2009 wurde der Bohrturm über dem tiefsten Loch auf der am nördlichen Polarkreis gelegenen russischen Halbinsel Kola abgerissen. Mit 12 262 Metern ist das Loch tiefer als der Marianengraben. Heruntergelassene Mikrofone fingen seltsame Klänge der seismischen Aktivität ein. Deshalb erachtete die Unesco das Kola-Loch für unentbehrlich. Moskau sah das aber anders. Autor und Fotograf Alexandre Sladkevich hat die Bohrstation in den Jahren des Abbruchs mehrmals besucht.

2008: Der Kettenfahrzeugfahrer Dmitri Demtschak und der Techniker Michail Kalugin, zwei der letzten Mohikaner der SG-3, der Kola-Bohrung aus dem Sowjetreich, besprechen die Lage im einstigen Büro des Forschungszentrums Kola in Sapoljarny. Schliesslich brummt Dmitri: «Ich bin ja der Einzige, der da überhaupt hinkommt.» Und schon bald rattert das Kettenfahrzeug durch eine endlose Schneesteppe zu der zur Legende gewordenen Bohrung los, etwa zehn Kilometer südwestlich von Sapoljarny.

Überall Weiss bis auf die Strommasten und die Steine, von denen der Wind den Schnee gefegt hat. Von den Bergkuppen blickt man in die weisse Tiefe. Hinauf und hinunter, manchmal fast senkrecht, vorwärts und zurück, so geht es mühevoll voran. Dmitri streckt den Kopf aus dem Seitenfenster, um den Weg im Schneenebel zu erspähen. Michail achtet auf die rechte Seite. Unterwegs hält das Kettenfahrzeug mehrmals an, weil Dmitri mit einem riesigen Vorschlaghammer die Ketten vom Eis befreien muss. Und dann plötzlich der Bohrturm, der wie ein Leuchtturm im Schneemeer schimmert. Es scheint, dass der Koloss, von einem rostbraunen Stern gekrönt, den Himmel berühren würde. Als wir endlich ankommen, hängen Eiszapfen in Dmitris Haaren und Bart. «Bärenfett soll die Gesichtshaut schützen. Ist keins mehr da, dann eben Wodka.»

Stillgelegter Bohrturm
Früher brachten mehrere Busse die Menschen zur Schicht. Viele lebten sogar hier auf der Station. Nun wütet hier der Polarsturm und bedeckt alles mit Schnee. Die gesteckten Ziele wurden jedoch fast erreicht. Spezielle Technologien und Ausrüstung für extreme Tiefbohrungen wurden entwickelt und produziert. Man erhielt die gewünschten Informationen über den physikalischen Zustand, die Eigenschaften und die Zusammensetzung der Gesteinsschichten im Erdinneren sowie Erkenntnisse über die Erzbildungsprozesse. Auch bestätigte sich die Annahme, dass man Wärme aus dem Erdinneren schöpfen kann. Die ursprüngliche Zieltiefe für die Bohrung waren 15 000 Meter.
Die Kola-Bohrung war die erste von insgesamt elf geplanten übertiefen Bohrungen eines ambitionierten staatlichen Forschungsprogramms der Sowjetunion. Mit den Arbeiten an der zweiten dieser Bohrungen, die jedoch nur eine Tiefe von 8200 Metern erreichte, wurde ebenfalls Anfang der 1970er-Jahre in den Ölfeldern des Kura-Beckens begonnen.

2009: Im Sommer 2008 haben die Demontagearbeiten begonnen. Nun befördert uns der Fahrer Anatolij Schelygin mit einem geländefähigen Fahrzeug dorthin. Neben dem gelben Bohrturm im Grünen breitet sich der See aus, den man im Winter nicht wahrnahm. Nur die Arbeiter stören das Idyll. Es wird gesägt, ein Traktor schleppt grosse Metallstangen – Feuer und Lärm als seien die Teufel zum Tanz aus der Hölle gesprungen. Michail Kalugin erklärt, dass demnächst der Turm, der so hoch wie ein 20-stöckiges Haus ist, abgerissen und zersägt wird. Doch das Vorhaben läuft nicht wie geplant.

Abbruch mit Hindernissen
Winter 2009: Michail, Dmitri und Anatolij berichten in Sapoljarny: «Mit dicken Stahlseilen wurde der Turm an dem Kettenfahrzeug und zwei grossen Lastwagen befestigt. Die Fahrzeuge kamen nicht mal einen Schritt vorwärts, so stabil war der Turm. Wir waren ohnmächtig gegen das Weltwunder, als ob jemand gegen uns kämpfte. Viel Mühe brauchte es, um etwa 25 Prozent von dem Turm abzureissen, nicht ohne grossen Lärm. Der Rest blieb unerschüttertlich stehen.»

Sommer 2010: Anfang Sommer wurden die Demontagearbeiten fortgesetzt. Nur zwei abgebrochene Wände und restliche Bruchstücke – mehr hat der Bohrturm nun nicht mehr zu bieten. Er sieht aus wie ein Kartenhaus, das den extrem niedrigen Himmel nicht mehr berühren kann. Es regnet ununterbrochen, als bräche der Äther in Tränen aus. Die Männer erzählen: «Der angesägte Turm fiel nicht in die geplante Richtung und ist auf ein Gebäude gestürzt. Als er auseinanderbrach, flogen Schrauben wie funkelnde Kugeln, es gab einen fürchterlichen Krach, das brechende Metall fing Feuer und das Ganze wurde zur Feuersäule!» Seit Juli 2010 gibt es den Turm nicht mehr, es ist, als fehle etwas am Himmel. Nur noch Flachbauten und Metallhaufen. Auf der Leiche des Turms, einem Trümmerhaufen – ein zynischer Witz – liegt ein Wandfragment mit den riesigen Metallbuchstaben «SG-3». Das Bohrloch wird später versiegelt.

Heute: Der Bohrturm war bis 2012 komplett abgerissen. Die übrigen Gebäude wurden stehen gelassen und dem Verfall preisgegeben. 2014 war einer TASS-Meldung zu entnehmen, dass die private «Kola-Bohrungs-Gesellschaft», Eigentümerin des Bohrlochs, in Liquidation sei. Das Loch ist seither ganz der Natur überlassen. Und was 2012 stehen blieb, dürfte heute weitgehend verfallen sein.