«Wer will behaupten, dass Engel nicht weinen?»
Alle Religionen kennen Engel und in der Kunst sind sie allgegenwärtig. Sie sind Wegelagerer, Grenzwächter und andere starke Boten.

von Christian Feldmann

Der Jude Marc Chagall hat ein faszinierendes Engelbild gemalt: Ein Himmelsriese, fast den ganzen Rahmen ausfüllend, stürzt auf die Erde nieder, eine Tora-Rolle im Arm, und rüttelt einen über den Tisch hingesunkenen Schläfer auf: «Erwache! Höre das Wort!» Unter den Lyrikern heisst der Engel-Spezialist Rainer Maria Rilke. Für ihn hat die Begegnung mit einem Engel immer etwas Beklemmendes an sich. Sie hat teil am doppeldeutigen Geheimnis Gottes, der anziehend ist und zugleich furchtbar. «Ein jeder Engel ist schrecklich», behauptet Rilke und gesteht: «Gesetzt selbst, es nähme mich einer plötzlich ans Herz: ich verginge von seinem stärkeren Dasein.»

Sie können Angst machen, die posaunenblasenden Gerichtsengel an den Kathedralen und in Kandinskys Apokalypsen, wie sie die Schlafenden aus allen Gräberfeldern der Welt heraustrompeten, zum endgültigen Urteil über ihr geglücktes oder verpfuschtes Leben. Furcht und Entsetzen bringen sie mit sich, diese kraftstrotzenden Paradieswächter und Gerichtsboten. Schreckliche Hüter der Grenze zwischen Leben und Tod. Das ist ein anderes Kaliber als die geflügelten Himmelsküken in den Rokoko-Basiliken, die pausbäckigen Kinderchen, die aufgeregt Säulen und Altäre umflattern.

Vielleicht muss man aber gar nicht sterben, um einem solchen Wegelagerer-Engel zu begegnen. Vielleicht steckt er hinter den sogenannten Zufällen, die unsere schönen Pläne durchkreuzen, unsere Schutzmechanismen und Lebenslügen entlarven. Man muss kein besonders religiöser Mensch sein, um zu begreifen: Die Begegnung mit dem Himmel tut weh, weil sie dem Menschen die Wahrheit über sich selbst mitteilt, den Boden der Selbsttäuschung unter den Füssen wegzieht. Weil sie verwandelt.

Aus dieser Begegnung kommt keiner so heraus, wie er hineingegangen ist. Dafür steht jene urtümliche Geschichte aus der Bibel: Eine ganze Nacht lang ringt Jakob mit dem Engel, wird von ihm an der Hüfte verwundet – aber er erlebt diesen Kampf bis an die Grenze seiner Kraft als Segen. Vom Engel überwunden zu werden kann befreien: zur Selbstannahme, zum Wachsen. Rilkes hintergründiger Kommentar zu Jakobs Ringkampf: «Wen dieser Engel überwand, welcher so oft auf Kampf verzichtet, der geht gerecht und aufgerichtet und gross aus jener harten Hand, die sich, wie formend, an ihn schmiegte. Die Siege laden ihn nicht ein. Sein Wachstum ist: der Tiefbesiegte von immer Grösserem zu sein.»

Indem sich die Himmelsboten zugleich nähern und entziehen, üben sie in den respektvollen Umgang mit der anderen Welt ein. Sie errichten eine Schranke gegen die Versuchung, den Himmel besitzen, Gott haben zu wollen, sich ein fixes Bild von ihm zu machen. Wesen der Schwelle sind die Engel, Wächter der Pforte, die Grenze zwischen den Welten offenhaltend und zugleich den Übertritt verwehrend. Sie lenken den Blick auf die offenen Ränder der Alltagswirklichkeit. Wer sich auf Engel einlässt, begreift, dass die banale Alltäglichkeit nicht alles sein kann.

Zu den Aufgaben eines Schutzengels gehört es vielleicht auch, zu provozieren: Unruhe zu stiften im Innern, Misstrauen zu wecken gegen die scheinbaren Selbstverständlichkeiten der Welt, gegen die eisernen Sachzwänge. Engelbilder, so scheint es, sind mehr als wehmütige Erinnerungen an Kinderträume. Engelbilder protestieren gegen Eindimensionalität und Oberflächlichkeit unserer Lebenspläne.

Auch Paul Klee spielt mit tanzenden Engelsfiguren, um die offenen Randbezirke der sinnlich erfahrbaren Welt anzudeuten. Er hat jedoch auch tragische Engelsgestalten gemalt wie den doppelgesichtigen Angelus novus – der neue    Engel − Schutzengel und Dämon zugleich. Begleiter in die Innenwelt, lästiger Bote der Wahrheit über mich selbst, wie Literaten und Tiefenpsychologen heute gern den Engel definieren. Zum Beispiel die jüdische Lyrikerin Rose Ausländer: «Der Engel in dir freut sich über dein Licht, weint über deine Finsternis (…), er bewacht deinen Weg, lenk deinen Schritt engelwärts.»

