Der kommerzielle Flugverkehr kam durch die COVID-19-Pandemie nahezu zum Erliegen. Das nährte den Traum vom Fliegen an schöne Ferienorte. Nun wird es wieder möglich, aber jetzt macht sich Angst breit. Die Fluggesellschaften sperren sich aus Rentabilitätsgründen gegen leere Sitze als Sicherheitsmassnahme.

von Anton Ladner

Wohl in keinem Land ist Fliegen so selbstverständlich wie in den Vereinigten Staaten. Dennoch wurden am vergangenen Memorial-Day-Wochenende auf den US-Flughäfen nur knapp 350 000 Passagiere abgefertigt. Ein Jahr zuvor waren es 2,7 Millionen Reisende. Das macht deutlich, warum derzeit so viele Fluggesellschaften um ihre Zukunft bangen. Was die Klimabewegung nicht erreicht hat, schaffte ein Keim innert knapp drei Monaten: eine völlig neue Ausgangslage mit ungewisser Zukunft für die Flugindustrie. Wie schnell sich das Fluggeschäft auf welches Niveau wieder erholen wird, ist ungewiss. Bisher haben die Fluggesellschaften weltweit über 120 Milliarden Franken an Staatskrediten zum Überleben erhalten, wie die International Air Transport Association (IATA) Ende Mai mitgeteilt hat. Rolls Royce, der Hersteller von grossen Flugzeuggetrieben, hat deshalb die Entlassung von 9000 Angestellten angekündigt. Derweil ergreifen die Flughäfen neue Massnahmen, um bei den Passagieren als risikolos sauber zu erscheinen. Der Pittsburgh International Airport benützt als erster US-Flughafen einen Roboter mit UV-Strahlen zur Desinfektion der Böden. Andere Flughäfen verlangen von den Passagieren, dass sie Masken tragen – zum Beispiel Basel-Mülhausen – oder dass sie nur noch bargeldlos bezahlen. Einzelne US-Fluggesellschaften servieren keine Getränke und kein Essen mehr, sondern fordern die Passagiere auf, eine eigene Verpflegung mitzunehmen. Damit kein Kontakt mit dem Proviant bei der Sicherheitskontrolle entsteht, muss er in einen durchsichtigen Plastikbeutel gelegt werden. Es wird geraten, ihn nach der Kontrolle zu entsorgen und sich die Hände zu desinfizieren. Beim Besteigen des Flugzeugs haben die Fluggesellschaften unterschiedliche Massnahmen getroffen. Alle haben zum Ziel, Menschenansammlungen zu vermeiden. Wie das bei grösserem Passagieraufkommen konkret aussehen soll, kann man sich noch nicht vorstellen, wenn man an die früheren Ansammlungen bei den Gates denkt. Gewiss ist laut Flugexperten: Der Zeitaufwand bis zum Besteigen des Flugzeugs wird um einiges grösser.

