Das aus dem Gotischen stammende Wort „fasten“ bedeutet „halten“, „beobachten“, „bewachen“. Ursprünglich war es eine Ermunterung, an den Fastengeboten der Kirche festzuhalten. Dabei geht es um religiös motivierte, freiwillige Nahrungsenthaltung in Busszeiten.

Für die meisten Generationen vor unserer Zeit war die Nahrungsbesorgung direkt mit dem Lebenskampf verbunden. Dass man selbstverständlich täglich satt werden kann, ist sogar in unseren Breitengraden erst seit einem halben Jahrhundert selbstverständlich.

Wenn wir heute mal auf Nahrung verzichten, geht das noch lange nicht an die Substanz. Das war früher ganz anders! Nebst allem unfreiwilligen Verzicht zum Zeichen für Busse und Umkehr auch noch freiwillig zusätzlich zu verzichten, das war ein starkes, ernst zu nehmendes Zeichen.

Die Kirche hat mit der Zeit die Buss- und Fastenpraxis kirchenrechtlich stark reglementiert und zwar nicht in erster Linie, um den Menschen schwere Lasten aufzubürden, sondern um vor Missbrauch und Übertreibung zu schützen.

Fastentage waren alle Freitage des Jahres und die Fastenzeit (Aschermittwoch bis Osternacht, Sonntage und Feiertage ausgenommen). Einer anderen Tradition gemäss galten auch der Mittwoch und der Samstag als Fastentage. Heute sind als Fasten- und Abstinenztage noch der Aschermittwoch und der Karfreitag kirchlich verordnet. Abstinenz bedeutet Verzicht auf Fleischspeisen und nicht etwa Verzicht auf alkoholische Getränke. Im Gegenteil: Die Mönche brauten gerade in der Fastenzeit das Starkbier, um auch in der Fastenzeit die notwendige Energie für die körperliche Arbeit zu erhalten.

Bewusst betont die Kirche seit dem letzten Konzil die Eigenverantwortlichkeit der Menschen. Zeichen der Busse und der Umkehr müssen nicht in erster Linie aus Verzicht und Opfer bestehen. Ein Dienst an Mitmenschen, die Unterstützung eines Hilfsprojektes, der Besuch eines Gottesdienstes oder auch einer Weiterbildung, die mir neue Dimensionen eröffnet, all das ist im Sinne eines gesunden Fastens. Es gibt auch das Fasten der Ohren, das Fasten der Augen, die Stille oder die Natur, die mich herausreissen aus dem Trott der Gewohnheiten und mir neue, andere Seiten meines Menschseins zeigen und mir Orientierung geben in meiner Gottessuche.

Die heute noch verbreitete dualistische Sicht des Fastens als Mittel, den Körper zu kasteien, um die Triebe niedrig zu halten, hat ihren Ursprung nicht in einer gesunden christlichen Sicht und Tradition. Christliche Spiritualität ist eben gerade nicht körperfeindlich, wie immer noch behauptet wird. Sie sieht den Menschen als Einheit von Leib, Geist und Seele. In diesem Sinne haben Fastenübungen, welcher Art auch immer, das Ziel, die verschiedenen leiblichen, geistigen und seelischen Kräfte des Menschen in ein Gleichgewicht zu bringen.

Auf alle Fälle ist das Fasten im religiösen Sinne kein Selbstzweck. Es hat nichts mit den modern gewordenen Selbsterfahrungsveranstaltungen und Erlebnistagen zu tun, sondern mit einem bewussten Verzicht, mit einer Enthaltsamkeit, die Herz und Seele für Gott öffnet und uns ein Stück echte Gottesbeziehung zurückbringen soll.