Vor 100 Jahren, am 7. Mai 1919, wurde «Evita» geboren. Die zweite Frau des ehemaligen argentinischen Präsidenten Juan Perón wird heute in ihrer Heimat wie eine Heilige verehrt – dabei hatten einst die politischen Gegner ihres Mannes alles darangesetzt, die Erinnerung an María Eva Duarte de Perón auszulöschen. Nach ihrem Tod blieb die Leiche 17 Jahre lang verschollen: eine Schauergeschichte.

«Dieser Film ist kein Kunstwerk, sondern ein Akt psychologischer Gewalt gegenüber dem argentinischen Volk», urteilte Alberto Brito Lima, ehemaliger peronistischer Abgeordneter im argentinischen Unterhaus, über die Verfilmung von Andrew Lloyd Webbers Musical «Evita». Schon die Ankündigung der Dreharbeiten für die 60-Millionen-Dollar-Produktion hatte in Buenos Aires Proteste ausgelöst: «Madonna raus! Es lebe Evita» stand auf Mauern und Hauswänden. Die «Stiftung Eva Perón» warnte, die Pop Sängerin in der Hauptrolle würde Evita als Prostituierte verleumden, als «machtbesessene Frau, die sich ihren Weg nach oben erschlafen hat». Dabei war das auch in Argentinien selbst bis in die späten 1970er-Jahre die Lesart des Lebenslaufs jener jungen Frau aus Los Toldos, einer Kleinstadt im Norden der Provinz Buenos Aires, die im zarten Alter von 15 Jahren in die Hauptstadt gezogen war, um Filmschauspielerin zu werden. «Eva Duarte fehlte es an allem», schreibt der Autor des Bestsellers «Santa Evita», Journalist und Schriftsteller Tomás Eloy Martínez, «an Talent, Geld und Bildung. Es waren Jahre extremsten Machismos in einem Land, das immer sehr patriarchal organisiert war.» Ihre liberale Einstellung und ihr vermeintlich promiskuitives Sexualverhalten, ihre Gewerkschaftsarbeit, das Engagement bei Wahlkämpfen ihres Mannes und ihr selbstbewusstes Auftreten machten sie zur bevorzugten Zielscheibe antiperonistischer Kritik. Die US-amerikanische Entwicklungspsychologin Mary Main schrieb zur Freude konservativer Kreise 1952 in der Biografie «Evita: The Woman with the Whip»: «In die Geschichte geht Eva Perón durch ihren Mangel an weiblichem Feingefühl ein, sie hatte keine Ahnung von den tatsächlichen moralischen und rechtlichen Beziehungen zwischen den Geschlechtern.» Denn Eva Duarte de Perón vollzog in ihrem kurzen Leben – sie starb im Alter von 33 Jahren an Gebärmutterhalskrebs –, ohne je offiziell ein politisches Amt bekleidet zu haben, einen «kühnen Bruch mit der argentinischen Tradition», wie Historiker Robert Jackson Alexander in seinem Buch «Die Ära Perón» 1951 feststellte. Ihrem Einfluss ist es zu verdanken, dass Frauen in Argentinien 1947 das Wahlrecht erhielten. 1948 gründete sie die «Fundación de Ayuda Social María Eva Duarte de Perón», eine wohltätige Stiftung, die Spitäler, Schulen und Altersheime baute, Studenten Stipendien ausrichtete, den sozialen Wohnungsbau förderte und Kleinbauern unterstützte. Ihr soziales Engagement prädestinierte sie für die Rolle der Vermittlerin zwischen den Peronisten und der Basisbewegung der «Descamisados» («Hemdlose») sowie den Gewerkschaften – in dieser frühen Phase des Peronismus wichtige Säulen der neuen Bewegung.

Hure oder Heilige?

Schon zu Lebzeiten und erst recht nach ihrem frühen Tod am 26. Juli 1952 polarisierte die «Primera Dama» Argentiniens, wurde als «Hure» beschimpft oder als «Heilige» verehrt. Bis heute scheiden sich die Geister daran, ob Evitas Wohltätigkeit von Herzen kam oder kalt berechneter Populismus war. Unterschiedlich beurteilt wird auch, ob Evita die Faszination ihres Mannes für den Faschismus teilte: Der Genfer Journalist Frank Garbely behauptete 2003 in seinem Buch «Evitas Geheimnis: die Europareise der Evita Perón», ihr Besuch in der Schweiz 1947 sei ein Ablenkungsmanöver gewesen, um zu vertuschen, dass argentinische Diplomaten und Nazi Emissäre mithilfe der Schweizer Behörden in Bern eine Fluchtzentrale für Nazi-Kriegsverbrecher und Nazi-Vermögen aufgebaut hätten; allerdings wird Garbelys These von Historikern als eher unwahrscheinlich beurteilt. Jedenfalls polarisierte Eva Perón auch in der Schweiz: Sie wurde von Aussenminister Max Petitpierre als Staatsgast begrüsst und von Bundespräsident Philipp Etter zum Galadiner geladen – aber auf der Fahrt im offenen Wagen von Kommunisten mit Tomaten beworfen; in Luzern am folgenden Tag flogen sogar Steine auf die Staatskarosse mit dem Ehrengast. 64 Tage dauerte die von den Medien «Regenbogentour» genannte Rundreise Evitas, die sie neben der Schweiz auch nach Spanien, Italien und in die Vatikanstadt, nach Portugal und Frankreich führte. Sie wurde von den Diktatoren Francisco Franco und António de Oliveira Salazar empfangen, traf den Papst, ass mit dem italienischen Aussenminister zu Mittag und unterschrieb in Frankreich einen Handelsvertrag. «Überall in Europa erregte die hübsche, inzwischen von Pariser Couturiers ausgestattete junge Präsidentengattin Aufsehen und beflügelte die Phantasie der Menschen», fassen die Politologin Eva Karnofsky und die Historikerin Barbara Potthast in ihrem Buch «Mächtig, mutig und genial» den Erfolg der Promotionstour für Argentinien und den Peronismus zusammen.

