John D. Rockefeller brachte es vor ungefähr 100 Jahren in den USA vom Tellerwäscher zum Milliardär − von ganz unten nach ganz oben. Ein Mythos, von dem nicht wenige Menschen träumen. Rockefeller scheint alle modernen Tugenden in sich zu vereinen: Ehrgeiz und Erfolg, Geschick und Karriere, Durchsetzungskraft − und unglaublich viel Geld. Und deshalb bestaunen viele die Rockefellers unserer Zeit, die, die es geschafft haben von ganz unten nach ganz oben: Fussballhelden, Rockstars oder Wirtschaftsbosse.

Ein von Paulus aufgeschriebenes frühchristliches Lied besingt Jesus Christus (Phil 2, 5-11). Aber – und das ist das Besondere – es skizziert diesen Jesus geradezu als das krasse Gegenbeispiel zu John D. Rockefeller. Nicht, weil Jesus keinen Erfolg gehabt hätte. Nicht, weil Jesus es nicht auch von unten nach oben hätte schaffen können. Nein, Jesus ist das krasse Gegenbeispiel, weil er – so heisst es in dem Lied − einen komplett gegenteiligen Weg gewählt hat, nämlich den Weg von ganz oben nach ganz unten.

Oh je! Das ist ja nun gerade nicht der Weg, von dem wir Heutige gerne hören. Im Gegenteil! Von ganz oben nach ganz unten − Da fallen uns sofort dramatische Biografien ein. Der abgrundtiefe Niedergang vom Staatspräsidenten zum Häftling, vom Schlagerstar zum Begleiter von Seniorenbusreisen. Ist es nicht das, woran wir denken, wenn wir vom Weg hören, der von ganz oben nach ganz unten führt?

Dem Christuslied aus der Feder des Apostels geht es um etwas anderes. Der Weg Jesu von ganz oben nach ganz unten, sagt Paulus, sei eigentlich etwas unsagbar Schönes und zugleich Befreiendes. Nicht weniger als dies: Der Gott, an den wir Christen glauben, ist ein Freund der Menschen. So sehr Freund, dass Er sich nicht aus unserem Leben heraushält und Ihm unsere Lebensgeschichten nicht einfach egal sind. Also macht Er sich auf den Weg, auf den Weg zu uns Menschen. Auf den Weg hinein in alles, was Menschsein ausmachen kann. Und so begibt Er sich aus der Höhe Seiner Herrlichkeit ganz, ganz weit und ganz, ganz tief zu uns hinab, so tief, dass wir sagen können: Er ist einer von uns geworden. In Jesus Christus ist Gott, der Heilige Israels, uns Menschen auf Augenhöhe begegnet. Ein Weg reiner Liebe. Ein Weg absoluter Zuwendung. Ein unfassbares Geschenk.

Das aber hat Konsequenzen. Denn als glaubende Menschen sind wir eingeladen, daran je neu Mass zu nehmen und folglich unsererseits den Weg von den Höhen der Selbstsucht hinein in die Niederungen der Menschlichkeit Tag für Tag zu wagen: Der Verzicht auf Ichsucht, gerade da, wo es vornehm und chic erscheint, immer nur sich selbst ins rechte Licht zu rücken.

Der unbedingte Vorsatz, in meinem Leben nicht über Leichen gehen zu wollen, auch wenn noch so viele das zu tun bereit scheinen.

Kein Tanz ums Goldene Kalb. Auch wenn es wieder und wieder heisst: Geld und Spass regieren die Welt.

John D. Rockefeller und Jesus Christus. Beide hatten Erfolg. Beide stellen etwas dar. Trotzdem: Halten wir uns an Jesu, denn Er allein hat Worte ewigen Lebens (vgl. Joh 6,68).