Zehn Tage waren die Mitglieder der Global Commons Alliance bei uns im Lassalle-Haus zu Gast. Eine Gruppe von 30 internationalen Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern, die alle im Bereich des Klimawandels und des Zustands unseres Planeten forschen. Denn der Klimawandel ist das eine. Es geht jedoch auch um Biodiversität, um die Qualität des Bodens, der Luft, der Ozeane und der Frischwassersysteme, die ebenso bedroht sind. Was aus Sicht dieser Forscher benötigt wird, sind gemeinsame Ziele, die auf wissenschaftlich fundierten Zahlen basieren, die dieses ganze komplexe Erdsystem widerspiegeln. Es ging darum, ganz praktische Ziele gerade für die städtischen Zentren und internationalen Unternehmen zu formulieren. Beide benötigen dringend praktisch umsetzbare Orientierungen in der gemeinsamen Anstrengung, die Welterwärmung zu begrenzen. Die Ergebnisse wurden auf dem World Economic Forum in Davos, auf der Plattform für Global Public Goods, veröffentlicht.

Der Veranstalter kam auf mich zu mit der Bitte, einen spirituellen Impuls zu Beginn dieser Konferenz zu geben. Wichtig sei einmal, die Dringlichkeit dieses Projektes in den Vordergrund zu stellen. Man brauche eine Geschichte, die es zu erzählen gelte, mit einer persönlichen Dimension.

Gerade das Thema der Dringlichkeit liess bei mir den Beginn der Predigt Jesu lebendig werden. In der griechischen Mythologie und Sprache gibt es zwei Begriffe für Zeit, Chronos und Kairos. Chronos ist die fortlaufende Zeit, ohne qualitativen Unterschied. Kairos dagegen ist der besondere Moment, den es zu erfassen gilt, den wir nicht verpassen dürfen. Diesen Zeitbegriff des Kairos verwendet Jesus zu Beginn des Markus-Evangeliums, dessen Original in Griechisch abgefasst ist. Die Zeit ist nah, der Kairos ist gekommen, kehrt um, so beginnt seine Verkündigung (Mk 1,15). Dann das Thema der Umkehr. Das Wort hat nicht Greta Thunberg erfunden. Wir haben es in unserer jüdisch-christlichen Tradition seit 2000 Jahren. Wir müssen unser Leben, unsere Verhaltensweisen immer wieder ändern. Damals ging es um eine Gesellschaft, die zunehmend ungleich geworden war: Gerechtigkeit ist deshalb ein zentraler Begriff bei Jesus.

Heute geht es um die Verbundenheit des Menschen mit der Schöpfung und mit den Armen. So schreibt Papst Franziskus in seiner Umwelt- und Sozialenzyklika Laudato si‘, dass wir diese Beziehungsfähigkeit verloren hätten. Die Welt haben wir in den vergangenen zweihundert Jahren wie ein Objekt betrachtet und ausgebeutet. Dagegen sind wir ja selbst ein Teil dieser Welt. Wir sind auf lebendige Beziehungen mit der Natur, mit unseren Mitmenschen und mit Gott angewiesen. Auch wir sind Schöpfung und haben unser Leben geschenkt bekommen. Jesu Geschichte schliesst mit der Auferstehung. So dürfen auch wir darauf vertrauen, dass nicht der Tod das letzte Wort hat, sondern das Leben. Deswegen können wir innehalten, umkehren, uns engagieren, um der kommenden Generation einen gesunden Planeten zu übergeben.