Trotz Versprechen der Tech-Giganten sind Pflegeroboter noch immer rudimentär im Einsatz. Dennoch stellen uns die maschinellen Helfer vor grundlegende Fragen. Wie wollen wir in Zukunft gepflegt werden und welche Rolle spielen Menschen dabei noch?

von Florian Wüstholz

Für manche ist es eine Utopie, für andere eine Dystopie. Die Wahrheit liegt wohl irgendwo dazwischen – wie so oft, wenn es um digitale Technologien geht. In Filmen wie «I, Robot» aus dem Jahr 2004 übernehmen humanoide Roboter bereits einen Grossteil unserer Hausarbeit. Sie kochen für uns, kaufen ein, waschen die Wäsche. Und sie können uns im Alter pflegen und Gesellschaft leisten. Sie stützen uns beim Spaziergang durch die Nachbarschaft. Sie waschen unsere Körper, die schon so viel erlebt haben. Und sie helfen uns, wenn wir stürzen oder wenn wir nicht mehr aus dem Bett aufstehen können.

Was vor 15 Jahren noch blosse Science-Fiction war, wird immer mehr zur echten Möglichkeit, zur absehbaren Realität. So zeigt das US-amerikanische Robotik-Unternehmen Boston Dynamics, was autonome Roboter heute bereits können. Sie sprinten, steigen Treppen problemlos hoch und runter, machen Rückwärtssaltos und lassen sich auch nicht von Schubsern oder einem unebenen Untergrund aus dem Gleichgewicht bringen. Das ist durchaus beeindruckend. Viele von uns kennen auch noch den Roboterhund Aibo – japanisch für «Partner». Das künstliche Haustier von Sony war zu Beginn des Jahrtausends einer der ersten kommerziellen Unterhaltungsroboter und nahm am RoboCup, dem Fussballcup der Roboter, teil. Auch die omnipräsenten Rasenmähroboter gleiten mittlerweile in vielen Gärten ganz von allein hin und her.

Die Roboterrevolution lässt auf sich warten
In der Pflege sieht dagegen vieles noch aus wie immer. Auf den Gängen von Altersheimen kann man lange nach Robotern suchen. Hier wird das Essen immer noch vom menschlichen Koch zubereitet und vom menschlichen Personal serviert. Auch die dreckige Wäsche wird von Hand gesammelt, mit Muskelkraft in die Wäscherei gebracht und wieder auf die Zimmer verteilt. Und vor allem haben die Bewohnerinnen und Bewohner noch viel Kontakt mit Pflegern und Ärztinnen.

Trotzdem haben immer mehr Menschen Angst, bald nur noch von Robotern gepflegt zu werden. Erste Prototypen, welche die Pflege erleichtern sollen, gibt es bereits. So zum Beispiel Hebemaschinen, die es einfacher machen, ältere Menschen aus der Badewanne oder dem Bett zu heben. Sie sparen Kraft und bieten Sicherheit, denn Rückenprobleme plagen viele in der Pflege. Auch Waschroboter und intelligente Matratzen werden entwickelt. Spruchreif ist jedoch noch wenig. Denn das Feld der Pflege ist unglaublich komplex und vielseitig. Es braucht nicht nur das handwerkliche Wissen, sondern vor allem viel emotionale Kompetenz. Eine anspruchsvolle Aufgabe, der viele Menschen nicht gewachsen sind. Warum sollten Roboter das besser können? Und wollen wir überhaupt, dass Roboter das alles können?

Bisher sind Roboter oft für eine eng umrissene Aufgabe programmiert und entwickelt. So zum Beispiel der in der Schweiz gebaute Pflegeroboter Lio – ein orange-weisser Roboterarm auf Rädern. Er weckt Bewohnerinnen und Bewohner am Morgen und bringt ihnen etwas zu trinken. Die Frage nach dem Wetter beantwortet er, indem die aktuelle Prognose auf dem eingebauten Tablet angezeigt wird. Wer möchte, kann sich von Lio eine Geschichte erzählen lassen oder sich auf dem Weg in die Kantine auf seinem starken und dennoch weichen Arm abstützen. Sicherlich eine Hilfe für manche, aber kaum ein Ersatz für menschliche Pflege.

