Im Prälatentrakt des seit 1247 bestehenden Klosters Magdenau ob Flawil hat der Barockkünstler Kaspar Meglinger (* 1595 in Luzern, † um 1670 ebenda) einen Zyklus mit 53 Emblemen gemalt. Sie beziehen sich inhaltlich alle auf das Klosterleben. Das Besondere an den Emblemen ist, dass sowohl das Bild als auch der dazugehörende Spruch alleine nicht verständlich sind. Erst zusammen, Bild und Sinnspruch, ergeben sie den tieferen Sinn.

In den letzten Jahren habe ich den Zyklus immer wieder betrachtet und es fällt mir auf, dass sich jedes Mal ein anderes Emblem in den Vordergrund drängt und mich anspricht. Zum Beispiel der schwer mit Früchten beladene Baum. Man sieht, wie das Obst fällt und mit der Last der Früchte auch Äste brechen und Zweige reissen. Darunter steht der Satz: «Inopem me copia fecit» (Die Fülle macht mich arm).

Auch dieses Jahr sind die Obstbäume prall voll und hie und da ist ein Baum mit gebrochenem Ast zu entdecken. Aber das Bild in der Magdenau möchte etwas Wichtigeres aussagen.

Man hört und liest immer wieder vom Burn-out. Er trifft vor allem Menschen, die mitten im erfolgreichen Berufsleben stehen. Sie sind geschäftlich und gesellschaftlich gefragt und kompetent. Sie haben immer mehr und noch mehr Verantwortung übernommen und plötzlich geht nichts mehr, zerbrechen sie unter der Last der Fülle. «Die Fülle macht mich arm.»

Menschen, die viele Begabungen und Talente haben, leiden oft, weil man sie für alles in Anspruch nehmen kann. Schliesslich haben sie keine Zeit mehr für sich selbst oder für ihre Nächsten und sind eigentlich arm und leer. «Die Fülle macht mich arm.» Der Burn-out trifft ein, wenn ich nur noch ein Gefangener fremder Ansprüche und Erwartungen bin. Wie kann es so weit kommen?

Der Sinnspruch «Die Fülle macht mich arm» ist eigentlich widersprüchlich. Und doch: Was nützt es, wenn der Baum unter der Last zerbricht?

Ich bin auf alle Fälle nachdenklich geworden. Was ist nun wirklich wichtig, wenn ich den vollen Terminkalender betrachte? − Gar nicht so leicht zu sagen!