Früher sagte man wohl Schutzengel zu so einer Figur, seelischen Instanz, Gewissensstimme, wie immer man will, die dem Menschen hilft, sich selbst anzunehmen, mit seinem Schatten, aufrichtig, mutig, sich seinem eigenen verlogenen Innern auszusetzen, ein Ich zu werden. So ein Engel kann helfen, die Krusten des Bildes zu sprengen, das sich ein Mensch von sich selbst gemacht hat oder das andere von ihm haben. Der Wegelagerer-Engel zwingt ihn, sich selbst ins Angesicht zu sehen. Er fordert ihn auf, sein Leben zu ändern, umzukehren, über bisherige Grenzen hinauszuwachsen. Wegelagerer, Wächter der Schwelle, Boten des Gerichts. Das sind dann nicht mehr jene luftig-durchsichtigen Wesen, wie sie die Schlafzimmergemälde aus Omas Zeiten bevölkern. Geschlechtslose Hemdenmätze mit zarten Flügeln, die übermütige Knäblein sicher über schwankende Holzstege geleiten. Ganz anders die Tradition der grossen Religionen: Da erscheinen Engel als kraftvolle Gestalten, die Gottes Botschaften ausrichten und seine hilfreiche Nähe versinnbilden. Robuste Männer sind es in der Bibel. Sie ermutigen Kämpfer wie Josua und Propheten wie Daniel. Sie retten die jungen Männer aus dem Feuerofen und Daniel aus der Löwengrube. Sie stehen als himmlisches Heer vor Gottes Thron, funkelnd wie Erz, umgeben von Feuer und Sturmwind. Sie beschützen den neugeborenen Messias vor den Soldaten des Herodes und wälzen den tonnenschweren Stein vom Grab des Gekreuzigten.

Ob es die Engel wirklich gibt, im Sinne einer plastischen, materiellen Realität – darauf kommt es eigentlich gar nicht an. Jeder Zweite in Deutschland glaubt laut neuesten Umfragen an Engel – aber was stellen sich die Leute darunter vor? Die akkurat in Abteilungen und Rangordnungen aufgeteilten Himmelsbewohner, wie sie das mittlerweile von Rom ins Abseits gestellte katholische Engelwerk auflistet? Die Lichtgestalten am Sterbebett, von denen Menschen berichten, die schon klinisch tot gewesen sind? Ist es denn so wichtig, wie die Engel aussehen, wie sie sich fortbewegen, wo sie wohnen? Interessant, wie sparsam die jüdisch-christliche Bibel von ihnen redet, eher beiläufig und ohne sich in ausufernde Beschreibungen zu verlieren. Man könne der Engel nicht habhaft werden, meinte der Bibelwissenschaftler Claus Westermann, man könne sich nur von ihnen berühren lassen. Wir sind nicht alleingelassen in einer chaotischen Welt. Das ist der zeitlose Kern der biblischen Rede von den Engeln.

Dietrich Bonhoeffers Silvestergedicht ist in frommen Kreisen zum Ohrwurm geworden. Man vergisst dabei leicht, dass dieses fast kindlich klingende Zeugnis vom Trost der Engel von einem sehr kritischen Theologen und politischen Verschwörer stammt und dass es in der Todeszelle geschrieben wurde, im Kellergefängnis der Berliner Gestapo. Die Engel erscheinen hier als kraftvolle Bilder der Geborgenheit, die der Glaube mitten in einer durchaus realistisch gesehenen Bedrohung bedeutet: «Lass warm und still die Kerzen heute flammen, die du in unsre Dunkelheit gebracht, führ, wenn es sein kann, wieder uns zusammen. Wir wissen es, dein Licht scheint in der Nacht.»

Er sei da für uns, so hat sich Gott aus dem brennenden Dornbusch heraus dem Mose vorgestellt. Die Engel machen diese tröstende Gegenwart Gottes plastisch erfahrbar. Dazu eine Passage aus den Psalmen, in der ebenso wortmächtigen wie sperrigen Übersetzung von Martin Buber: «Du, der im Versteck des Höchsten sitzt, im Schatten des Gewaltigen darf nachten, sprich zu IHM (…).»

Es gehört Mut dazu, an Engel zu glauben. Für eine ungebrochene Idylle stehen sie nur im Kitsch und in der Hochglanzwerbung. Wo ernsthaft von Engeln geredet wird, lassen sich die Verwundungen und Zerrissenheiten menschlichen Lebens nicht ausblenden. Sehnsüchtig bekennt die jüdische Dichterin Else Lasker-Schüler: «Ich suche allerlanden eine Stadt, die einen Engel vor der Pforte hat.»

Frühe Geglückte nennt Rilke die befreienden Engel, «Verwöhnte der Schöpfung». Sie haben die Erdenschwere überwunden, das verbissene Kleben an Sorgen und Belastungen und Narben, die nicht heilen wollen. Sie verkörpern jene befreite, tanzende, spielerische Existenz, nach der die Menschen sich so vergeblich sehnen. Die Vorfreude auf den Himmel könnte schon dieses Leben festlicher, sinnlicher machen; ein vitaler Glaube könnte da wachsen, der die Welt verändert.

Sehnsüchte scheitern, Träume bleiben Seifenblasen, lächerliche Wunschbilder von Kindern. Wenden sich die Engel nun enttäuscht ab? Tanzen sie ohne uns weiter in ihrer ungerührten Heiterkeit? Von wegen! Zeitgenössische Dichter und Künstler lassen sich immer wieder von tragischen, flügellahmen Engeln faszinieren, von jenen Engeln mit russigen Schwingen, wie sie Peter Huchel nennt, die an der Absurdität und Vergeblichkeit menschlichen Seins teilhaben. Spätestens seit der biblischen Geschichte vom Kampf mit Jakob verkörpern Engel auch die dunkle Seite des Glaubens. «Wer will behaupten, dass Engel nicht weinen?», fragt der Poet Paul Claudel und gibt den Himmelsboten selbst das Wort: «Zu was wären wir Schutzengel nütze, wenn wir das Leid nicht verstünden?»