Um die Biodiversität zu erhalten, braucht es ein schweizweites Netz aus naturnahen Lebensräumen. Auch städtische Grünflächen können einen Beitrag dazu leisten, sofern sie biodiversitätsfreundlich gestaltet und gepflegt werden. Was aber bedeutet das genau? – Beispiele aus der Stadt Zürich.

Der Zustand der Biodiversität in der Schweiz ist unbefriedigend. Seit 1900 hat die biologische Vielfalt deutlich abgenommen. Heute ist mehr als ein Drittel der Arten gefährdet und auch die Vielfalt der Lebensräume bereitet Sorgen. Fast die Hälfte der Lebensraumtypen ist bedroht. Schritte, um diesen Negativtrend zur stoppen, sind bereits in die Wege geleitet. Die «Strategie Biodiversität Schweiz», die vom Bundesrat im April 2012 verabschiedet wurde, hat zum Ziel, die Biodiversität in der Schweiz und die damit verbundenen Ökosystemleistungen langfristig zu erhalten. Zu diesen Leistungen gehört unter anderem die Bestäubung durch Insekten – und damit die Produktion vieler Nahrungsmittel –, aber auch die Bereitstellung von nutzbarem Trinkwasser und frischer Luft und – was oft vergessen geht – einer ansprechenden Landschaft für Erholung suchende Menschen.

Für den Erhalt der Biodiversität reichen ökologisch wertvolle Biotope wie Naturschutzgebiete und Naturpärke allein jedoch nicht aus. Wichtig sind auch die Flächen dazwischen. Denn auch auf dem Kulturland, im Siedlungsgebiet oder entlang von Gewässern braucht es naturnahe Lebensräume, die als Vernetzungsachsen die Schutzgebiete miteinander verbinden und so den Austausch der verschiedenen Arten sichern. Solche Vernetzungsgebiete sind vielen als Biodiversitätsförderflächen in der Landwirtschaft oder als künstliche Verbindungselemente wie Wildtierbrücken und Amphibiendurchlässe bekannt. Aber auch ökologisch aufgewertete Grünflächen im Siedlungsraum tragen zu einem schweizweit funktionierenden Naturnetz, der sogenannten «ökologischen Infrastruktur» bei.

Grüne Siedlungen für Mensch und Natur
Strassen- und Alleebäume, Parkanlagen und Villengärten, Sport- und Spielplätze, Bachufer, Friedhöfe, Tramschienen und ungenutzte Brachflächen: Auch in der Stadt Zürich gibt es diverse Grünflächen. Insgesamt sind es 3773 Hektar, die von «Grün Stadt Zürich» bewirtschaftet werden. Um die Biodiversität im städtischen Raum trotz reger Bautätigkeit zu erhalten, wird viel Wert auf eine naturnahe und schonende Pflege gelegt. «Die Stadt Zürich will ihre Grünflächen so ökologisch wie möglich verwalten, sie aber nicht zu Naturschutzgebieten machen, sondern den Bedürfnissen der Stadtbevölkerung – so gut es geht – anpassen», schreibt die für das öffentliche Grün verantwortliche Dienstabteilung auf ihrer Internetseite.

Im Rahmen des Projekts «Mehr als Grün», das aus einer parlamentarischen Weisung des Gemeinderats hervorgeht, ist «Grün Stadt Zürich» zudem seit Januar 2016 daran, öffentliche Flächen im Siedlungsgebiet ökologisch aufzuwerten, und trägt damit zu der vom Bund verabschiedeten Biodiversitätsstrategie bei. Denn auch im Kleinen, das heisst in der Stadt, gilt es, ökologisch wertvolle Vernetzungsflächen zu schaffen und zu erhalten. Wie das in der Realität ausschaut, zeigte uns Bettina Tschander, Projektleiterin von «Mehr als Grün» und stellvertretende Leiterin des Fachbereichs Naturschutz, bei einem gemeinsamen Rundgang durch die Stadt.

Aufgewerteter Rasen
«Alles was monoton ist, hat einen geringen ökologischen Wert, selbst wenn es grün ist», sagt die Biologin und Landschaftsarchitektin Bettina Tschander. So sei die ökologische Aufwertung von eintönigen Rasenflächen denn auch eine der häufigsten Massnahmen, die sie im Rahmen des Projekts «Mehr als Grün» durchführe. Um die Artenvielfalt auf einem Rasen zu verbessern, geht es in erster Linie darum, das Vorkommen von Wildkräutern und blühenden Pflanzen zu erhöhen. Weniger mähen und auf Düngemittel sowie Pestizide und Herbizide verzichten, sind weitere Grundsätze einer naturnahen Pflege. Damit der Blumenrasen oder die sich entwickelnde Wiese trotz reduzierter Schnittfrequenz nicht aussieht, als habe man die Pflege vergessen, stutzt der Gärtner einfach regelmässig den äussersten Rand. Dieser sogenannte «Sauberkeitsstreifen» zeigt den Besucherinnen und Besuchern, dass die Wiesenfläche trotz höherem Wuchs gepflegt wird – wie zum Beispiel auch bei dieser Wiese beim Platzspitz direkt hinter dem Landesmuseum beim Zürcher Hauptbahnhof.

Bahnkorridor
Das Bahnnetz verbindet nicht nur die Bewohnerinnen und Bewohner miteinander, sondern auch die verschiedenen Grünflächen der Stadt. Insbesondere die Böschungen entlang der Bahnschienen bilden wertvolle Vernetzungskorridore. So bietet das hohe Gras dieser Bahnböschung beim Bahnhof Wiedikon Insekten wie dem Grashüpfer einen guten Schutz. Nebst den Bahnlinien sind aber auch Baumalleen, die am Boden über möglichst vielfältige Grünflächen miteinander verbunden sind, wichtige Korridore.

