Glaubensimpuls von Tobias Karcher SJ

Zarte Pastellfarben zeichnen die Konturen des Pilatus. Die Bergspitze, die in den Himmel ragt, berührt ein mildes Abendlicht. Der Vordergrund – See, Wald und Felsmassiv – ist hingegen dunkel, fast düster gehalten.
Es scheint, als stehe dieses Aquarell für die Seelenlandschaft von Queen Victoria. Die englische Königin hat das Bild 1868 während ihrer Schweizreise selbst gemalt. Es war vergangenes Jahr in Luzern zu bewundern. Nach dem Tod ihres geliebten Gatten Albert von Sachsen-Coburg und Gotha sieben Jahre zuvor hatte sich die Königin weitgehend aus der Öffentlichkeit zurückgezogen. Sie fand nicht mehr aus ihrer Trauer heraus. Und so legte die Entourage ihr diese Reise nahe – in ein Land, von dem schon ihr Gatte begeistert erzählt hatte. Tatsächlich sollte diese Reise wesentlich zu ihrer Gesundung beitragen. Die Tagebuchnotizen von Queen Victoria sprechen davon, wie die liebliche Alpenlandschaft sie anrührt und wie eine neue Wirklichkeit Einlass findet in ihre Seele.
Das Staunen über die Schönheit der Natur hat oft auch mit der Vergänglichkeit zu tun. Jetzt blüht die Orchidee auf meinem Fenstersims – und in wenigen Tagen wird sie verblüht sein. Doch dann kann ich mich immer wieder an die elegante Form, die besondere Farbe, die anmutige Haltung erinnern. Die Schönheit der Blume berührt etwas tief in meinem Inneren und lässt eine Sehnsucht erwachen, dass diese Schönheit nicht vergehen, sondern ewig dauern möge. Diese Sehnsucht weitet meinen Blick auf die Welt, der wie bei Königin Victoria manchmal schmerzvoll verengt ist. Die Erfahrung von Schönheit überschreitet die vergängliche Welt und berührt die Sehnsucht nach etwas Ewigem, Unvergänglichem. Deswegen haben mittelalterliche Theologen das Schöne, das pulchrum auf Lateinisch, als Wegweiser hin zur göttlichen Wirklichkeit begriffen – nebst weiteren Wegweisern wie Einheit (unum), Wahrheit (verum) und Gutheit (bonum).

Die Schönheit kann sich uns auch in der Begegnung mit Menschen zeigen. Betrachten wir das Gesicht eines Menschen, geht oft eine Welt auf. Was ein Mensch erlebt, erlitten, ja was ihn weise gemacht hat, können wir manchmal in seinem Gesicht ablesen. Das Gesicht eines Menschen – das Antlitz, wie es biblisch genannt wird – kann durchlässig werden für eine grössere Wirklichkeit. «Ich habe Dein Antlitz gesehen, wie man das Antlitz Gottes sieht», so sagt Esau bei seiner Versöhnung mit seinem Zwillingsbruder Jakob in der Geschichte der Patriarchen (Genesis 33,10).

Ob wir eine Blume betrachten oder das Gesicht eines Menschen: Wir nehmen nicht nur regungslos mechanisch einen Gegenstand wie unter der Lupe wahr – nein, das Betrachten, die Kontemplation der Natur und des menschlichen Antlitzes verändert den Betrachtenden. So hat es Queen Victoria erlebt, so verändert es mich immer wieder von Neuem.