Aus den Augen

Im November 1951 wurde Juan Perón bei den ersten Präsidentschaftswahlen in Argentinien, bei denen auch die Frauen an die Urnen gerufen wurden, mit 62 Prozent der Stimmen im Amt bestätigt. Rund ein halbes Jahr später aber verlor seine Frau ihren Kampf gegen den Krebs. Zwei Millionen Menschen folgten dem Leichenwagen, als die sterblichen Überreste Evitas in den Kongresspalast überführt wurden – von den Balkonen regnete es Nelken, Orchideen, Chrysanthemen und Rosen. Während der neuntägigen Totenwache geduldeten sich Angehörige aller Bevölkerungsschichten bis zu 15 Stunden, um einen Blick auf den einbalsamierten Leichnam zu werfen und sich von der «Geistigen Führerin Argentiniens» zu verabschieden. Im September 1955 putschten Führungskräfte der Armee erfolgreich gegen den Präsidenten und im November desselben Jahres verschwand die Leiche Evitas, weil der neue Diktator befürchtete, ihre letzte Ruhestätte könnte zum Mahnmal des peronistischen Widerstands werden. In der Nacht vom 22. November holte eine Truppe des Militärgeheimdienstes SIE unter der Leitung von Oberstleutnant Carlos de Moori Koenig den einbalsamierten Leichnam, und wilde Gerüchte begannen die Runde zu machen: Evita sei im Rio de la Plata versenkt und mit einer Zementschicht zugedeckt worden, behaupteten einige. Der Leichnam sei verbrannt worden und die Asche liege auf einer Abfallhalde verstreut, glaubten andere zuwissen. In Wahrheit hatten die Geheimdienstler die Leiche monatelang im Lieferwagen einer Umzugsfirma versteckt und das Fahrzeug mal hier, mal da parkiert, um kein Aufsehen zu erregen. Im Juli 1956 aber kam es zu einem verhängnisvollen Zwischenfall. Eduardo Arandía, Major in de Moori Koenigs Truppe, hörte eines Nachts Geräusche in seinem Haus. Besorgt um Dokumente, die den Geheimauftrag seiner Gruppe verraten hätten, wollte er den Einbrecher zur Strecke bringen – erschoss aber aus Versehen seine schwangere Ehefrau. Kriegsminister Arturo Ossorio Arana befürchtete, dass die Mannschaft um de Moori Koenig, der als ebenso durchtrieben wie übereifrig galt, der Herausforderung nicht gewachsen sei, und übertrug den Auftrag Héctor Eduardo Cabanillas. Der Oberst hatte sich im SIE bei der Planung zu einem, allerdings vereitelten Attentat auf Juan Perón einen Namen gemacht – er sollte es im weiteren Verlauf seines Lebens noch zweimal erfolglos versuchen –, hatte aber seine Überzeugungen bewiesen und wurde aufgrund seiner Verschwiegenheit als Bewacher der Toten auserwählt. «Sie schien wie lebendig», erinnert sich Cabanillas im Gespräch mit Eloy Martínez an seine erste Begegnung mit Evita. «Was mache ich jetzt mit ihr?», habe er Minister Arana gefragt. «Nichts», war dessen Antwort, «bald werden wir über ihr Schicksal entscheiden.»

