Diesen Titel trägt ein Büchlein, das mir eine Freundin geschenkt hat und das ich in meinen Sommerferien gelesen habe: im Liegestuhl im Garten, unter hohen Bäumen, deren Rauschen meine Lektüre begleitet und in deren Licht- und Schattenspiel sich mein Blick immer wieder verloren hat. Da und dort das Zwitschern eines Vogels und das Zirpen von Zikaden, der Duft von wilden Sträuchern … Schöpfungswonne pur! Doch die Autorin des Büchleins, die evangelische Pastorin Hanna Strack, meint mit dem Begriff «Schöpfungswonne» mehr und Umfassenderes als das Augenblicksglück eines Sommertages. Das Wort, das sie von dem Religionsphilosophen Walter Schubart übernommen hat, bringt für sie eine Weltsicht zum Ausdruck, in der das Staunen über die Natur, über den Drang aller Organismen zum Wachsen und Blühen und das Lob der Schöpfung zentral sind. Eine solche Schöpfungswonne – das Wachsen und Blühen allen Lebens durch Gottes Segen – wird auch in vielen Psalmen der Bibel besungen, am schönsten wohl in Psalm 104. Und auch in den Gleichnissen Jesu vom Reich Gottes spielen Bilder des Pflanzens, Blühens und Wachsens eine grosse Rolle. In der christlichen Tradition waren es Franz von Assisi und Hildegard von Bingen, die ein Loblied auf die Schöpfung sangen und in der Schönheit und Fülle der Natur die Grösse und Güte Gottes erkannten. Doch sie waren Ausnahmen. In der christlichen Theologie hat der Schöpfungsglaube lange Zeit eine zweitrangige Rolle gespielt. Im Zentrum des christlichen Glaubens stand die Heilsgeschichte beziehungsweise der Glaube an die Erlösung der Menschen durch Jesus Christus.

Ausgehend vom Begriff der «Schöpfungswonne» entfaltet Hanna Strack deshalb eine «Theologie des Blühens» – als Gegengewicht zur «Theologie der Erlösung», die den christlichen Glauben über Jahrhunderte dominiert hat und in der Schuld, Sünde und Tod im Zentrum stehen. Eine «Theologie des Blühens» dagegen richtet ihren Blick nicht einseitig auf Schuld, Tod und Sterben, sondern auf Geburtlichkeit, auf den Anfang des menschlichen Lebens, auf das Geschaffen- und Geborensein, das Wachsen und Neuwerden von allem. Angesichts der immensen Herausforderung, unsere Erde für die Menschheit zu erhalten, kann eine «Theologie des Blühens» unseren angstvollen Blick in die Zukunft – samt ihren scheinbar unvermeidlichen Katastrophen – ändern und ihn auf unsere Kraft des Wandels und des Neuwerdens lenken – auf das, was wir handelnd bewirken und gestalten können. Sie kann helfen, einen Horizont des Möglichen offen zu halten und aus der geschenkten Fülle der Schöpfung, aus der Schöpfungswonne, Motivation und Kraft für unser ökologisches Handeln zu gewinnen.