Der Sozialroboter Pepper und sein älterer, kniehoher Bruder Nao gehen da schon etwas weiter. Die beiden wurden in Japan entwickelt und sollen mit ihrer quirligen Art und dem menschlichen Aussehen einen Eindruck von Nahbarkeit und Verbindung vermitteln. Ist das die angekündigte Revolution? Eingebaute Sensoren merken, wenn man sie berührt und streichelt. Und wenn Nao durch die Gegend watschelt, erkennen die eingebauten Kameras am Boden liegende Objekte, die der Roboter dann selbstständig aufheben kann. Wer möchte, kann mit Nao sprechen oder sich Yoga-Übungen vorzeigen lassen. Zwar ist der Austausch ziemlich beschränkt und folgt vorprogrammierten Mustern, doch einen gewissen Charme – vielleicht gar eine Persönlichkeit – kann man Nao dennoch nicht absprechen.

Mit der Roboter-Robbe kuscheln
Es ist ein sonniger Frühlingstag in Luzern. An der Seepromenade flanieren die Touristen, während hoch oben auf dem Berg Pilatus noch Schnee liegt. Auch im Betagtenzentrum Rosenberg machen viele Bewohnerinnen einen Spaziergang im Freien. Mit dem Rollator oder dem Besuch gehen sie gemächlich durch die schöne Anlage, wo es nach frisch gemähtem Gras riecht.

Derweil ruht sich im Haus die bekannte Roboter-Robbe Paro am Fenster aus. Seit etwa sechs Jahren wohnt dieser Therapieroboter aus Japan am Rosenberg und unterstützt die Pflegenden bei der Aktivierung der Bewohnerinnen und Bewohner. «Paro ist immer da», erklärt Monika Pfulg, Leiterin der Aktivierung. «Ein Therapiehund ist vielleicht einmal krank oder sehr müde. Dagegen steht ein Roboter Tag und Nacht zur Verfügung, wenn man ihn braucht. Das ist ein grosser Vorteil.» Gleichzeitig ersetze Paro niemals ein echtes Tier, denn die Verbindung zwischen Mensch und Tier sei ganz speziell. Das kann auch der niedlichste Roboter nicht simulieren.

Während Monika Pfulg erzählt, streichelt sie den Kopf und den Rücken der schneeweissen Robbe. Diese gibt fiepende Töne von sich, bewegt den Kopf, reagiert auf die Berührung. Nur wenn man sie an den Barthaaren streichelt, wendet sie sich ab und wirkt irritiert. Hat dieser Roboter eine Persönlichkeit? «Irgendwie schon», antwortet Pfulg. «Zumindest in den Augen der Bewohnerinnen und Bewohner. Sie gehen zu ihr hin und fragen, ob sie wach sei. Obwohl ihnen durchaus bewusst ist, dass es sich um einen Roboter handelt. Das erklären wir immer. Paro löst eben schon etwas in uns aus.»

Bereits seit über 20 Jahren wird in Japan an diesem Roboter getüftelt. Ursprünglich wurde er zur Therapie von Menschen mit Demenz entwickelt. Bei diesen ist der Zugang oft sehr schwierig. «Paro kann hier ein Türöffner sein», weiss Pfulg. «Man erreicht damit Menschen, die nicht so stark auf andere Menschen reagieren, zum Beispiel, weil sie Tiere mögen. Oder auch solche, die sehr in sich versunken sind. Ihnen können wir mit Paro helfen, aus der eigenen Welt etwas herauszukommen und einen Kontakt herzustellen.» Doch das Spektrum an Reaktionen ist breit. Manche sprechen sehr gut auf den Roboter an, andere wiederum lässt er völlig kalt.

Ist Paro also ein Ersatz für die Pflege? Pfulg verneint vehement. Paro sei einfach ein Hilfsmittel, ein Werkzeug wie andere auch, die sie zur Aktivierung älterer Menschen verwenden. «Paro ersetzt die Pflege nicht. Wir kommen nie auf eine Abteilung und sagen, dass sich eine Bewohnerin jetzt mal eine Stunde mit der Roboter-Robbe beschäftigen könne.» Der Zugang sei subtil, man müsse die Menschen beobachten und auf ihre Gefühle reagieren. Darum würde auch niemand mit Paro alleine gelassen. «Die Begegnung kann zum Beispiel Trauer auslösen, die wir als Pflegende dann auffangen müssen.»

