Ein Glaubensimpuls von Doris Strahm

Im Jahre 1759 wurde in Paris ein kleines Büchlein verbrannt. Die Behörden entdeckten darin ketzerische Aussagen, gottlose Behauptungen, schädliche Ansichten, die die Moral zersetzen, wie etwa diese: «Alles ist nichts! Welchen Gewinn bleibt den Menschen von all ihrer Mühe, mit der sie sich abmühen unter der Sonne? »Oder: «Windhauch ist alles, was auf Erden geschieht: Es gibt Gerechte, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Frevler, und es gibt Frevler, denen es ergeht, als hätten sie gehandelt wie Gerechte.» Und: «Einen Vorteil des Menschen gegenüber dem Tier gibt es nicht. Beide sind Windhauch. Beide gehen an ein und denselben Ort. Beide sind aus Staub entstanden, beide kehren zum Staub zurück.» Autor des Büchleins war ein gewisser François-Marie Arouet alias Voltaire. Was die Hüter des rechten Glaubens und der Moral übersahen: Die Schrift des Philosophen Voltaire war nichts anderes als eine französische Übersetzung des jüdischen Buches «Kohelet», einer Schrift des Alten Testaments. Was sie als ketzerisch verbrennen liessen, war also ein Teil ihrer eigenen christlichen Bibel.

Das Buch «Kohelet», das im dritten Jahrhundert vor Christus verfasst wurde, gehört bis heute zu den rätselhaftesten Büchern der Bibel. Für die einen ist Kohelet ein Prediger der Lebensfreude, für andere ein abgrundtiefer Skeptiker und Pessimist. Er denkt kritisch über das Leben «unter dem Himmel» nach, über den Kosmos, den Sinn des Lebens, das Wesen des Menschen und die Übel der Welt – und gelangt zum Schluss: «Alles ist häwäl, Windhauch» (Koh 1,2); alles ist nichts, ist flüchtig und vergänglich, sinnlos und absurd. Er spricht eine Erfahrung an, die auch wir Heutigen nur zu gut kennen: Weisheit führt nicht zwingend zu Erfolg, den Ungerechten geht es gut und die Gerechten leiden, Dumme sitzen auf den höchsten Posten, Arme werden unterdrückt – und der Tod trifft alle gleichermassen. Letztlich ist alles Tun vergeblich, nichts hat Bestand. Deshalb gibt es «nichts Besseres, als dass der Mensch sich freut bei seinem Tun, denn das ist sein Teil» (Koh 3,22). Trotz allem Zweifeln und Verzweifeln an der Welt erkennt Kohelet nämlich, dass Gott den Genuss des Guten schenkt: «Wo immer Menschen essen und trinken und in all ihren Mühen Gutes wahrnehmen, ist das ein Geschenk Gottes» (Koh 3,13).

Folgen wir also dem Rat des Kohelet, wenn uns die Verzweiflung an der Welt überfällt: Freuen wir uns an unserem Tun, ergreifen wir das Gute des jeweiligen Augenblicks, geniessen wir jede Freude, die uns geschenkt ist, und handeln wir überall da gut und verantwortlich, wo es nötig ist. Denn «jetzt» ist die Zeit, die uns Menschen gegeben ist.

Doris Strahm ist feministische Theologin und Publizistin.