Ein Glaubensimpuls von Doris Strahm

Gehören Sie zu jenen Menschen, die fürs neue Jahr gute Vorsätze fassen? Oder haben Sie dies längst aufgegeben, weil die Vorsätze ja sowieso nach kürzester Zeit wieder gebrochen werden? Und doch: Bei jedem Jahreswechsel werden von vielen Menschen immer wieder neu gute Vorsätze fürs kommende Jahr gefasst, wie zum Beispiel gesünder essen, weniger Alkohol trinken, mehr Sport treiben, weniger am Handy kleben, nicht mehr rauchen. Ich habe mir für 2019 nur eines vorgenommen: mehr Müssiggang! Ein Laster als guter Vorsatz für das neue Jahr? Denn Müssiggang ist doch aller Laster Anfang, wie es im Volksmund heisst. Müssiggang ist negativ besetzt und wird in der Regel mit Faulheit in Verbindung gebracht. Und diese wiederum wird in der christlichen Theologie zu den sieben Todsüden gezählt. Doch heute, in unserer leistungsorientierten und durchökonomisierten Welt, müsste es meines Erachtens aber genau umgekehrt heissen: Müssiggang ist allen guten Lebens Anfang, Müssiggang ist eine Tugend, ist «Lebenskunst». Einfach mal nichts tun ist Widerstand gegen die heillose Hektik unserer Zeit, gegen Konsumrausch und Selbstoptimierungszwang. Nichtstun ist Unterbrechung, ein Zu-sich-Kommen und ein In-Distanz-Treten zu dem, was wir unhinterfragt täglich tun, wozu wir ständig angetrieben werden, was von uns gefordert und verlangt wird: immer mehr, immer schneller, immer besser. Müssiggang heisst Entschleunigung, ermöglicht Innehalten und Besinnung auf das Wesentliche in unserem Leben, schafft Raum für Kreativität und Unerwartetes, lässt uns ganz gegenwärtig sein im Hier und Jetzt, empfänglich für das Glück und ebenso für die Nöte anderer. Und nicht zuletzt ist Müssiggang als Unterbrechung unseres alltäglichen, geschäftigen Tuns auch eine religiöse Tugend. «Die kürzeste Definition von Religion ist Unterbrechung», so hat es der katholische Theologe Johann Baptist Metz einmal formuliert. Unterbrechung von Leistungsdruck, vom täglichen Hamsterrad, von scheinbaren Sachzwängen und vom kapitalistischen Wachstumswahn, der unseren Planeten zerstört. Religion als Unterbrechung stellt infrage, dass alles so bleiben muss, wie es ist, dass gelten muss, was immer schon galt und was das Leben von uns Menschen scheinbar alternativlos bestimmt. Religiöse Erfahrungen durchbrechen unsere vermeintlichen Gewissheiten, unterbrechen den Alltag mit seinen hundertfachen Anforderungen und Erwartungen an uns; sie brechen das Gewohnte auf, machen uns offen für etwas Grösseres, das nicht einfach machbar ist und über unsere Erwartungen hinausweist.

Doris Strahm, feministische Theologin und Publizistin.