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Achtsamer Blick

Florian Kasser

Kampagnenleiter Zero Waste bei Greenpeace Schweiz

 

über bessere Lösungen als Recycling

In der Rubrik „Mein achtsamer Blick“ unserer Partnerzeitschrift Doppelpunkt wirft jede Woche eine Persönlichkeit aus Wirtschaft, Politik oder Gesellschaft einen Blick auf das, was für sie zählt. Der Sonntag publiziert diesen Beitrag für seine Lesserinnen und Leser online. Die Meinung der Autorinnen und Autoren muss sich dabei nicht mit derjenigen der Redaktion decken.

Alle „achtsamen Blicke“ finden Sie unter www.doppelpunkt.ch/achtsamer-blick.

Reduzieren und reparieren statt rezyklieren

Die Schweiz und die Welt stecken in einer Abfallkrise, denn unsere Konsumgesellschaft hat in den letzten Jahrzehnten eine beispiellose Zunahme von Einwegverpackungen verursacht. Ab dem 3. Juli dürfen nun Einwegbesteck und -geschirr aus Plastik, Trinkhalme, Rührstäbchen, Wattestäbchen und Luftballonstäbe aus Kunststoff sowie To-go-Getränkebecher oder Wegwerf-Essensbehälter aus Styropor EU-weit nicht mehr produziert werden. 

Wir Schweizerinnen und Schweizer sind zwar Recycling-Weltmeister. Doch das nützt wenig, denn Recycling setzt nicht bei den Ursachen an und hat nur einen sehr beschränkten Umweltnutzen. Gerade das derzeit oft diskutierte Sammeln und Rezyklieren von Restplastik sind aus Sicht von Greenpeace Schweiz eine Sackgasse. Wenn eine Person in der Schweiz ein ganzes Jahr Plastik sammelt, hat das den gleichen Umweltnutzen wie der Verzicht auf das Verzehren eines Rinds-Entrecote. Recycling von Restplastik bringt also fast nichts, zementiert aber den Verbrauch von Ressourcen. Daher sollte man damit gar nicht erst beginnen.

Oft steigen Detailhändler und Take-away-Anbieter von Plastik auf Einwegverpackungen aus anderen Materialien um. Doch auch das sind Scheinlösungen. Denn auch Karton beispielsweise braucht viele Ressourcen und belastet damit die Umwelt und verkleinert die Biodiversität.

Wie sollten uns daher an den wichtigsten und wirkungsvollsten Grundsatz der Abfallpyramide erinnern: Wir sollten Abfall möglichst vermeiden. Ein relativ einfacher Weg, dies zu tun, sind Mehrweg-Verpackungen. Das wäre auch eine Rückbesinnung auf Tugenden, die wir schon mal lebten. Ältere Semester erinnern sich noch, wie sie als Kinder mit dem Milchkessel zur Käserei liefen und die frische Milch ohne Plastikverpackung nach Hause brachten.

Achtsamer Blick

Die Nahrungsmittelkonzerne und die grossen Detailhändler könnten hier ihre Innovationskraft beweisen und intelligente, ansprechende und konsumentenfreundliche Mehrweg-Systeme einführen. Da aber Konzerne wie Nestlé zu wenig in Mehrweg-Lösungen investieren, sollte die Politik auch klare Vorgaben machen.

Unsere Konsumgesellschaft ist zu einer Wegwerfgesellschaft mutiert – und zwar nicht nur im Bereich der Verpackungen. Das können wir nur mit einem nachhaltigen Konsum wieder ändern. Wir können nachhaltigere Produkte kaufen, die länger halten. Und wir sollten im Sinne einer echten Kreislaufwirtschaft die Produkte wieder öfter reparieren. Doch leider agieren die Konzerne auch da gegen das Kundenbedürfnis. Ich habe kürzlich meinen Apple-Computer von 2008 repariert. Das war relativ einfach und er funktioniert nun wieder tadellos. Doch Apple wollte diese Reparatur eigentlich nicht und bietet dafür auch keinerlei Hilfe an. Ich fühle mich von der Industrie und von Apple entmündigt, wenn man mir vorschreibt, man müsse alles gleich wegwerfen.

Von der Industrie kommt oft der Einwand, einfache Produkte und Verpackungen seien ein Kundenbedürfnis. Doch das stimmt so nicht. Die Abfallreduktion ist ebenfalls ein grosses Kundenbedürfnis. Es ist eigentlich simpel: Reduktion, Mehrweg-Systeme und Reparatur sind die innovativsten und effektivsten Lösungen gegen die Abfallkrise und allen technischen Scheinlösungen wie Recycling überlegen.

Florian Kasser ist Kampagnenleiter Zero Waste bei Greenpeace Schweiz.