Vor den Augen der Weltöffentlichkeit nimmt der Markusdom in Venedig, eine der schönsten Kirchen der Welt, immensen Schaden. Er wurde bis zu einem Meter hoch von schmutzigem Salzwasser überflutet. Um das zu verhindern, sind seit 2003 über fünf Milliarden Euro in ein Jahrhundertprojekt, ein Schleusensystem von mechanischen Dämmen im Meer, geflossen. Doch Fehlplanung, Korruption und Schlendrian haben dazu geführt, dass die Schutzwälle immer noch nicht funktionieren.

von Carl Meissen

Der Markusdom, die Basilica di San Marco, am Markusplatz in Venedig, ist viel mehr als nur eine Kirche. Bis zum Ende der Republik Venedig 1797 war die Basilika das zentrale Staatsheiligtum. Seit 1807 ist die Kirche die Kathedrale des Patriarchen von Venedig, wie der Bischof heute noch genannt wird. Die Basilika besitzt fünf grosse Portale – jedes ein einzigartiges Kunstwerk –, die vom Markusplatz zugänglich sind und leider auf dem tiefsten Punkt der Stadt liegen. Das ist für den Markusdom verhängnisvoll, denn schon bei wenig Hochwasser wird das fantastische Bodenmosaik aus Marmor überspült. Vergangene Woche wurde die Lagunenstadt von einer schweren Sturmflut heimgesucht. Fast ganz Venedig stand unter Wasser – die schlimmste Situation seit der schweren Flut von 1966. Die Notlage ruft schmerzlich in Erinnerung, dass bewegliche Deiche in der Lagune Venedigs vor solchen Situationen längst schützen sollten. Denn wenn Ebbe, Flut und der Scirocco sich zu einem wilden Tanz vereinigen, überflutet das Meer die Stadt. Weil der Meeresspiegel durch die Klimaerwärmung zudem schneller ansteigt als berechnet, erreicht das Hochwasser neue Werte. Es stieg vergangene Woche auf 156 Zentimeter an, der sechsthöchste Wert der vergangenen 100 Jahre. Noch schlimmer ist aber, dass es immer häufiger zu solchen Überflutungen kommt. Seit 2010 ist das nun die vierte Überschwemmung mit über 140 Zentimeter Hochwasser.

Im Rückblick war es zweifellos ein schlechtes Omen, dass der skandalgeprüfte Politiker Silvio Berlusconi 2003 als Ministerpräsident von Italien den Spatenstich für das Projekt machte, das Venedig retten soll. Das Projekt trägt den bedeutungsvollen Namen des Propheten Mose, was für Modulo sperimentale elettromeccanico steht. Es handelt sich um mechanische Dämme im Meer, die sich bei Flutgefahr aufrichten und so die Lagune vor Hochwasser schützen sollen. Ein Sperrwerk aus 78 beweglichen Elementen unter Wasser soll die Lagunenzufahrten Bocca di Lido, Bocca di Malamocco und Bocca di Chioggia bei Gefahr verschliessen, indem Luft in die Behältnisse gepumpt wird, wodurch sie aufklappen und einen Damm bilden. Am Meeresboden sind die Elemente mit Scharnieren befestigt. Das Projekt klingt nicht nur abenteuerlich, es erwies sich auch bisher als Abenteuer. Oder präziser: als Albtraum. Denn Mose sollte 2014 den Betrieb aufnehmen, ist aber inzwischen zu einer «ewigen» Baustelle ausgeartet. Bisher wurden 5,5 Milliarden Euro verbaut, Gelder der Europäischen Union und der Unesco, ohne ein Resultat zu sehen. Im Gegenteil. Die Klappelemente verrosten, weil der Unterhalt fehlt. Experten meinen, die Scharniere würden nach den vielen Jahren ohne Benutzung gar nicht mehr funktionieren. Die optimistischsten Prognosen rechnen mit einer Fertigstellung im Jahr 2022, wobei die Befürchtungen steigen, dass die Anlage wegen des Treibsands nicht funktionieren wird. Zudem ist vom immensen Baubudget ein Milliarde Euro für private Taschen abgezweigt worden. 2014 liess die Staatsanwaltschaft 35 Unternehmer und Politiker wegen Korruption und Geldwäscherei festnehmen, darunter auch der damalige Stadtpräsident von Venedig, Giorgio Orsoni. Die Glaubwürdigkeit des Projekts Mose litt dadurch enorm. Mit falschen Rechnungen wurden schwarze Kassen gefüllt, um Parteien zu finanzieren. Orsoni wurde 2017 zur Überraschung vieler freigesprochen. Silvio Berlusconis damaliger Infrastruktur- und Verkehrsminister Altero Matteoli wurde hingegen zu vier Jahren Gefängnis verurteilt. Und der ehemalige Präsident der Region Veneto Giancarlo Galan (auch Forza Italia) musste nur 2,5 Millionen Euro zurückerstatten, obschon er nach Aussagen von Kronzeugen über 15 Millionen Euro bezogen hatte. Galan hatte nur 78 Tage in einem Mailänder Gefängnis zu verbringen. Mehrere Verfahren sind jedoch noch am Laufen. Bisher konnten bei den Verurteilten – Unternehmer, Politiker, Staatsdiener und ein General der Guardia di Finanza – nur gerade mal 25 Millionen Euro beschlagnahmt werden. Inzwischen hat sich das Projekt weiter verteuert. Bis zum Abschluss rechnen Experten mit 6,5 Milliarden Euro. Erfolg ungewiss. Die Unesco sollte der Stadt die Auszeichnung Weltkulturerbe entziehen, weil Venedig nicht mit dieser Erbschaft umzugehen versteht.