Wie unterschiedlich der Blick auf etwas sein kann, fällt mir vor allem auf, wenn ich Interessierten unsere Klosteranlage zeigen darf. Es ist ein Gebäude aus dem Jahre 1607, das im Laufe der vier Jahrhunderte immer wieder bauliche Veränderungen erfahren hat, die letzten liegen noch keine zehn Jahre zurück. Da gibt es die Praktiker, die fragen: Wie viel hat das gekostet? Es gibt die Ästheten, die verkünden: Dieser wunderbare Lichteinfall! Die Spirituellen flüstern: Es ist so ruhig und still! Und die Baukundigen erklären: Da habt ihr aber einen guten Architekten gehabt! Schon während der Umbauzeit bemerkte ich, wie mannigfaltig Blicke sein können. Der visionäre Blick des Architekten ist fähig, mithilfe papierener Pläne ein räumliches Bild zu sehen. Der geschulte Blick des Restaurators kann aufgrund einer Holznute einen Schrank aufs Jahr genau datieren. Der scharfe Blick des Malers sieht Farbnuancen, die meinem Auge verborgen bleiben.

Ja, unser Blick sieht. Er ist uns gegeben, das, was um uns ist, zu erkennen, anzuschauen, die greifbare Wirklichkeit um uns wahrzunehmen. Gott jedoch ist eine Wirklichkeit, die sich unserem Blick entzieht. Aber deswegen ist er nicht weniger wirklich. Wir nehmen mit unserem Blick äussere Formen, Farben, Figuren wahr. Gott dagegen geht es um Beziehung, und nur um Beziehung. Beziehung aber ist für unsere äusseren Augen nicht wahrnehmbar. Dafür braucht es den anderen Blick, was Antoine de Saint-Exupéry mit seinem viel zitierten Satz treffend so ausgedrückt hat: „Man sieht nur mit dem Herzen gut.“ Beziehung also ist nur mit dem Herzen zu fassen. In der biblischen Tradition nun heisst es, dass das „reine Herz“ fähig ist, Gott zu schauen. Ein „reines Herz“ rührt uns heutige Menschen vielleicht etwas eigen an. Aber die Reinheit des Herzens hat eine bedeutungsvolle Tiefe. Sie meint genau diesen anderen Blick, der uns die Wirklichkeit Gottes erahnen und schauen lässt, der uns in Beziehung zu Gott bringt. Denn wie es in einem Liedtext von Huub Oosterhuis heisst:

Gott, unser Gott, wie bist du zugegen und wie unsagbar nah bei uns.
Du bist in allem ganz tief verborgen, was lebt und sich entfalten kann.
Du bist nicht sichtbar für unsre Augen, und niemand hat dich je gesehn.
Wir aber ahnen dich und glauben, dass du uns trägst, dass wir bestehn.

Wenn wir Gott mit unserem Herzen als uns nahe und liebende Wirklichkeit erahnen können, dann können wir auch einen liebenden Blick auf die Wirklichkeit und die Menschen um uns gewinnen. Und darauf kommt es doch eigentlich an!