Glaubensimpuls von Tobias Karcher SJ

«Die Natur ist eure beste Lehrmeisterin!» Dieser Satz unseres Novizenmeisters begleitet mich immer wieder, auch wenn mein Ordenseintritt nun 30 Jahre hinter mir liegt. Gerade zu Beginn unserer stillen Meditationstage warnte er uns sogar, zu früh in die Kapelle zu gehen. «Ihr müsst zunächst eine Haltung der Achtsamkeit einüben», riet er uns, «und das geht am besten in der Natur: Wie spürt ihr den Boden unter den Füssen? Wie die kalte Luft auf euren Wangen? Wie fühlt sich das Moos in den Fingern an.»

Einmal schickte er uns nach draussen mit der Aufgabe, einen Baum auszuwählen, der am ehesten uns gleiche. Was wäre typisch für meinen Lebensbaum? Die Zartheit einer Birke? Die geballte Wucht einer Eiche? Das Abweisende eines Dornbusches? Die Ängstlichkeit einer Zitterpappel? Das Depressive einer Trauerweide? Die Abhängigkeit einer Schlingpflanze, die sich nur an anderen hochranken kann? Die dunkle Schwermut einer Schwarzwaldtanne?

Der Baum über der Erde lebt von dem Baum unter der Erde. Wurzelt er nicht tief genug, so wirft ihn der erste Sturm um. Reicht seine Verästelung nicht bis ins Grundwasser hinein, wird er bei der ersten Trockenheit verdorren. Mit den Wurzeln kommt er zu Nahrung, die ihm Kraft gibt zu seinem Wachstum und ihn die Schwerkraft überwinden lässt. Wie Bäume haben auch wir Wurzeln – Wurzeln in der Vergangenheit, in der Familie, in der Heimat, in unserem Milieu. Wenn ich durch den Park des Lassalle-Hauses laufe, betrachte ich die alten Bäume aus Kurhauszeiten, den nahen, rauschenden Wald, die Äste, den Boden, den sachten Übergang in die Zuger Hügellandschaft und frage mich: Was gibt mir immer wieder Halt? Was sind Hauptwurzeln, Hauptäste meines Lebens? Aus welchen Erinnerungen, Erlebnissen, Grundgedanken schöpfe ich Hoffnung und Lebenskraft?

Die Äste: Gegen die Schwerkraft ankämpfend ragen die Bäume nach oben. Ihre Äste sind ausgestreckt wie mächtige Hände, die in den freien Raum greifen und dem Licht, der Wärme, dem Himmel entgegenwachsen. Dieser Drang nach oben ist für mich Gleichnis für alles menschliche Streben – nach Freiheit und Entfaltung, nach Wärme und Geborgenheit, nach dem Licht der Wahrheit und der Verbindung von Himmel und Erde.

Der Boden: Es gibt fette, magere, sandige, steinige, mineralhaltige, lehmige, harte, lockere, unfruchtbare Böden. Auf was für einem Boden bin ich aufgewachsen? Was war hart für mich? Was fehlte? Was war kraftvolle Nahrung?

Die Umgebung: Es gibt Bäume, die einsam stehen, andere in Gruppen, viele in einem ganzen Wald, einige fast erstickt von Baumriesen. Wo stehe ich?

Auch Jesus liebte die Bäume, wie uns der Evangelist Matthäus im 13. Kapitel erzählt. Sein Lieblingsbaum war übrigens der Senfbaum. Jesus faszinierte, dass dieser Baum einen ganz unscheinbaren, kleinen Samen hat und doch zu einem riesigen Baum emporwachsen kann. Dieses Bild wählte er wohl aus, um auch jeder und jedem Einzelnen von uns Mut zu machen.