In diesem Jahr werden 100 Jahre Bauhaus gefeiert. Einer der Bauhaus-Pioniere war der Schweizer Johannes Itten. Er prägte das Bauhaus in den ersten Jahren in Weimar massgeblich, löste dadurch aber auch eine Polarisierung aus. Nach drei Jahren als Meister am Bauhaus war der Konflikt mit Bauhausdirektor Walter Gropius so gross, dass Itten in die Schweiz zurückkehrte. Er blieb aber weiterhin ein prägender Lehrer.

 von Anton Ladner

Henry van de Veldes Urteil hatte im Weimar des beginnenden 20. Jahrhunderts viel Gewicht. Er hatte 1902 das Kunstgewerbliche Seminar gegründet und damit das Fundament für die Grossherzoglich-Sächsische Hochschule für Bildende Kunst in Weimar gelegt. Und so folgte man gerne seiner Empfehlung, Walter Gropius zu seinem Nachfolger zu bestimmen, um das Staatliche Bauhaus in Weimar zu leiten, das am 12. April 1919 aus der Hochschule und der aufgelösten Kunstgewerbeschule Weimar hervorging. Eine folgenreiche Entscheidung, denn Gropius wirkte polarisierend in einer Gesellschaft, die sich im Umbruch befand. Gropius verpflichtete für sein neues Institut Lehrer, die ebenso polarisierten. Zu den ersten Berufenen gehörte der Schweizer Johannes Itten, der gemeinsam mit Gerhard Marcks und Lyonel Feininger in Weimar zu unterrichten begann. 1921 stiessen Paul Klee und Oskar Schlemmer hinzu, 1922 folgte Wassily Kandinsky. Die Lehre am Bauhaus bestand aus dem Vorkurs und der Arbeit in den Werkstätten. Meister Itten dominierte den Vorkurs, was immer wieder zu Spannungen mit Gropius führte, der ihn aber gewährten liess. Itten lockte seine Studentinnen und Studenten aus den bürgerlichen Konventionen und provozierte sie auch, um dieses Ziel zu erreichen. Ausserhalb des Unterrichtes bot er Yoga-Kurse an und engagierte sich für eine vegetarische Ernährung, was dazu führte, dass sich um Itten langsam eine Fan-Gemeinde scharte. Sie geriet in den Ruf, wie eine Sekte von ihrem Meister abhängig zu sein. Walter Gropius wusste um Ittens Qualitäten und liess ihn deshalb an einer langen Leine, auch als er die Kantinenküche des Bauhauses auf vegetarisch umstellte. Itten suchte die Intensität und war davon überzeugt, dass nur daraus Grosses entstehen könne. Er war ein Grenzgänger, was sein ganzes Leben prägte – von der Kleidung und der Ernährung über den Arbeitsstil bis hin zur Glaubenshaltung.

Geboren 1888 in Wachseldorn bei Thun als Sohn eines Lehrers besuchte er das Lehrerseminar, wo er mit der progressiven Idee der Reformpädagogik in Kontakt kam. Danach unterrichtete er kurz eine Dorfklasse, bevor er an der Kunsthochschule in Genf studierte. In Genf fand er jedoch nicht, was er suchte. Der Betrieb war ihm viel zu kopflastig. Er kehrte nach Bern zurück und unterrichtete als Sekundarlehrer Physik, Mathematik und Chemie. Die Kunst zog ihn aber dann 1913 in die Ferne, konkret nach Stuttgart, wo er an der Akademie Schüler von Adolf Hölzel wurde, zu dessen Kreis auch Oskar Schlemmer gehörte. Das war der grosse Umbruch – Hölzel wurde für Itten lebensprägend. Der Schüler übernahm die Lehren des Meisters, sei es bei den Farbkontrasten, der Bildanalyse oder bei den Collagen. Ausgestattet mit diesem Rüstzeug gründetet Johannes Itten in Wien eine private Kunstschule, wo er mit seinen geometrischen und rhythmischen Formen in abstrakten Bildern für Aufsehen sorgte – auch bei Walter Gropius, der Itten in Wien kennenlernte. Er verpflichtete Itten am Bauhaus als «Lehrenden Meister», wodurch er Formmeister mehrerer Werkstätten wurde. Itten verfügte in Weimar somit über eine Machtfülle, die er auch auszuspielen verstand. Dabei unterwanderte er die Führungsposition von Gropius, der in einem oft schwer ertragbaren Spannungsfeld wirkte. Auf ihm lasteten die konservativen Erwartungen des Bürgerrates, die unterschiedlichen Vorstellungen des Lehrkörpers, die Aufbruchsforderungen seiner Studentenschaft und die Probleme mit seiner Frau Alma Mahler, Witwe des Komponisten Gustav Mahlers. Die Ehe wurde kurz nach der Gründung des Bauhauses 1920 geschieden, in einer Zeit, in der Gropius in den administrativen Arbeiten versank. Nachdem die Meinungsverschiedenheiten zwischen Gropius und Itten zugenommen hatten, kehrte Itten 1923 in die Schweiz zurück. In seinem Kündigungsschreiben schrieb er: «Da sich meine Auffassung von der Lösung der Aufgabe (…) in den Hauptpunkten wesentlich unterscheiden von der Art und Weise, wie Sie als Leiter der Anstalt die Lösung versuchen, so sehe ich mich ausserstande, mit der Verantwortung für das Gelingen der Lösung tragen zu helfen (…).»

