeit gestürzt hat! Und tatsächlich: Müssiggang ist aller Laster Anfang. Fleiss ist eine Tugend. Jesus würde das nicht anders sehen. Aber es lauert eben doch auch eine Gefahr dahinter, wenn sich nämlich irgendwann alles nur noch um die Arbeit dreht, sodass kein Blick mehr frei bleibt für das, was wirklich im Leben zählt. Ging es Marta nicht so? Irgendwann hat sie nur noch die Suppe und den Braten gesehen − aber darüber ihren kostbaren Gast beinahe aus den Augen verloren. Ihre Schwester hingegen bleibt sitzen. Sie hört Jesus zu. Sie hat erkannt: Das ist meine Chance!

So wird diese Geschichte der beiden Schwestern aus Galiläa zu einer schönen Idee für die Ferienzeit: nicht immer nur rumstressen. Nicht immer nur tun und machen. Sondern auch mal ausruhen. Die Seele baumeln lassen. Das ist sogar in Gottes Sinn!

Doch damit allein ist die neutestamentliche Episode noch nicht zu Ende erzählt. Ein tieferer Sinn erschliesst sich, wenn man gewissermassen die Motorhaube hochklappt und genauer hinschaut. Von Marta heisst es wörtlich: Sie war überbeschäftigt mit vielem Dienen. Und «Dienen» meint hier ziemlich konkret: da sein für andere. Damit sind wir jetzt schon ein ganzes Stück weg von irgendwelchen Haushaltsproblemen! Jesus kritisiert offenbar eine Überbeschäftigung im «Da-Sein für andere». Wieder: Puh! Ist das nicht unglaublich? Nächstenliebe zählt doch schliesslich zu den entscheidenden Kennzeichen der Christen! Aber Jesus scheint hier tatsächlich zu meinen, dass es auch davon ein Zuviel geben könne. Das Dasein für andere, meint er, sei viel, aber nicht alles!

Manche Menschen sehen das heute so: Wenn ich sozial eingestellt bin, dann bin ich ein überzeugender Christ. Jesus sagt: Dir fehlt noch was. Was fehlt, zeigt Maria. Wieder wörtlich heisst es von ihr: Sie sitzt zu Füssen des Herrn und hört sein Wort. Es geht also nicht um lockere Plauderei mit dem Gast. Für Jesus ist entscheidend, dass Maria ein Ohr und ein Herz für ihn hat. Sie hört auf sein Wort!

Marta und Maria, die beiden ungleichen Schwestern, wohnen zusammen in einem Haus. Sie wohnen wohl auch in unseren Herzen. Und da gibt es womöglich immer dieses Ringen. Da sein für andere? Da sein für Jesus? Das eine tun und das andere nicht lassen, so lautet der Tipp des Evangeliums. Darüber kann man viel nachdenken. Zum Glück ist gerade Ferienzeit!