Es ist nicht leicht, in diesen Zeiten klare Gedanken zu fassen und auch mal an etwas anderes zu denken als an die Corona-Krise. Der ganze Stress geht auch an den Kindern nicht spurlos vorüber. Gerade jetzt ist es wichtig, dass Eltern ihren Kindern die Angst nehmen und den Zusammenhalt der Familie stärken. Rituale helfen Familien in diesen Tagen besonders, neue Formen des Miteinander zu finden.

Davon hat mir kürzlich Stefan, ein 17-jähriger Jugendlicher, erzählt, der sich im Strassenverkehr leichtsinnig verhalten und mit seinem Töff einen Unfall mitverursacht hatte. Der Ärger der Eltern war gross und hielt einige Tage an. Doch dann versöhnten sich beide miteinander und der Kommentar von Stefan lautete: „Familie ist eben, wo man nicht hinausgeworfen wird …!“

Die Versöhnung hatte nicht zufällig beim gemeinsamen Tischgebet stattgefunden. Ein schönes Beispiel dafür, wie sehr Rituale Verbundenheit stiften können und das durch Zeichen sichtbar machen. Bei Tischritualen wird das besonders deutlich, denn an keinem anderen Ort wird ein Mensch so stark sozialisiert wie am Tisch. In Corona-Zeiten können Tischrituale als Chance genutzt werden, die Familie zu stärken, Gemeinsamkeit herzustellen und Gott in den Alltag zu holen. Normalerweise finden viele Familien in unserer mobilen und schnelllebigen Fast-Food-Zeit höchstens einmal am Tag eine Zeit, in der Kinder und Eltern zusammen am Tisch sitzen.

In Corona-Zeiten sehen wir uns öfter als sonst. Jetzt kann das zwangsläufige Miteinander zu Hause neue Formen von Tischritualen zutage fördern, an die vorher niemand dachte: Vielleicht beziehen wir Verwandte und Nachbarn oder Betroffene aus den Fernseh-Nachrichten in unser Tischgebet ein und schaffen damit neue Formen der Solidarität und des Miteinander. Durch Rituale in Familien können gemeinsames Glauben und Vertrauen eine neue Qualität erhalten.

Mit Fotos die Familiengeschichte rekonstruieren

Ein schönes Ritual ist auch, alte Fotos anzuschauen. In unserer Familie machen wir seit dem Aufkommen der digitalen Fotografie seit ungefähr 2002 oder 2003 fast keine Papierfotos mehr. Vielleicht nehmen wie in Corona-Zeiten wieder einmal die alten Fotokisten zur Hand, setzen uns zusammen und erinnern uns an gemeinsam Erlebtes. Ich bin sicher, dass auf dem Grossteil der Familienfotos die lichtvollen Momente festgehalten sind und weniger die Schattenseiten. Wie schön, wenn wir in einem Gebet Gott für das Geschenk der Familie danken oder eine Kerze anzünden, um die in unsere Mitte zu holen, die uns besonders fehlen.

Was Erwachsene von den Kindern lernen können

Interessanterweise habe ich in den letzten Tagen Erwachsene öfter panisch erlebt als Kinder, die eine erstaunliche Ausgeglichenheit an den Tag legten. Das verwundert zunächst nicht, denn dass der Unterricht erst einmal über Wochen ausfällt, war ja für Kinder und Jugendliche, Corona hin oder her, eine gute Nachricht und eine Art ungeplante Ferienphase. Irgendwie verstehe ich die Kinder auch, wenn es nervt, dass ständig und überall von Corona die Rede ist. Deshalb ein Hoch auf die Kinder: Es tut gut und ist schön, wenn wir Erwachsene von der Gelassenheit unserer Kinder lernen und unsere Nervosität für eine gewisse Zeit ruhen lassen: Andrà tutto bene – Alles wird gut …!