Seit über 500 Jahren pilgern die Spanier in Alicante einmal im Jahr zum Mönchskloster Santa Faz. Dort wird nämlich in einem Schrein ein Schleier aufbewahrt, der in Alicante als das Schweisstuch der Veronika verehrt wird.

von Florencia Figueroa

In Alicante wird gefeiert – wieder einmal. Überall Menschen, die Strassen sind gesperrt, Musik ertönt und eines ist gewiss: Von der Nachtruhe kann man sich heute verabschieden. Doch um welches Fest handelt es sich genau? Rosa und ihre Freundinnen erklären: «Die Romería.» Obwohl die Frauen aus der Region sind, nehmen sie das erste Mal teil. «Ich hatte bisher einfach keine Zeit», so Rosa. «Aber heute hatte ich nichts zu tun.» Romería ist Spanisch und bedeutet Wallfahrt. Immer am zweiten Donnerstag nach Gründonnerstag versammeln sich die Leute vor der Kirche San Nicolás in Alicante. Von dort aus gehen sie zu Fuss rund acht Kilometer bis zum Mönchskloster Santa Faz. Einige nehmen Bambusstöcke mit, an denen Rosmarinzweige hängen. Andere wiederum tragen Halstücher, auf denen Jesus abgebildet ist.

Die ersten Pilger starten um sechs Uhr morgens, andere wiederum erreichen den Ausgangsort um acht Uhr. Die 38-jährige Rosa und ihre Begleiterinnen beginnen die Tour erst um neun Uhr morgens – zusammen mit zig anderen Pilgern. Darunter finden sich auch etliche Gruppen von Jugendlichen, die in kurzen Shorts und T-Shirts, mit Sonnenbrillen und lauter Musik die Route in Angriff nehmen. Selbstverständlich haben sie auch jede Menge Alkohol dabei.

Ein Fest für alle
«Ja, Spanien ist im Vergleich zu den Nationen in Nordeuropa tatsächlich ein eher religiöses, katholisches Land, in dem die Reformation kaum Fuss fassen konnte», bestätigt José Luis Casanova Cases, Abt des Klosters Santa Faz. «Aber das eine ist die christliche Kultur, das andere, wie man die Religion und den Glauben auslebt. Und in Spanien nimmt die Religiosität ständig ab.» So sei er sich durchaus bewusst, dass einige Pilger nicht so viel mit der Kirche am Hut haben: «Die Menschenmasse ist äusserst heterogen. Einige kommen aus religiösen Gründen, andere wiederum wandern gern oder wollen feiern.» Der eigentliche Grund, weshalb die Romería stattfindet, ist jedoch ein Tuch. Veronika soll dieses Tuch dem leidenden Jesus auf dem Kreuzweg gegeben haben. Damit soll er sich Schweiss und Blut aus dem Gesicht gewischt haben. So prägte sich sein Antlitz in das Tuch ein.
Tatsächlich gibt es mehrere solcher Tücher, die man alle als «Schweisstuch der Veronika» bezeichnet. Eines davon ist in Rom. Und jenes, das in Santa Faz aufbewahrt wird, wurde Ende des 15. Jahrhunderts aus dem Vatikan nach Alicante gebracht. Das Schweisstuch von Alicante ist jedoch besonders – denn es hat ein Wunder bewirkt. So soll das Tuch, konkret das Antlitz Jesu, am 17. März 1489 «geweint» haben. Dieses Ereignis ist der Ursprung der Romería – die seit Jahrhunderten alljährlich stattfindet.

Lange Wartezeiten
Am Ende des Pilgerwegs die ungefähr zwei bis zweieinhalb Stunden dauert, erreicht man das Mönchskloster, wo sich das heilige Tuch in einem Schrein befindet. Und nur dieses eine Mal im Jahr bekommt die breite Öffentlichkeit das Tuch zu sehen. Doch einen Blick auf das Tuch zu erhaschen, ist sehr schwierig. «Die Schlange ist riesig», sagt Abt José Luis Casanova Cases aus Erfahrung. Bis zu zwei Stunden oder länger kann die Wartezeit betragen, um das Tuch zu sehen. Das Kloster ist deshalb dazu übergangen, das Heiligtum nicht nur während der Romería, die nur einen Tag andauert, zu zeigen, sondern gleich mehrere Tage hintereinander. Ausserdem passt das Mönchskloster während dieser Zeit seine Öffnungszeiten an: Geöffnet ist von fünf Uhr morgens bis neun Uhr abends – bei Bedarf schliesst man die Türen noch später.
Das Kloster ist in diesen Tagen übervoll. Schätzungsweise an die 300 000 Menschen sollen das Mönchskloster während dieser Tage aufsuchen. Besonders auffallend: Bei den Gästen handelt es sich vor allem um die lokale Bevölkerung. Nach José Luis Casanova Cases ist es nämlich so, dass der Brauch ausserhalb von Alicante und Umgebung kaum bekannt ist. Langsam ändert sich das aber. Das Kloster jedenfalls setzt alles daran, dass die Romería prominenter wird.

Eine Frage des Glaubens
Es ist nicht das echte Tuch, das die Besucher zu sehen bekommen. Es ist bloss eine Abbildung des Originals. Auf dem echten Tuch sieht man laut José Luis Casanova Cases, Abt des Mönchsklosters Santa Faz, nämlich gar nichts: «Über die Jahrhunderte dunkelte sich das Tuch mehr und mehr ein, sodass nichts zu erkennen ist.» Damit die Menschen aber trotzdem etwas zu sehen bekommen, hat man ein Duplikat des Tuches angefertigt, auf dem Jesus erkennbar ist, dem eine einzelne Träne über die Wange läuft. Diese Nchbildung wird im Schrein zur Schau gestellt. Das echte Tuch befindet sich ebenfalls im Schrein, allerdings wird es nie hervorgeholt. Auch nicht, um wissenschaftliche Studien vorzunehmen. So wurde gemäss José Luis Casanova Cases das heilige Tuch von Santa Faz wissenschaftlich noch nie untersucht. So ist und bleibt alles, was mit dem Tuch zu tun hat, eine Frage des Glaubens. Für José Luis Casanova Cases jedenfalls ist klar, dass durch das heilige Tuch die Präsenz Jesu deutlich spürbar ist.