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Achtsamer Blick

Diego Deplazes

Generalsekretär der Lia Rumantscha

 

über den modernen Umgang mit der rätoromanischen Sprache

In der Rubrik „Mein achtsamer Blick“ unserer Partnerzeitschrift Doppelpunkt wirft jede Woche eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft einen Blick auf das, was für sie zählt. Der Sonntag publiziert diesen Beitrag für seine Lesserinnen und Leser online. Die Meinung der Autorinnen und Autoren muss sich dabei nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

Alle „achtsamen Blicke“ finden Sie unter www.doppelpunkt.ch/achtsamer-blick.

Rumantsch? – Sa chapescha! 

Rätoromanisch ist eine der vier Landessprachen der Schweiz und eine der drei Amtssprachen des Kantons Graubünden. Als Dachorganisation der Rätoromaninnen und Rätoromanen setzt sich die Lia Rumantscha seit über 100 Jahren für den Erhalt und die Förderung der romanischen Sprache und Kultur ein. Eine schöne und spannende Herausforderung. Dabei ist es ihr Ziel, dass auch künftige Generationen mit Freude Romanisch sprechen, lesen, schreiben und leben. Doch wie lässt sich eine Sprache nachhaltig fördern?

Eine Schwierigkeit besteht darin, dass die Bedürfnisse und Erwartungen unterschiedlicher sind als die Topografie der Schweiz. Die Rätoromaninnen und Rätoromanen leben heute nicht nur in den romanischsprachigen Gebieten Graubündens, sondern auch in Chur, Zürich, Bern und Niederuzwil in der sogenannten Diaspora.

In den traditionell rätoromanischen Gebieten, wo es selbstverständlich ist, sich auf der Strasse mit «Bun di!» zu grüssen und seinen Sonntagszopf in der «pasternaria dal vitg» zu kaufen, wandern die jungen Leute seit Jahren in die deutschsprachigen Ballungszentren ab. Die leer stehenden Liegenschaften werden als Zweitwohnung genutzt oder an Feriengäste verkauft.

Der Lia Rumantscha ist es ein Anliegen, die sogenannten Zweitwohnerinnen und Zweitwohner für die romanische Sprache und Kultur zu sensibilisieren und wenn möglich die Freude an ihr zu wecken, sodass sie auf der Strasse mit «Bun di, co vai?» zurückgrüssen. Dies ist eine Herausforderung, die eines achtsamen Blicks bedarf.

Achtsamer Blick

Die Rätoromaninnen und Rätoromanen der Diaspora zu erreichen und sie und ihre Kinder in die romanische Sprachgemeinschaft einzubinden ist eine weitere spannende Herausforderung. Die Corona-Pandemie hat die Digitalisierung unserer Gesellschaft vorangetrieben. Diese Entwicklung nutzt auch die Lia Rumantscha bei ihrer Sprachförderung. Zum Beispiel bietet sie neben klassischen Sprachkursen neu auch Onlinesprachkurse in allen fünf romanischen Idiomen und Rumantsch Grischun an. Zudem arbeitet sie daran, die Anwendung des Romanischen im Alltag mittels Korrektur- und Übersetzungsprogrammen zu erleichtern. Im Gegensatz zu den grossen Sprachen stehen die Datensätze, die es für die Entwicklung solcher Tools braucht, nicht in genügender Zahl und Qualität digital zur Verfügung und müssen erst aufbereitet werden. Auch diese Herausforderung gilt es, mit einem achtsamen Blick anzugehen und voranzutreiben.

Erst kürzlich forderte Nationalrat Damien Cottier mehr Rätoromanisch-Kurse für Parlamentarierinnen und Parlamentarier. Dies zeigt, wie wichtig das Thema Minderheitssprachen auch auf politischer Ebene ist, denn die Mehrsprachigkeit der Schweiz ist ein Mehrwert – etwas Einzigartiges, wofür es sich einzustehen lohnt. Damit Rätoromanisch «sa chapescha» auch in Zukunft eine lebendige und facettenreiche Sprache ist und bleibt.

Diego Deplazes ist seit 1. Juni 2021 neuer Generalsekretär der Lia Rumantscha.