Zurück in der Schweiz schloss sich Johannes Itten in Herrliberg der Mazdaznan-Tempel-Gemeinschaft an. Es handelte sich um eine religiöse Lehre, die auf einem reformierten Zarathustrismus basierte, aber eine Mischreligion mit christlichen, hinduistischen und tantrischen Elementen war. Die Anhänger sprechen nicht von Glauben, sondern von Lebenskunde, die dazu dienen soll, durch disziplinierte Lebensweise bis hin zur Askese den Zustand der Vollkommenheit zu erreichen. In Deutschland wurde die Mazdaznan-Lehre seit 1907 durch das Schweizer Ehepaar Frieda und David Ammann verbreitet. Letzterer wurde mit Beginn des Ersten Weltkriegs 1914 aus Leipzig als unerwünschter Ausländer ausgewiesen, ging in die Schweiz und gründete in Herrliberg die Mazdaznan-Siedlung. 1923 starb er unter ungeklärten Umständen. Die Gemeinschaft begrüsste den Nationalsozialismus, das «Dritte Reich» und die Rassenlehre. Aber trotz dieser ideologischen Nähe zum nationalsozialistischen Gedankengut wurde die Bewegung in Deutschland ab 1935 verboten.

Itten gründete in Herrliberg die Ontos-Kunstschule für Form- und Farblehre, die auch Werkstätten umfasste. Dieses Abenteuer dauerte jedoch nur drei Jahre. Itten zog 1926 nach Berlin, um dort eine eigene Kunstschule zu gründen. 1932 übernahm er die Leitung der Höheren Fachschule für textile Flächenkunst in Krefeld. Die Nationalsozialisten machten ihm jedoch einen Strich durch die Rechnung. 1934 schlossen sie seine Schule in Berlin und veranlassten 1937 seine Entlassung in Krefeld. Er kehrte daraufhin nach Zürich zurück und wurde 1938 zum Direktor der Kunstgewerbeschule Zürich gewählt. Das Amt gab er erst 1954 auf, da er ab 1952 das Museum Rietberg leitete und im Sommer 1953 an der neu gegründeten Hochschule für Gestaltung in Ulm zu unterrichten begann. Itten starb 1967 in Zürich als Mann, der sein ganzes Leben lang kompromisslos im Dienst der Kunst stand. Seine Farblehre von 1961 ist ein Standardwerk, das die Wirkung von Farben und die Zuordnung von Farben zu Formen vertieft. Eine Retrospektive im Kunsthaus Zürich 1964 und die Teilnahme an der Biennale in Venedig 1966 brachten ihm breite internationale Anerkennung. 2011 sollte in München eine Strasse nach Itten benannt werden, was aber zu Protesten wegen der Nähe des Mazdaznan zum Nationalsozialismus führte, worauf das Vorhaben fallen gelassen wurde.