Ansaat von Wiesenblumen
Fehlt es unter Strassenbäumen oder entlang von Baumalleen an der erwünschten Artenvielfalt, werden Wiesenpflanzen angesägt oder eingepflanzt. Das Ziel ist eine möglichst grosse Vielfalt an Blüten, die der summenden und krabbelnden Kundschaft ein geeignetes Nahrungsangebot liefert. Die blütenreichen Pflanzen sollten möglichst zu unterschiedlichen Zeitpunkten blühen und vorwiegend aus einheimischen Pflanzen bestehen. Denn an diese sind die heimischen Insekten am besten angepasst und können dementsprechend am meisten davon profitieren. Wichtig ist auch eine extensive Pflege. Das heisst, die Blumenwiese wird lediglich ein bis drei Mal pro Jahr möglichst schonend gemäht, zum Beispiel mit einer Sense oder einem Balkenmäher. Dabei wird nie die ganze Fläche geschnitten. Stattdessen geht man abschnittsweise vor, sodass alternierend verschiedene Flächen mir höheren Pflanzen stehen bleiben, in denen sich die Insekten verstecken können.

Vielfältiger Verkehrsteiler
Verkehrsinseln müssen keine monotonen Grünflächen sein. Um die ehemals wenig vielfältige Rasenfläche auf diesem Verkehrsteiler neben dem Bahnhof Wiedikon ökologisch aufzuwerten, pflanzte man verschiedene trockenheitsliebende Pflanzen und Sträucher. Für die Wildbienen und Käfer sind aber auch der eingegrabene Wurzelstock, der aus dem Boden ragt (unten rechts), und der Totholzstamm mit einbohrten Löchern interessant, um sich dort einzunisten.

Fliessgewässer
Bäche und Flüsse sind ebenfalls wichtige Vernetzungsachsen. Denn sie bilden zusammen mit der Uferböschung so etwas wie grüne Korridore. Damit ein Fliessgewässer möglichst vielen Pflanzen- und Tierarten Lebensraum bieten kann, braucht es eine naturnahe Gestaltung. Wichtig sind zum Beispiel verschiedene Strömungsstärken und Wassertiefen, wenig Begradigung und eine möglichst vielfältige Vegetation. Sitzsteine oder Trampelpfade, die zum Wasser führen, kommen der Erholung suchenden Stadtbevölkerung zugute. Ein Aspekt, der bei der Aufwertung von ökologisch wertvollen Flächen im Siedlungsgebiet immer eine wichtige Rolle spielt, sagt Bettina Tschander, Projektleiterin von «Mehr als Grün.

Wildbienen-Paradis
Die Brache der alten Bahntrasse beim Oberen Letten ist heute ein kleines Paradies für Wildbienen. Um die ehemals karge Schotterfläche ökologisch aufzuwerten, pflanzte man diverse blütenreiche Blumen und wild wachsende Stauden, die zusammen mit Strukturelementen wie Totholz und grossen Steinbrocken eine verwildert wirkende Landschaft schaffen. Diese soll aber nicht nur den Wildbienen und den zwischen den warmen Steinen umherhuschenden Eidechsen Lebensraum bieten. Sie ist auch zugänglich für die Stadtbevölkerung, die den Platz zur Naherholung nutzt und dort Freizeitaktivitäten wie Schwimmen in der nahe gelegenen Limmat oder Graffitisprayen nachgeht – wie an diesem Bild unschwer zu erkennen ist.

Schotterkorb
Obwohl die Brache beim Oberen Letten wirkt, als hätte man sie einfach sich selbst überlassen, steckt hier einiges an Planung und Absicht dahinter. Landschaftsarchitektonische Elemente wie dieser Schotterkorb weisen darauf hin, dass es sich nicht um eine vergessene Fläche handelt und dass das Gebiet durchaus gewartet wird – selbst wenn es auf den ersten Blick etwas wild und ungepflegt aussieht.

Jeder Fleck zählt
Kein Fleck zu klein, um ökologisch wertvoll zu sein! Dass dies gleichzeitig auch noch schön zum Anschauen sein kann, zeigt diese kleine Fläche beim Bullingerhof. Die farbenfrohe Wiesenpracht und die verschiedenen Sträucher, die der Gärtner von «Grün Stadt Zürich» hier gepflanzt hat, sind nicht nur attraktiv für Biene, Schmetterling & Co., sondern auch für vorbeigehende Passanten.

«Mehr als Grün» – Biodiversität im Siedlungsraum
Die Stadt Zürich beschäftigt sich schon lange mit der Erhaltung und Förderung der Biodiversität im Siedlungsgebiet. Im Rahmen des Projekts «Mehr als Grün» wertet die Dienstabteilung «Grün Stadt Zürich» laufend öffentliche Flächen auf. Daneben sucht «Grün Stadt Zürich» die Zusammenarbeit mit privaten Grundeigentümern wie Wohnbaugenossenschaften, Immobiliengesellschaften, Firmen oder auch Privatpersonen, die das ökologische Potenzial ihrer Grünflächen besser ausschöpfen wollen. Finanzielle Förderung oder individuelle Planungs- und Pflegeberatung für eine ökologische Aufwertung erhalten zwar nur Grundeigentümerinnen und Grundeigentümer im Siedlungsraum Zürich, nützliche Informationen und Merkblätter zur ökologischen Bewirtschaftung von Grünflächen gibt die Projektleitung von «Mehr als Grün» aber gerne auch an Interessierte von ausserhalb der Stadt weiter. Mehr Informationen unter www.stadt-zuerich.ch/mehr-als-gruen.