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«Helvetia predigt!» − Eine ökumenische Aktion will 50 Jahre nach der Einführung des Frauenstimm- und Wahlrechts am 1. August Frauen die Stimme auch auf der «Kanzel» geben. Die Stimme der Frau wird nicht nur in der Kirche, sondern auch in der Gesellschaft zu wenig wahrgenommen. Eine gute Zukunft wird nur möglich werden im gleichberechtigten Miteinander. Dafür gibt es genug gelungene Beispiele.

Noch bis Anfang November kann im Bruder Klaus-Museum in Sachseln die Wechselausstellung «Dorothee Wyss – Die Geschichte einer aussergewöhnlichen Frau» besucht werden. Diese Ausstellung machte mir deutlich: Es war eine gemeinsame Berufung in gegenseitiger Unterstützung, es waren zwei unterschiedliche Wege mit dem gleichen Ziel.

Wir kennen weder das Geburtsjahr noch das Todesjahr von Dorothee Wyss. Erstmals wird ihr Name in der Biografie von Wölflin genannt (1501). Was wir wissen, ist: Im Jahre 1447 heiratet sie als ca. 14- oder 15-Jährige Niklaus von Flüe, den 30-Jährigen. Sie hat mit ihrem Mann zusammen fünf Töchter und fünf Söhne. 1467, der Jüngste liegt noch in der Wiege, ringt dieses Ehepaar um eine Entscheidung und mit dem Segen seiner Frau wird Klaus Eremit. Sie bespricht sich weiterhin mit ihm in allen familiären Anliegen, beherbergt und verköstigt oft Besucher des Bruders Klaus, managt Sprechstunden, schützt ihn vor Neugierigen und in der Sterbestunde ihres Mannes, am 21. März 1487, begleitet sie ihn. Zeitgenössische Quellen beschreiben sie als gottesfürchtige Frau.

Das ist alles – und das ist viel! Denn wir können diesen gesicherten Daten hinzufügen, was die Geschichtsschreibung über die Bedeutung einer mittelalterlichen Bauernfrau in der Innerschweiz weiss: Sie steht nicht im Schatten ihres Mannes, sondern hat als Mutter und Bäuerin eine grosse Selbstständigkeit und Verantwortung.

Zum Zeitpunkt ihrer Heirat galt Klaus als sehr angesehener Mann in der Politik, im Gericht und im Militär. In den 20 Ehejahren veränderte er sich stark: Seine mystische, introvertierte Seite kam mehr und mehr zum Durchbruch. Wir können aus den spärlichen Quellen annehmen, dass Dorothee diesen Prozess nicht machtlos und passiv begleitete, sondern ihrem Mann zur Stütze und Hilfe wurde. Sie konnte das – wie sie auch nach seinem Weggang Haus und Hof weiterführte –, weil sie eine starke und glaubensstarke Frau war.

Dabei hatte sie es schwerer als ihr Mann. Der – so beschreibt es Walter Nigg – wurde geleitet durch Visionen, sie allein von gesundem Menschenverstand, Verständnis und Vertrauen.

Seit Jahrzehnten verehrt man darum beide: Klaus und Dorothee. Das Wort stimmt hier: Hinter diesem grossen Mann steht eine grosse Frau! Auf alle Fälle darf man sagen, dass diese Eheleute einander treu geblieben sind, dass sie sich gegenseitig geholfen haben, den Willen Gottes zu erkennen und den Willen Gottes zu tun. Solche Menschen bezeichnen wir als heilig.