Ohne Menschen geht es nicht
Trotz des grossen Fachkräftemangels in der Pflege glaubt Monika Pfulg nicht, dass Roboter Menschen in der Pflege ersetzen können. Zwar ist sie Assistenzsystemen nicht abgeneigt, doch der menschliche Kontakt könne nicht ersetzt werden. «Das ist ein enormes Bedürfnis. Man muss auch die Würde der Menschen bewahren. Das braucht viel Einfühlungsvermögen.» Vor allem auch, weil viele von uns im Alter immer weniger andere Menschen im Umfeld haben. Sollen wir einfach dem Roboter unsere Lebensgeschichte erzählen? Und was sagt das über uns als Gesellschaft aus, wenn wir ältere Menschen von Robotern pflegen lassen, weil es günstig und sicher ist?

Auch für die Medizinethikerin und Gerontologin Tenzin Wangmo ist der menschliche Kontakt eine Grundvoraussetzung für die Pflege im Alter. An der Universität Basel forscht sie zu den Auswirkungen digitaler Assistenzsysteme auf das Leben älterer Menschen. «Einsamkeit ist ein kritischer Punkt im Alter», erklärt sie. «Wir möchten herausfinden, ob Roboter oder digitale Technologien hier helfen können. Gleichzeitig dürfen wir nicht vergessen, dass menschlicher Kontakt ein grundlegendes Bedürfnis ist.»

Wenn wir bloss nach technischen Lösungen suchen, besteht die Gefahr, dass dieser Austausch verloren geht. Und damit etwas, was uns als menschliche Gemeinschaft ausmacht. Wenige wünschen sich wohl als einzigen Gesprächs- und Austauschpartner einen Roboter. Dabei dürfen wir uns auch nicht vom Fachkräftemangel blenden lassen. «Wir müssen uns fragen, was wir ersetzen müssen, weil uns die Ressourcen fehlen, und was wir auf keinen Fall ersetzen dürfen, weil es zu wertvoll ist», mahnt Wangmo. Es sei immer nötig, nach dem konkreten Nutzen einer Technologie zu fragen. Zum Beispiel: Was machen wir Nützliches mit der eingesparten Zeit und den frei gewordenen Ressourcen? «Technologie darf nie als bequeme Lösung verstanden werden. Als Gesellschaft sind wir von Empathie, Verbindung und Gemeinschaft abhängig. Das setzen wir aufs Spiel, wenn wir Technologie blindlings einsetzen.»

Darum ist auch für Tenzin Wangmo klar: «Menschlicher Kontakt, der Austausch miteinander und die gegenseitige Abhängigkeit dürfen nie ersetzt werden.» Natürlich können wir genauso wenig alle digitalen Technologien ablehnen und vermeiden. Bei manchen, so Wangmo, bestehe durchaus ein wirklicher Nutzen. Zum Beispiel wenn es um Routinearbeiten geht, die einfach automatisiert werden können. Dann bleibt mehr Zeit für Austausch und Empathie. Es gibt auch Systeme, die unsere Sicherheit und Selbstständigkeit im Alter unterstützen können. Nur müssen wir hier auf der Hut sein, dass wir wichtige Werte nicht leichtfertig aufs Spiel setzen. Es ist sicher nützlich, wenn die Tochter auf dem Handy einen Alarm erhält, falls der Vater zu Hause stürzt. Nur darf es nicht dazu führen, dass sie deshalb noch seltener zu Besuch ist – schliesslich wäre sie im Notfall ja informiert.

Ein Grund mehr, nicht dem Mythos der digital unterstützten Selbstbestimmtheit auf den Leim zu gehen. Menschen sind immer voneinander abhängig und aufeinander angewiesen. Sollten wir an den Punkt gelangen, wo wir ohne Roboter völlig hilflos sind, leben wir tatsächlich in einer Dystopie.