Zur Reinigung der Sitze setzen die US-Fluggesellschaften teilweise elektrostatische Sprüher ein, die einen Nebel von Desinfektionsmitteln freisetzen. Ob diese Massnahmen zu anderen gesundheitlichen Gefährdungen führen, wird die Zukunft zeigen. Da in den Flugkabinen die Luft mit HEPA-Filtern gereinigt wird, die 99 Prozent der Mikroben in der Luft abfangen, besteht kaum ein Risiko beim Einatmen der Kabinenluft. Die Luft in einer Flugzeugkabine wird nämlich 20 bis 30 Mal pro Stunde durch das Filtersystem geleitet, und die rückgeführte Luft wird mit mindestens 50 Prozent Frischluft gemischt. Wer derzeit bei Lufthansa einen Europaflug bucht, kann bei der Sitzreservation sehen, dass jeweils eine Reihe und der Nachbarsitz frei gehalten werden. Das bleibt aber nicht so, wenn die Nachfrage steigt, was jetzt Kontroversen auslöst. Die Tochtergesellschaft Swiss erbittet seit 4. Mai von den Fluggästen eine Mund-Nasen-Bedeckung an Bord. Weiter rät die Fluggesellschaft, sie auch vor und nach dem Flug am Flughafen zu tragen, falls Social Distancing nicht ausreichend gewährleistet werden könne. Swiss orientiert sich damit an den offiziellen Vorgaben zahlreicher europäischer Länder, in denen das Tragen einer Mund-Nasen-Bedeckung in der Öffentlichkeit inzwischen Pflicht geworden ist. Mit dieser Weisung liess die Swiss die Regelung fallen, den Nachbarsitz in der Economy Class freizuhalten. Die Begründung: Durch das Tragen der Mund-Nasen-Bedeckung bestehe ein ausreichender Gesundheitsschutz. «Grundsätzlich bleibt eine Ansteckung mit dem Coronavirus an Bord weiterhin unwahrscheinlich», schreibt Swiss. Aber es ist längst bekannt, dass lange Flüge die Immunkompetenz des Körpers schwächen. Die trockene Luft beeinträchtigt die Schleimhautoberflächen und während des Fliegens schütten die Nebennieren Stresshormone aus, die das Immunsystem schwächen. Mitte Mai hat die Europäische Kommission ihre Vorgaben für Flugreisen vorgestellt: Passagiere sollen während der Reise Schutzmasken tragen und körperlichen Abstand einhalten. Dazu sollen die Airlines im Flugzeug den Mittelplatz je Reihe oder aber jede zweite Reihe freihalten. Die Fluggesellschaften müssten sich aber nur daran halten, solange die Zahl der Passagiere dies erlaube. Die International Air Transport Association (IATA) hat dazu am 25. Mai mitgeteilt, eine grosse Zahl von Sitzen leer zu lassen «ist wahrscheinlich nicht tragbar», und präzisierte: Die grössten Herausforderungen seien ohnehin die Bewegungen der Passagiere an Bord, insbesondere beim Ein- und Aussteigen und bei der Benutzung von Toiletten. Solche Wischiwaschi-Weisungen und -Informationen verunsichern natürlich. Potenzielle Passagiere haben nämlich Angst, sich in einer beengten Flugkabine mit COVID-19 anzustecken. Das betrifft in erster Linie die enge Economy Class, wo jeder Zentimeter zählt. Das wird die grosse Herausforderung für die Fluggesellschaften sein. Der neapolitanische Flugzeugsitzhersteller Aviointeriors empfiehlt den Janus-Sitz, benannt nach dem doppelgesichtigen römischen Gott. Um den Passagieren maximalen Schutz vor ihren Nachbarn zu bieten, sind die Mittelsitze nach hinten gerichtet. Jeder einzelne Sitz ist von einem transparenten Schild umhüllt. Nur: Wer hat Lust, stundenlang rückwärts zu fliegen? Aviointeriors schlägt auch eine durchsichtige Plexiglashaube auf jedem Flugzeugsitz vor. Eine weitere Idee, an der gearbeitet wird, ist das Isolate-Kit des britischen Beratungsunternehmens Factorydesign. Dabei handelt es sich um eine herausnehmbare Trennwand, die auf dem Mittelsitz einer Economy-Reihe installiert werden soll.

Flugexperten geben aber zu bedenken, dass Fluggesellschaften nicht einfach Trennwände oder irgendetwas in der Kabine anbringen könnten, ohne zuvor einen Prototyp zu testen und von der Flugbehörde genehmigen zu lassen. Umfangreiche Tests sind notwendig, um sicherzustellen, dass die Sitze die Evakuierung der Passagiere im Notfall nicht behindern. Jede Fluggesellschaft muss diesen Prozess einzeln durchlaufen, weil es keine pauschalen Genehmigungen gibt. Virologen äussern auch Zweifel an den Trennwänden gegen die Verbreitung des Coronavirus. Wenn eine Person mit Coronavirus niest, zerstreuen sich die Tröpfchen in einer Blase, die um die Trennwand herum schweben kann.

Laut der International Air Transport Association (IATA) ist es wahrscheinlich wirksamer, Passagieren und Besatzung das Tragen von Gesichtsmasken vorzuschreiben, um zu verhindern, dass diese Tröpfchen überhaupt in die Luft gelangen − eine Regel, die einzelne Fluggesellschaften bereits in Kraft gesetzt haben (bei Swiss bleibt es nur eine Bitte an die Passagiere). Hinzu kommt, dass Flugzeuge bekanntermassen ziemlich schmutzige Oberflächen in der gesamten Kabine haben. Sitzwände verhindern nicht, sich über eine kontaminierte Oberfläche zu infizieren. Das bedeutet jedoch nicht, dass keine Änderungen an der Kabinenkonstruktion notwendig werden. Bei vielen internationalen Fluggesellschaften ist die Business Class in Kurzstreckenflugzeugen einfach ein Standard-Economy-Sitz, bei dem der Mittelsitz leer bleibt, um den Passagieren mehr Platz zu bieten. Vielleicht wird dieser Standard eben doch die neue Economy.