Ein neuer Reisepass für Evita

Der Oberst harrte monatelang in seinem Büro aus, in dessen Nebenzimmer die Leiche lagerte. Gelegentlich kam sein ältester Sohn nach der Schule vorbei und klagte über den eigenartigen Geruch in den Räumen. «Das bildest du dir ein», habe er geantwortet, erzählt Cabanillas, dabei habe der süssliche Duft auch ihm die Kehle abgeschnürt. Schliesslich, eines Nachts im folgenden Jahr, entdeckte der Oberst Blumen vor seinem Büro. «Niemand bringt Blumen zum Geheimdienst», dachte sich Cabanillas. Am nächsten Tag fand er eine brennende Kerze. «Der Leichnam wurde entdeckt», informierte er Diktator Aramburu, «wahrscheinlich wurde der SIE von Peronisten unterwandert.» Aramburu wies Cabanillas an, ein Begräbnis an einem unbekannten Ort in die Wege zu leiten. Klar war, dass dieser Ort ausserhalb Argentiniens sein musste – die Lösung präsentierte ein regelmässiger Gast beim SIE, der Pauliner-Pater Francisco Rotger, dessen Dienste schon zehn Jahre zuvor äusserst nützlich gewesen waren, als Juan Perón Hilfe benötigte, um Kriegsverbrecher aus Deutschland zu schmuggeln. «Wir haben Perón Ressourcen der Kirche zur Verfügung gestellt – warum sollten wir sie Ihnen verweigern?», habe der Priester erklärt und den Orden beauftragt, eine Grabstelle in Italien zu suchen und den Transport zu organisieren. Der SIE kümmerte sich um die Papiere: Bei einem Überfall auf das italienische Konsulat im März 1957 er beutete der Geheimdienst Gemälde, Schreibmaschinen und Blanko-Pässe. «Das Einzige, was uns wirklich interessierte, waren die Reisedokumente», erklärt Cabanillas. Drei Tage nach dem Überfall beantragte er beim italienischen Konsul die Repatriierung der Leiche einer verwitweten Italienerin; aber im Sarg von María Maggi de Magistris wurde María Eva Duarte de Perón transportiert. Die folgenden 14 Jahre verbrachte die verstorbene Volksheldin auf dem Cimitero Maggiore, dem grössten Friedhof Mailands, unter einer Granittafel mit der Aufschrift: «María Maggi, viuda de Magistris, 23.02.1951, Réquiem».

Noch eine Reise quer durch Europa

Im Juli 1971 schien es Alejandro Lanusse, ehemaliger Oberbefehlshaber der argentinischen Streitkräfte und de facto Staatspräsident zu jener Zeit, opportun, mit Juan Perón im spanischen Exil zu kollaborieren. Wenn die peronistischen Freischärler die Waffen niederlegten, würden dem Ex-Präsidenten drei Wünsche erfüllt: Perón sollte die argentinische Staatsbürgerschaft zurückerhalten, nachträglich würde ihm die Rente ausbezahlt, die ihm als dem ehemaligen Staatsoberhaupt zustand – rund 50 Millionen US-Dollar. Und schliesslich sollte er die Leiche seiner zweiten Frau zurückerhalten. Juan Perón willigte ein – und Héctor Cabanillas machte sich auf den Weg nach Europa. Keine Minute zu früh, denn von Monsignore Giulio Maturini, Superior der Pauliner, kam eine beunruhigende Nachricht: Dutzende Grabplatten auf dem Cimitero Maggiore waren entfernt und Särge geöffnet worden, ausserdem hatte jemand bei den Mailänder Behörden Einblick beantragt in die Liste der Grabeigentümer. Die Zeit drängte. Am 31. August 1971 erhielt Cabanillas – der sich in Mailand als Carlo Maggi ausgab – die Erlaubnis, die Leiche zu exhumieren. Als die uneingeweihten Arbeiter den Sarg öffneten und den unversehrten Leichnam erblickten, erschraken sie. «Diese Frau ist vor 20 Jahren verstorben?», soll einer ungläubig gefragt haben. «Eine Heilige!», rief ein anderer, und alle Arbeiter fielen auf die Knie. Beruhigen liessen sie sich mit «einigen Tausend Lire», wie sich Cabanillas erinnert. Nun aber musste Evita noch heimlich bis zur spanischen Grenze transportiert werden – in einem Citroën Transit erreichte die Leiche am 3. September 1971 den Grenzort La Jonquera, wo die spanische Polizei sie übernahm. Am Abend, um 20 Uhr 45 erreichte der Transport das Landhaus ausserhalb Madrids, wo Evita von ihrem Witwer in Empfang genommen wurde. «Wenn Sie wüssten, wie sehr ich diese Frau geliebt habe», soll Juan Perón in jenem Moment tränenreich gestanden haben.

Endlich Ruhe

1973 kehrte Argentinien zur Demokratie zurück und im September wurde Juan Perón mit 60 Prozent der Stimmen erneut zum Präsidenten gewählt. Bereits im folgenden Sommer aber erlag er einem Herzinfarkt und seine dritte Frau – María Estela Martínez de Perón – folgte ihm im Amt. Die sterblichen Überreste von Juan und Evita Perón sollten ihre letzte Ruhe in einem gigantischen «Altar de la Patria» finden, einem Mauseoleum für alle argentinischen Volkshelden mitten in Buenos Aires – der Bau allerdings wurde nie abgeschlossen. Die Amtszeit von María Estela Martínez de Perón war von Unruhen, Streiks und politischer Verfolgung geprägt – im März 1976 übernahm erneut eine Militärjunta die Macht in Argentinien. Im Oktober desselben Jahres wurde Evita auf dem Friedhof des Nobelquartiers «La Recoleta» – das sie zeitlebens verabscheut hatte – beerdigt, in sechs Meter Tiefe und mit einer schweren Stahlplatte gesichert, um eine weitere Entführung zu verhindern. Bis heute aber pilgern die Menschen an ihr Grab – der Versuch, sie in Vergessenheit geraten zu lassen, hat sie unsterblich gemacht.